Elisabeth im Lazarett – Kirsten Harms’ „Tannhäuser“ an der Deutschen Oper Berlin


(nmz) -
Bis zum Vorjahr stand Götz Friedrichs Inszenierung von Richard Wagners Romantischer Oper auf dem Spielplan der Deutschen Oper Berlin. Friedrich war es, der in seiner legendären, Skandale auslösenden Bayreuther Inszenierung im Jahre 1972 erstmals die antagonistischen Frauenrollen Venus und Elisabeth mit ein und derselben Sängerin besetzt und damit auf deren geheime Identität hingewiesen hatte. Seine Intendanz-Nachfolgerin Kirsten Harms geht in ihrer Neuinszenierung einen Schritt weiter: bei ihr sind Venus und Elisabeth identisch.
01.12.2008 - Von Peter P. Pachl

Dies wird spätestens im dritten Aufzug deutlich: Elisabeths Leiche wird von Wolfram missbraucht, der die Tote dann vor den Blicken Tannhäusers verdeckt, bis diese sich mit den Lockrufen der Venus wieder aufrichtet und dann, in inniger Umarmung, gemeinsam mit Tannhäuser den Liebestod stirbt. Ihre langen blonden Haare, die im Venusberg partiell ihre Nacktheit verdeckt hatten und die sie erst mit der Hallen-Arie für die höfische Gesellschaft zu Zöpfen flicht, löst Wolfram bei seinem Lied an den Abendstern wieder auf.

Bernd Damovsky hat den Schwerpunkt seiner Ausstattung auf die Kostüme gelegt und im leeren, nur mit Gazeschleiern ausgehängten Bühnenraum die hydraulische Technik extrem gefordert. Vollbusige Sirenen, die wie Wellen aus der Unterbühne auf und ab wogen, locken einen astronautengleich herabsinkenden Ritter in voller Rüstung zu sich. Die Pilger sind bereits im Fegefeuer der Versenkung schmachtende Seelen, über denen geflügelte Dämonen schweben. In voller Rüstung werden die Minnesänger, auf ebenso gepanzerten Pferden, auf die Szene geschoben. Auch die vielfarbig individuell gestalteten Damenkostüme der Wartburg auf dem dann zur Sängerhalle gestuften Bühnenboden folgen mittelalterlichen Vorlagen, während die individuelle Helmzier der Gerüsteten (etwa mit Morgensten-Faust, Hasenohren und Hähnchenkeulen) grotesk ad absurdum geführt wird. Auch im Bühnenhimmel schweben vierzig komplette Rüstungen. Statt einer Madonnenstatuette sucht Elisabeth ein Lazarett auf, in dessen Betten die heimgekehrten Pilger dahinsiechen.

Dieses manchen verstörende Bild kann sich gleichwohl auf die historische Elisabeth berufen, die als Mutter der Armen und Kranken verehrt wurde. Und bei der Schlussapotheose, wenn auch die Frauen im weißen Nachthemd ins Lazarett strömen, fehlen auch die teuflischen Dämonen nicht: Halleluja und Hölle gehören eben zusammen wie Venusberg und Wartburg.

Die hier ohne Retuschen erklingende letzte Dresdener Fassung ist klanglich sehr viel heikler als die nachfolgenden Fassungen für Paris und Wien, hörbar ist jede Intonationstrübung, von denen es insbesondere im ersten Akt zu viele gab. Immerhin durften die Premierenbesucher froh sein, dass das Orchester an diesem Wochenende, an dem mehrere Theater infolge des Orchesterstreiks auf Klavierbegleitung ausweichen mussten, überhaupt gespielt hat.

Ulf Schirmer leitete routiniert ausgewogene Ensembles und einen Chor, dessen Qualität in der Einstudierung von William Spaulding zu Höchstleistungen auflief, mit berückenden Piani und markanter Diktion. Torsten Kerl ist ein kraftvoller, in der Gestaltung überzeugender Tannhäuser, dessen angekündigte Indisposition sich in zu tief angesetzten Spitzentönen äußerte. Nadja Michael in der weiblichen Doppelrolle imponiert mit dem Mut zur Nudität, wie sie dem Komponisten – damals allerdings vergeblich – vorschwebte; ihr Mezzo-Timbre mit klarer Höhe wird allerdings beeinträchtigt durch störende S-Lautung. Reinhard Hagen als Landgraf, Clemens Bieber als Walther und Lenus Carlsen als Biterolf boten klare Rollenprofile. Den meisten Applaus erhielt der inzwischen zum Publikumsliebling avancierte Markus Brück, der die doppelbödige Moral des Wolfram von Eschenbach darstellerisch und sängerisch herauskehrte, aber auch für Belcanto-Freunde keinen Wunsch offen ließ.

Insgesamt eine diskussionswürdige Produktion mit neuen Ein- und Ausblicken.

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