„Es ist Zeit, zu gehen“ – Großen Erfolgen zum Trotz steht die Oper Wroclaw vor einer ungewissen Zukunft


(nmz) -
Nur noch wenige Tage, dann beginnt im polnischen Wroclaw das gemeinsam mit dem spanischen San Sebastian ausgerichtete Kulturhauptstadtjahr 2016. Das bedeutet für das einstige Breslau sowohl große Chancen als auch ganz große Fragezeichen. Denn nach den jüngsten Parlamentswahlen in Polen stehen dem europäischen Nachbarland nationale – schlimmstenfalls sogar nationalistische – Veränderungen bevor.
23.12.2015 - Von Michael Ernst

Ewa Michnik, die an der Oper Wroclaw seit zwanzig Jahren als Intendantin und Generalmusikdirektorin für ein zunehmend international ausgerichtetes Renommee sorgt, sieht ihr Heimatland in „keiner guten Zeit“. Für sie persönlich sei es nun sogar an der Zeit, sich von ihren Ämtern zurückzuziehen. Am vergangenen Wochenende dirigierte sie mit großem Erfolg Giacomo Puccinis Oper „Madama Butterfly“ in einer Neuproduktion – und ließ unmittelbar danach wissen, dass sie mit Ende der laufenden Spielzeit das Haus verlassen wird. Dabei hat die zuvor schon in Kraków erfolgreich tätige Künstlerin mit großem Tatendrang just dafür gesorgt, dass die Oper Wroclaw unumstritten als Polens bestes Musiktheater anerkannt ist, sie hat Richard Wagner ebenso wie zeitgenössisches Schaffen gepflegt, mit Ur- und Erstaufführungen ebenso wie mit alljährlichen „Mega-Produktionen“ in der architektonisch eindrucksvollen Jahrhunderthalle sowie unter freiem Himmel für großes Aufsehen gesorgt. Unter ihrer Ägide wurde das 1841 nach Plänen von Carl Ferdinand Langhans errichtete Opernhaus grundlegend saniert und erstrahlt heute wieder in neuem alten Glanz. Vor allem aber hat sie es vermocht, die künstlerische Ausstrahlung des Hauses auf ein herausragendes und international vergleichbares Niveau zu heben.

Diese Leistungen unterstrich Ewa Michnik auch in der jüngsten Produktion, für die sie den Regisseur Giancarlo del Monaco zu seinem Wroclaw-Debüt gewinnen konnte. Aus dem Orchestergraben klang es imposant mit emotional suggestiver Wirkungskraft, auf der Bühne wurden überwiegend Bestleistungen geboten, die Solistenriege und auch der von Anna Grabowska-Borys einstudierte Chor überzeugten bis auf ganz wenige Ausnahmen bestens disponiert.

Giancarlo del Monaco und sein Ausstatter William Orlandi verorteten das Geschehen im Nagasaki von 1947, zwei Jahre nach den nuklearen Verbrechen der USA also, die gar nicht explizit benannt werden mussten. Ein toter Baum unter bröckelndem Stadtstraßenbeton (den es so wohl erst etwas später gegeben haben dürfte) sowie eine alles überziehende Staubschicht waren schon Zeugnis genug. Diese leicht schräge Zeitachse dürfte durchaus Puccinis Intentionen entsprochen haben, denn schon gut 100 Jahre zuvor ist die US-Navy in Japan präsent gewesen und leisteten sich deren Offiziere sexuelle Vergnügen auf Kosten einheimischer Frauen. Die hatten wohl durchaus auf derlei Anerkennung geschielt, sich von ihr freilich eine gemeinsame Zukunft erhofft, wie John Luther Long bereits in seiner gleichnamigen Erzählung beschrieb, die dem Opernlibretto zugrunde lag. Im 20. Jahrhundert avancierte der stets selbstherrliche Imperator zum einzigen Land der Welt, das Atombomben gegen die Menschheit eingesetzt hat. Auf der Bühne mussten diese Kriegsverbrechen nicht explizit benannt werden, die Ausstattung sprach da für sich.

Als eitler Laffe in Offiziersuniform trat Pinkerton auf und ließ sich vom schmierig gerissenen Sharpless die naiv hoffende Geisha Cio-Cio-San geradezu kredenzen. Aus dieser Madame Butterfly wurde schon sehr bald die verlassene Mrs. Pinkerton, die sich mit ihrem Kind – das hier mal eine Tochter war – und der hilfreichen Suzuki durchs Leben zu schlagen hatte. Anna Lichorowitz vom Hausensemble bestach mit kräftigem Sopran, schöpfte aus dunkler Fülle und strahlte enorme Emotionalität aus. Ebenbürtig gelang auch Barbara Baginska eine große Suzuki – wohingegen Gasttenor James Valenti als Pinkerton in Höhenlagen leider sehr angestrengt wirkte und den Sharpless von Valdis Jansos gar damit angesteckt hat. In der zweiten Hälfte des Abends schien er ausgeglichener, sang mit Protagonisten wie Aleksander Zuchowicz als Goro, Lukasz Rosiak als Yamadori und John Paul Huckle als Bonzo durchaus auf Augenhöhe.

Darstellerisch gerieten die Geschlechterbeziehungen teils sehr klamottig, bewiesen wenig Einfühlungsvermögen in die fernöstliche Kultur und waren von derb altherrensexistischen Überzeichnungen geprägt. Dumme Albernheiten wie permanent eindeutig gemeinter Körperkontakte sind ausschließlich der Regie anzulasten. Ansonsten aber gelang der Oper Wroclaw eine überzeugende und vom Premierenpublikum begeistert aufgenommene Puccini-Produktion.

Es ist definitiv eine der letzten unter Ewa Michniks Leitung gewesen. Die Noch-Intendantin verantwortet die Geschicke ihres Hauses bis zum kommenden Sommer, darf darüber hinaus aber nicht planen. Irgendwann 2016 will die Wojewodschaft über die Nachfolge entscheiden. Hinter vorgehaltenen Händen wird die diesbezügliche Kompetenz der Politiker heftig in Frage gestellt. Und nicht nur Ewa Michnik befürchtet schon jetzt, dass Polens Kulturleben künftig von Patriotismus, Nationalismus sowie von Kirchenliedern beherrscht werden könnte. Denn der zunächst große Enthusiasmus vieler Wähler, die sich von der bisherigen Opposition einen Wechsel erhofft hatten, sei alsbald einem jähen Erwachen gewichen. Doch dieser Schreck macht die politische Weichenstellung nicht so rasch rückgängig.

Für Polen sei dies – unabhängig vom Kulturhauptstadtjahr für Wroclaw – „keine gute Zeit“, so Ewa Michnik, und für sie selbst sei es angesichts dieser Entwicklung „Zeit, zu gehen.“ Bis zum endgültigen Abschied allerdings stehen noch einige Neuproduktionen der Oper bevor. Als Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr gibt es im Juni eine große Zarzuela-Show auf Basis von George Bizets „Carmen“ – als vorerst letzte „Mega-Produktion“, diesmal im neuen Stadion, das immerhin 30.000 Sitzplätze fasst.