Eine Metastasio-Reflexion feinerer Art – Die Uraufführung von Lucia Ronchettis „Mise en Abyme/Widerspiegelung“ an der Semperoper


(nmz) -
Gedanken über die Aufführungspolitik an der Semperoper Dresden hat sich Frieder Reininghaus anlässlich einer Musiktheater-Uraufführung von Lucia Ronchetti im Hinterhaus des Glanzbaus gemacht. Er empfiehlt eine Änderung der Programmpolitik: Die Stücke in der „Semper2“ hätten es verdient.
24.02.2015 - Von Frieder Reininghaus

Die Semperoper in Dresden ist eine historische Einrichtung. Von der Sächsischen Staatsoper mitsamt der hochleistungsfähigen Staatskapelle erwartet die überregionale Öffentlichkeit wie der überwiegende Teil der ortsansässigen Geschmacksträgerschicht zuvorderst Dankmalpflege. Dafür stehen in dem traditionsreichen Haus, dem ein führender Kopf fehlt, die Namen der wechselnden Kapellmeister – nach einer kurzen Mesalliance mit Fabio Luisi hat der sprunghafte Christian Thielemann derzeit die musikalische Oberleitung inne. Doch was sich jetzt an „seinem“ Haus musikalisch regte, bewegt sich wohl unterhalb des Levels seiner Wahrnehmung und auf der Hinterbühne „Semper 2“, einem etwas heruntergekommenen Anbau aus der Endphase der DDR: Da gab es eine Uraufführung! Die in Rom geborene Berlinerin Lucia Ronchetti schrieb, jeweils in Verknüpfung mit einem Opern-Intermezzo aus dem 18. Jahrhundert, seit 2012 drei Kammerstücke für Dresden. Der dritte dieser heiteren Einakter wurde unter dem ambitionierten Titel „Mise en Abyme / Wiederspiegelung“ präsentiert.

Lucia Ronchetti meinte, man habe ein heiteres Werk von ihr erwartet, in dem die charmante Italianità der großen Zeit der neapolitanischen Oper nachhallt. Tatsächlich kontrapunktiert und kommentiert die feinsinnige und klangsensible neue Lineatur eine alte, die immer wieder aufscheint. Das seitwärts der Bühne postierte zehnköpfige Instrumentalensemble legt unter der präzisen und umsichtigen Leitung von Felice Venanzoni gegenüber dem ebenfalls zehnköpfigen Sänger-Ensemble die gebotene Zurückhaltung an den Tag. Es konzentriert sich auf die Akzentsetzung und die pointierte Farbbeimischung. Zusammen mit der Dramaturgin Anne Gerber stellte Ronchetti sich ein Libretto aus Brief- und Textstellen des großen Wiener Theaterdichters Pietro Metastasio zusammen. Der avancierte dann auch zur zentralen Figur – Roland Schubert verleiht ihm eine kraftvolle und durchsetzungsfähige Stimme sowie die Statur eines Mannes in den besten Jahren, dem das Leben und das Essen schmeckt.

Der historische Metastasio wie sein Wiedergänger auf der Bühne Semper2 gehören zu jenen Autoren, die schon in relativ frühen Jahren davon ausgehen, dass sie „Klassiker“ seien oder werden und in entsprechender Intonation ihr ernst gerichtetes Schaffen theoretisch untermauern. Im Prolog, einer ausladenden a cappella-Szene, wird Kammersänger Professor Schubert bei der Arbeit am Libretto zu „Didone abbandonata“ durch das unwiderstehliche Angebot eines offensichtlich finanzkräftigen und einflussreichen Großintendanten auf den fernen Kanaren abgelenkt und mit der Herausforderung konfrontiert, erstmals eine komische Oper zu texten. Ein vorzügliches Quartett seliger Geister umschwirrt den von Zweifeln und Selbstzweifeln gemarterten Kopf. Der hohe Solosoprangeist von Dorothea Wagner erweist sich dabei als helles Vergnügen.

Des Weiteren trifft der fistelnde Nibbio, der die Sopraintendanza für die schönen Künste auf den Kanarischen Inseln innehat, bei Metastasio ein. Seine Begehrlichkeiten verschränken sich mit der im Entstehen begriffenen Handlung von der verlassenen Dido und einer der klassischen Theaterintrigen: Zwei rivalisierende Sängerinnen durchkreuzen die höheren Intentionen der ernsten Kunstbemühung.

Im Grunde waltet diese auch – trotz des Verweises auf den Lustspielcharakter des Intermezzos – bei Lucia Ronchetti. Der von ihr ins Feld geführte und auf einen altfranzösischen Begriff für ‚unendlich‘ anspielende Titel „Mise en Abyme“ zielt auf ein Bild, das sich selbst enthält: Auf die unendliche Geschichte, die schon das Kinderlied kennt – das Lied vom Mopps, der zum Eierdiebstahl in die Küche kommt.

Axel Köhler hat in einer angemessen einfachen Ausstattung von Arne Walther und Frauke Schernau – Theaterkulissen von hinten – die raffiniert-heiter-ernste Geschichte sehr ansprechend inszeniert: Genährt von der Erfahrung einer langen Theaterkarriere und eben auch dem Wissen um Intrigen und Sparzwänge. Wenn mit der gleichen Aufmerksamkeit in Dresden auch das Neue in größeren Formaten gepflegt würde, hätte die Semper-Oper auch wieder Chancen, zu den bedeutenderen Pflegestätten des Musiktheaters aufzuschließen. Ungut ist die Arbeitsteilung zwischen der repräsentativen Ausbeutung der „großen Literatur“ auf der Hauptbühne und der künstlerisch-diskursiven bzw. kritisch-ironischen Auseinandersetzung mit den Erblasten der Historie im Hinterhof. Sollte die an die Fassade des Repräsentationsbaus geheftete Parole für ein „weltoffenes Dresden“ nicht qua weltweit ausgestrahlte TV-Bilder unfreiwillige Reklame für die der sich auf dem Platz neben dem Zwinger zusammenrottenden Rechten sein, müsste die Staatsoper im Tal der wohl doch nicht mehr so ganz Ahnungslosen ruckartig die Programmpolitik ändern.

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