Ferchows Fenstersturz: Löwen in den Zoo


(nmz) -
Skandal! Der Bayerische Musiklöwe 2009 geht unter anderem an Tokio Hotel und Silbermond. Dass wir uns richtig verstehen: Fraglos ist die Vergabe eines bayerischen Preises an zwei Ossi-Bands ein Skandal. Den größeren Anstoß verursacht jedoch die Existenz eines solchen Preises überhaupt. Wer verleiht den Preis? Und warum? Und für was? [Vorabveröffentlichung aus nmz 10-09]
03.10.2009 - Von Sven Ferchow

Die Vermutung liegt nahe, dass da ein unterbezahlter Referent an der Schwelle zur lebenslänglichen Verbeamtung der Rädelsführer war. Beim Schnüffeln nach Alkopops im Zimmer seiner Kinder, die er auf der Waldorf-Schule gut outgesourct wähnte, schrammte er vermutlich an diversen BRAVO-Starschnitten entlang. Und kombinierte: Jugendkultur in Bayern muss keine Zwangsinternierung im Trachtenverein bedeuten. Also machte er seinem Chef einen Vorschlag: eine Preisverleihung, die Popmusik würdigt und den ein oder anderen Wählerhappen übrig lässt.

In der Bayerischen Staatskanzlei war man ob dieser Popexplosion so begeistert, dass sich auf deren Internetseite www.bayern.de nicht ein Suchergebnis zum renommierten Bayerischen Musiklöwen finden lässt: „Leider ergab Ihre Suchanfrage keinen Treffer.“ Eine vertraute bayerische Antwort zu den Themen Bildung und Soziales.

Dabei ist das Kabinett unschuldig. Kultur ist nämlich nur dem Staatsoberhaupt bezüglich der Familienplanung vorbehalten: Stichwort Patchwork-Family. Schuld am Preis: die Bayerische Botschaft in Berlin. Die Regierung in der Regierung. Erst über Umwege wird man dort löwenfündig. Ein Bericht von der Verleihung 2007. Berauschend formuliert. Verliehen von Emilia Müller, die als Bayerische Wirtschaftsministerin erst einen unbedeutenden Preis verleihen musste, um den noch unbedeutenderen Posten der Europaministerin zu erklimmen. Ätzend blumig heißt es: „Alle (Staatsministerin, Prominenz, fränkische Weinprinzessinnen) wippten im Rhythmus der röhrenden Gitarrensounds.“ Die Brioni-Krawatten der Referenten mussten sich also einem ernsthaften Belastungstest unterziehen.

Überraschend zeigte sich der Löwe im Wahljahr 2008 eher kondolierend. Er blieb scheinbar unverliehen. Erst im August 2009 verkünden vorm Volk versteckte, halb-anonyme Nachrichten einen erneuten Löwen-Exzess der Bayern in Berlin: Die CSU-Abgeordnete im Bundestag, Dagmar Wöhrl, verleiht den Musiklöwen. Im Charlottenburger Audi-Zentrum zu Berlin. Wenigstens die Automarke bleibt heimisch, wenn der Preis schon in den Osten geht. Und Frau Wöhrl, Ex-Miss Universum, hat eine Aufgabe. Statt sich in den bayerischen Schulen umzusehen, weil dort wegen Platzmangel der Unterricht auf Toiletten und in Umkleideräumen stattfinden muss, verleiht sie Musikpreise. Gut angezogen freilich.

Nun, jeder Zoolöwe scheint besser gepflegt zu werden als der Bayerische Musiklöwe. Bleibt zu hoffen, dass nicht wir Bayern für die Orgie blechen, sondern Wowi. Aber aufgepasst! Das wäre nicht das erste Mal, dass Wowi-Bär eine Idee stibitzt. Nicht, dass es 2010 heißt: Und der Berliner Musik-Plüschi geht an…

 

 

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