Fascho-Fantasy um Tosca – Münchens „anderes Opernhaus“ wagt sich an Puccinis Verismo-Thriller


(nmz) -
Seit Berlin auf dem Weg zur europäischen Metropole ist, tut sich München mit dem lange geltenden Titel „Heimliche Hauptstadt“ schwer. Doch eben zieht das Staatstheater am Gärtnerplatz, im Kern Münchens Komische Oper, mit dem Berliner Namenspartner gleich: es nimmt Werke ins Repertoire, die in Konkurrenz zum Spielplan der Staatsoper im Nationaltheater stehen. Ob diese Parallelität künstlerisch ergiebig ist, prüfte unser Kritiker Wolf-Dieter Peter.
15.11.2019 - Von Wolf-Dieter Peter

Natürlich hat Giacomo Puccinis Polit-Thriller gleichsam zeitlose Gültigkeit: noch immer stehen Republikanismus und repressiver Polizeistaat, stehen emphatische Freiheitskämpfer und korrupte Machtmenschen gegeneinander; noch immer werden Dritte in diesem inhumanen Widerstreit getötet. Wenn drei erstklassige Sänger zu Verfügung stehen, Orchester und Dirigent Sinn für Puccinis vulkanisch glutende Dramatik haben, dann fesselt eine Aufführung letztlich auch im leeren Raum, in fast jedem Kostüm.

Die musikalische Seite der Gärtnerplatz-Premiere wurde daher zu Recht einhellig gefeiert. Zwar behielten Chefdirigent Anthony Bramell und das Orchester zu viel vom eröffnenden Fortissimo des Scarpia-Themas anschließend bei, aber Premierenfeuer und Puccini-Glut verführen halt… Hörbar in der Höhe forcierend ankämpfen musste Artem Golubevs Cavaradossi, während seine Mittellage und sein Mezzaforte gut klangen. Mit Noel Bouley stand ein bulliger Scarpia-Hüne da, samt fülligem Bariton für den hemmungslosen Machtmenschen. Oksana Sekerina bekam für Toscas „Vissi d’arte“ Szenenapplaus und war eine glaubhaft attitüdenreiche Jung-Primadonna, die naiv im Politsumpf umkommt. Neben der passenden Intrigantenschärfe von Juan Carlos Falcons Handlanger Spoletta gute Nebenrollentypen.

Musikalisch war alles „staatstheaterlich“.

Stefano Poda zeichnet für Regie, Bühne, Kostüm und Licht verantwortlich (Mitarbeit Paolo Giani Cei). Poda hat ein dunkles, bühnengroßes Raumgeviert mit vielen Gassen als Einheitsbühnenbild erfunden. Im ersten Akt signalisiert ein gestürztes Riesenkreuz samt anderen Balken „Kirche Sant‘Andrea“; im zweiten Akt bildet ein bühnenbreiter, tafel-artiger Schreibtisch das Zentrum von Scarpias „Kabinett“ samt geborstener Weltkugel – auf dem Tisch eine quälend-gut inszenierte Halbvergewaltigung Toscas durch Scarpia; die finale Erschießungsplattform auf der Engelsburg ist eine leere Schräge, über der ein abstrakter Freiheitsadler und ein filigranes Lanzen-Gitter im Raum hängen.

„Wenn die Regie nicht weiter weiß, hilft Video und Trockeneis“

Mit einer völlig befremdlichen Luke für die Kapelle in der Kirche beginnen die unlogischen Hinzuerfindungen: die Drehbühne kreist dramaturgisch unergiebig; Republikaner wie Faschisten sind in Schwarz gekleidet, auch die korrupten Kirchenmänner, nur Tosca hat mal einen rot-gefütterten, mal einen weißen Umhang; über die am Boden liegende Leinwand Cavaradossis wird viel hinweggegangen, obwohl dann ein Schwarz-Weiß-Fresko im Hintergrund aufscheint, dessen Augenfarbe Tosca geändert haben will; der junge Mesner ist ein Rabauke, der dann nach einem banalen Brotkorb giert; Scarpia wird von Tosca in seinem halboffenen Kabinett erschossen und kein zuvor herumstehender Fascho stürzt herein undundund … da beginnt der Klassiker zu gelten „Wenn die Regie nicht weiter weiß, hilft Video und Trockeneis“ – zwar kein Video, aber durchweg wabert dichter Nebel in Podas Räumen bis zum Finale: Cavaradossi wird im Bühnen-Off erschossen und fährt per Versenkung hoch, Tosca dafür durch eine Kette Fascho-Handlanger abgeknallt – und dann stürzt die Rückwand spektakulär nach vorne, Nebel wallt – und Tosca schreitet unsterblich heran und ins Blackout. Eine Naja-Regie, gegen die Puccinis Klassiker locker besteht. Und im Februar 2020 gibt es dann eine „Tosca“ von 2010 im Nationaltheater, wo gerade „Rigoletto“ lief, den das Gärtnerplatztheater dann ab Januar neuinszenieren lässt …

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