Fragen und Antworten – Ein Festival der Hugo-Wolf-Akademie in Stuttgart beleuchtet das Kunstlied seit 1945 in Ost und West


(nmz) -
„Sind noch Lieder zu singen?“ Unter diese Frage stellte die Hugo-Wolf-Akademie ein viertägiges Festival an der Stuttgarter Musikhochschule. Bei Paul Celan heißt es: „Es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen“. Natürlich werden weiterhin Lieder gesungen, die Hitparade ist voll davon, der European Song Contest steht bevor. Hier war das Kunstlied zur Klavierbegleitung gemeint: eine deutsche Tradition, die auf Schubert zurückgeht. Wie hat sich dieses nach 1945 in beiden Hälften des Landes entwickelt? Zwei Pianisten aus Ost und West, Steffen Schleiermacher und Axel Bauni, konzipierten das Programm. Dazu kamen zwölf Uraufführungen: zehn Kompositionsaufträge und zwei Gewinner eines Wettbewerbs.
16.03.2015 - Von Dietrich Heißenbüttel

Einen vergleichbaren Überblick über das deutsch-deutsche Liedgut hat es noch nicht gegeben. Es begann mit einer Trouvaille, einem Trümmerlied aus dem Osten nach eigenem Text von Max Butting. Ebenso überraschend „Der Sommer“: György Ligeti vertont Hölderlin, schlicht und liedhaft, basierend auf absteigenden Ganztönen. Unerwartet auch Wolfgang Rihms „Neue Alexanderlieder“ von 1979 nach Texten des „Schizophrenen“ Ernst Herbeck: „Die Frau in mir“ in schlichter Tonalität, „Ich mag euch alle nicht“ umso furioser. Für die rockende Klavierpassage am Schluss erhielt Schleiermacher spontanen Szenenapplaus.

Gewiss, auch Hans-Werner Henze und Paul Hindemith, Wolfgang Fortner und Aribert Reimann, Siegfried Matthus, Paul Dessau und Hanns Eisler kamen zu Gehör. So lehrhaft Brecht-Lieder daherkommen, es fehlt nicht an Ambivalenzen, und ganz unabhängig vom politischen System war Eisler ein begnadeter Komponist. Zum Schluss erlaubten sich Schleiermacher und Holger Falk gar, stehend wie es sich gehört, Eislers bessere Nationalhymne „Anmut sparet nicht noch Mühe“, gesungen vom Komponisten selbst vom Band abzuspielen.

Viele der Komponisten sahen sich durch den Kompositionsauftrag vor Fragen gestellt. Der Argentinier Oscar Strasnoy etwa verwendete in seinem Zyklus „Müller“ Texte von Herta Müller, Heiner Müller und dem Schubert-Dichter Wilhelm Müller, um zum Schluss „Das Wandern ist des Müllers Lust“ lustvoll zu dekonstruieren. Ein wenig mehr Leichtigkeit hätte der Interpretation von Matthias Klink und Jan Philipp Schulze gut getan, die in zwei Teile zerfiel: Ernst und Klamauk.

Preisträger Dennis Bäsecke-Beltrametti nahm sich sehr bekannte Texte neu vor, von „Kein schöner Land“ bis „König von Deutschland“. Hans-Henning Ginzel sucht dagegen einen Aphorismus von Nietzsche sinnfällig zu machen, den er in einzelne Laute zerlegt. Carsten Hennings „Schmetterlingsfang III“ geht aus von gehauchtem Lauten des Tenors und der Bassklarinette. Jan Massanetz versuchte sich an Ringelnatz, Alexander Muno mit eigenen Texten, in denen deutsche Geschichte aus der Perspektive des Nachgeborenen indirekt und manchmal etwas plakativ aufscheint: Alles brave, handwerklich solide Stücke, die sich an den Fragen des Auftraggebers abarbeiten.

Steffen Schleiermacher und Gordon Kampe stellen keine Fragen, sie beantworten sie. In Kampes „schwarzen Liedern“ hatte die Sopranistin Claudia Barainsky ihre Sternstunde, Axel Bauni bewältigte meisterhaft die schwierigsten Passagen. In Schleiermachers „Traumschutt“ nach Texten des Expressionisten Wilhelm Klemm, vorgetragen von Sebastian Pilgrim und dem Komponisten, durchdringen sich heftige Anschläge und ein verhaltenes, langsames Voranschreiten in einem hoch konzentrierten Spannungsbogen.

Lieder sind Lyrik. Im „noch“ des Festival-Mottos steckt auch Adornos Diktum, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, sei barbarisch. Carola Bauckholt jedenfalls hat Schwierigkeiten mit deutschem Liedgut. In ihrem Stück liegt Salome Kammer unter dem Flügel, singt und spricht durch einen Schlauch in ihn hinein. Akiko Okabe, die Pianistin, kann sie nicht sehen. Iris ter Schiphorst ihrerseits ging dem Unbehagen mit Hannah Arendt auf den Grund. Die gesprochenen Zitate zum Eichmann-Prozess wechseln mit unartikulierten, tremolierenden Schreien – vielleicht die beste Art, die Inkommensurabilität der Aussagen musikalisch sinnfällig zu machen. „Ein deutsches Kunstlied! – für das deutsche Bürgertum“, ruft Kammer ins Publikum.

Zu zwei weiteren Höhepunkten kommt es im letzten Konzert: Martin Smolka, ganz unbelastet, schrieb ein meditatives Klavierlied mit Viola und Stimme in gleitenden Tonhöhen nach der deutschen Übersetzung eines chinesischen Gedichts von Li-Po. Bernhard Lang schließlich hat sich mit amerikanischem Minimalismus und Rock aus der Erstarrung der Liedtradition befreit. Getrieben vom hämmernden, fragmentierten Rhythmus des Klaviers, repetiert Holger Falk Satzfragmente, oft nur auf einem Ton oder in die Oktave umschlagend. Im dritten Satz wirken Falk und Schulze beide etwas ermüdet. Dennoch ein mitreißendes Finale, das Fragen zum Traditionsbezug einfach vergessen lässt.

 

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