Europa-Tour der Sächsischen Staatskapelle Dresden: Brückenbauer nach Noten


(nmz) -
Der grassierenden Politikverdrossenheit eins gegensetzen, das schafft vielleicht nur die Musik. Die Sächsische Staatskapelle und der Staatsopernchor Dresden haben jedenfalls mal wieder für ein gesamteuropäisches Miteinander von Osten und Westen gesorgt.
05.06.2018 - Von Michael Ernst

Ein Requiem ins Zentrum einer Konzertreise zu setzen, das hat schon symbolischen Wert. Ein Requiem allerdings nicht als Nachruf, sondern zum Nach-Denken. Während die Sächsische Staatskapelle auf ihrer jüngsten Europa-Tournee in Moskau und Sankt Petersburg mit dem Pianisten Denis Matsuev Franz Liszts 2. Klavierkonzert sowie die 4. Sinfonie von Johannes Brahms präsentiert hat und mit diesem Programm (zu dem auch zwei Ouvertüre Carl Maria von Webers gehörten) anschließend im Pariser Théatre du Champs-Élysées sowie in den Festspielhäusern von Luzern und Baden-Baden aufgetreten ist, hat sie in den Mittelpunkt „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms gestellt. Ein Konzert als Symbol, denn dessen Austragungsort war Kaliningrad, das frühere Königsberg.

Extra zu diesem Konzert im wieder aufgebauten Dom der einst ostpreußischen Stadt sind auch der Sächsische Staatsopernchor sowie die Sopranistin Christiane Karg und Bariton Christoph Pohl angereist.

Ein Requiem im Tourneeprogramm wirkt reichlich ungewöhnlich. Doch nur auf den ersten Blick, denn angesichts der besonderen Historie von Kaliningrad hat sich dieses Werk geradezu aufgedrängt. Zumal auch der Aufführungsort symbolische Strahlkraft und obendrein Parallelen zur Dresdner Vergangenheit besitzt – was hier der Dom ist dort die Frauenkirche. Beide waren gegen Ende des Zweiten Weltkriegs fast völlig zerstört, bis Anfang der 1990er Jahre der erfolgreiche Wiederaufbau begonnen worden ist.

Im heute als Konzertstätte genutzten Dom auf der Pregel-Insel geriet das Brahms-Requiem in höchster Weise ergreifend. Bereits vorab würdigte Andrej Ermak, der im Oblast Kaliningrad zuständige Kulturminister, diesen Abend als „größtes musikalisches Ereignis des Jahres“ in seiner Stadt. Mit einem Augenzwinkern betonte er zudem, da die Staatskapelle regelmäßig in den besten Konzertsälen der Welt präsent sei, würde nun auch der Dom von Kaliningrad dazu gezählt werden müssen.

Tatsächlich boten Chor und Orchester unter der musikalischen Leitung von Chefdirigent Christian Thielemann im bis auf den letzten Platz gefüllten Backsteinbau (in dem bereits sein Quasi-Amtsvorgänger Richard Wagner gewirkt hat) eine beeindruckende Aufführung, die Symbolkraft und künstlerische Qualität miteinander verband. Geradezu impulsive Gesangsleistungen flossen mit bis ins Extreme nuanciertem Orchesterausdruck zusammen, stimmschön und emotional aufgeladen gestalteten zudem Christiane Karg und Christoph Pohl ihre Solopartien.

Mit welcher Wirkung hier die Macht der Musik auf das Kaliningrader Publikum traf, zeigte sich im überquellenden Beifall. Stehender Applaus, Jubelrufe und Blumensträuße waren der Dank für dieses einmalige Ereignis.

„Mit großer Liebe“

Christian Thielemann war sich der Bedeutung dieses zentralen Punktes seiner Europa-Tournee durchaus bewusst und begründete die musikalische Sendung so: „Weil wir diejenigen sind, die sich trotz einer veränderten Großwetterlage auf das beziehen, worum es wirklich geht: nämlich dass die Kontakte zwischen den Menschen über die Kunst nicht nur intensiviert, sondern überhaupt aufrecht erhalten werden.“ Es solle ihnen nach solch einem Konzert grundsätzlich besser gehen, so der Dirigent, denn „wir Künstler sind doch diejenigen, die den Menschen eine positive Botschaft bringen.“

Auch im Zusammenhang mit den zuvor absolvierten Konzerten in Moskau und Petersburg meinte er, das russische Publikum sei „mit großer Liebe“ dabei. Auch wenn in der Brahms-Sinfonie nach jedem Satz geklatscht werde, „den Leuten hat’s echt gefallen – und das ist doch das Wichtigste. Jeder drückt das eben etwas anders aus.“

Das Kaliningrader Konzert würdigte Thielemann, dem die ostpreußische Geschichte Herzenssache ist, als herausragend: „Dieser Dom ist ein ganz besonderer Ort. Ich freue mich, dass die Stadt nach und nach wieder aufblüht.“ Die Musik könne den Menschen eine wichtige Hilfe sein, denn das Publikum habe ein Gespür für Ehrlichkeit. „Dem Brahms können Sie glauben, sein Requiem soll nichts sein, das einen runterzieht, man wird allerdings in eine nachdenkliche Stimmung versetzt, die zum Schluss in Hoffnung mündet.“

Mit einem solchen Kontext waren die folgenden Auftritte in Paris, Luzern und Baden-Baden nicht verknüpft, denn hier ist das Orchester ebenso wie all die anderen Spitzenensembles der Musikwelt beinahe regelmäßig zu Gast. Dennoch hat diese Europa-Tournee, wenn man sich nur einmal die Route auf der Landkarte vorstellt, eine deutliche Brückenfunktion zwischen Ost und West verkörpert und dem hier wie da begeisterten Publikum deutlich gemacht, dass dieser Kontinent über mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede verfügt und aus einem verbindenden Geist der Kultur gespeist wird. Daran mit einem Requiem zu erinnern, das nachdenklich stimmt, ist allemal besser als sich voneinander abzukehren und Rücken an Rücken zu stehen, wie es derzeit gewisse Teile der Politikerkaste praktizieren.

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