„Freischütz“ als Filmoper


(nmz) -
Jens Neubert hat den Romantiker Carl Maria von Weber in die mediale Gegenwart geholt und frei nach seinem 1821 in Berlin uraufgeführten „Freischütz“ eine Filmoper geschaffen, die von Dresden aus die Welt erobern soll. Ihre Uraufführung hat Sachsens Landeshauptstadt beidseits der Elbe in eine „Nacht der Oper“ versetzt. Kurz vor Weihnachten kommt der Film bundesweit in die Kinos.
06.09.2010 - Von Michael Ernst

Ausgerechnet in einer Stadt wie Dresden eine „Nacht der Oper“ superlativ mit „Das gab es noch nie!“ zu bewerben, zeugt von reichlich Selbstbewusstsein. Wenn nicht gar von Vermessenheit. Denn wenn der Name Dresden für etwas steht, dann doch wohl zuvörderst für Musiktheater.

Ob die Veranstalter ihre „Nacht der Oper“ den Sommer über nicht doch etwas zu vollmundig bewarben, sollte sich erst am 4. September erweisen. Dann geschah in aller Kälte, was es so tatsächlich noch nie gegeben hat! Anlass war die Weltpremiere der Filmoper „Hunter’s Bride – Der Freischütz“, die eng mit Dresden zu tun hat und in Verbindung mit dem 20. Jahrgang der Filmnächte am Elbufer uraufgeführt wurde. Dazu sollte das gesamte touristische Vorzeigeareal zwischen Augustus- und Carolabrücke in eine einzigartige Klangkulisse verwandelt werden, höchst aufwändige Technik mache es möglich, hieß es vorab. Die Zuschauer konnten auf den über 3.000 Plätzen am Open-Air-Kino dabei sein, das jeden Sommer errichtet wird, und neben dem Filmereignis auf der Großleinwand auch die historische Kulisse von Brühlscher Terrasse, Frauenkirche und Semperoper ins Auge fassen. Dank einer synchronen Projektion des Films auch auf der Rückseite der mit 448 Quadratmetern nach wie vor größten mobilen Leinwand weltweit durfte die Premiere aber auch – und dort sogar kostenlos – von besagter Terrasse, dem „Balkon Europas“ aus besichtigt werden. In Absprache mit diversen Ämtern von Landeshauptstadt und Freistaat wurde zudem das Terrassenufer gesperrt, wo statt regulärem Verkehrslärm festlich gedeckte Tafeln standen und etwa 800 Gäste Kino mit Kulinarik verbinden konnten. Also alles fast wie in Verona, nur viel, viel kälter! Weitere 660 Premierenplätze, die ebenfalls gastronomisch bestens versorgt gewesen sein dürften, fanden sich auf drei Elbdampfern ein, die für die „Nacht der Oper“ als schwimmende Publikumstribüne dienten.

In der Tat also gut Grund für Vollmundigkeit. Doch sind das erst einmal nur die eher technischen Angaben. Im Zentrum stand freilich, und so sollte es in Dresden ja auch sein, die Kunst!

Und da wurde mit der romantischen Oper „Der Freischütz“ auf das Werk eines einst eng mit dieser Stadt verbundenen Komponisten gesetzt. Carl Maria von Weber, der auf dem Alten Friedhof in der Dresdner Friedrichstadt begraben und dem ein kleines, aber feines Museum im Vorort Hosterwitz gewidmet ist, war von 1817 an Kapellmeister am hiesigen Hoftheater und als Direktor für die deutsche Opernabteilung zuständig. In dieser Zeit entstand auch „Der Freischütz“, zunächst noch unter dem Arbeitstitel „Die Jägerbraut“, die dann im Juni 1821 am Berliner Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Das Libretto schuf der 1768 in Leipzig geborene und 1843 in Dresden verstorbene Autor Johann Friedrich Kind.

Eine Filmoper, kein Opernfilm

Aus Dresden stammt auch der Regisseur und Produzent Jens Neubert (Jg. 1967), der in seiner Geburtsstadt Psychologie und in Berlin Opernregie studiert hat und heute in Zürich lebt. Als Spielleiter, Autor, Dozent und Kurator ist der einstige Assistent von Ruth Berghaus vielfältig beschäftigt. „Der Freischütz“ sei aber ein Jugendtraum von ihm gewesen, den er nun ausdrücklich als Filmoper erarbeitet habe. Denn Opernfilme, also Ablichtungen von Bühneninszenierungen, gebe es von diesem als erste deutsche Nationaloper geltenden Werk schon genug, meint er. Nicht zuletzt nach einer Berghaus-Inszenierung aus Zürich.

Neubert aber zog es mit seinem „Freischütz“-Projekt hinaus in die Natur. Er verlegte die Handlung um Schützenfest, Wolfsschlucht, Agathe und Ännchen in die Entstehungszeit der Oper, die laut Libretto am Ende des Dreißigjährigen Kriegs spielten sollte. Für den Film fließt die Handlung in die Zeit der Napoleonischen Kriege, historisch genau sind hierzu Spielorte wie das Marcolini-Palais, Schloss Moritzburg und Fasanenschlösschen mit im Geschehen verortet. Vor allem aber die Sächsische Schweiz und das nahe Meißen gelegene Triebischtal, wo im vorigen Sommer auch die berühmte Wolfsschlucht-Szene gedreht wurde, sollen faszinierend für das gesamte Drehteam gewesen sein. Neben prominenten Sängerdarstellern wie Juliane Banse als Agathe und Regula Mühlemann als Ännchen sowie Franz Grundheber als Ottokar, Benno Schollum als Kuno, Michael Volle als Kaspar, Michael König als Max, René Pape als Eremit und Olaf Bär als Kilian sind dies vor allem gut 600 Komparsen gewesen, die für eindrucksvolle Massenszenen besetzt worden sind. Allerdings, Stichwort Filmoper, wurden hierfür Mitglieder von sächsischen Laienchören gesucht – und Regisseur Neubert staunte nicht schlecht, als die Webers Chorpartien durchweg auswendig parat hatten.

„Hunter’s Bride“? – „Die Jägerbraut“!

Die Studioaufnahmen in den berühmten Londoner Abbey Road Studios erfolgten mit dem London Symphony Orchestra unter Leitung von Daniel Harding sowie mit dem Rundfunkchor Berlin. Das ausschließlich mit privaten Mitteln aus der Schweiz finanzierte 5-Millionen-Euro-Projekt soll im Dezember in die Kinos kommen (Verleih Constantin Film). Für die internationale Vermarktung habe man Webers Originaltitel „Die Jägerbraut“ auf englisch als „Hunter’s Bride“ beibehalten. Die Weltpremiere in Dresden, bei der ein völlig neuartiges Klangkonzept in Dolby-Surround-Mischung  ertönte und große Teile der Altstadt beschallt hat, war freilich von ungewolltem Nachhall begleitet, so dass beidseits des Flusses noch ein Echolaut der Gesangsszenen und vor allem der Dialoge zu hören war, während die Bilder schon eine ganz andere Sprache zeigten.

Musikalisch gab es an dem klangmächtigen Epos nichts auszusetzen, Harding setzte auf Opulenz, die Solisten konnten dank Studiotechnik noch eins draufsetzen. Natürlich imponierte Juliane Banse, die ihrer Agathe nicht nur ein emotional nahegehendes Spiel seelischer Ergriffenheit bescherte, sondern auch vokal Ausdrucksstärke bewies. Eine kleine Überraschung, deren Namen man sich einprägen sollte, bescherte Regula Mühlemann mit ihrer ungemein gelenkigen Stimme und nicht zuletzt dem Einsatz ihrer wunderschönen Kulleraugen. Das Ensemble, gesanglich ohne Fehl und Tadel, kam in der porentiefen Kamerasicht immer wieder in Situationen, wo Darstellungskunst gefragt war, die auf der Opernbühne eher nicht abverlangt werden. Die großen Namen wie Grundheber und Pape konnten sich da allerdings auf ein homogenes Miteinander verlassen, das bis zum letzten Komparsen in Volksszenen vom gemeinsamen Atem des gigantischen Projekts erfüllt zu sein schien. Einschränkungen wären allenfalls bei den teils unmotiviert wirkenden Schnitten angebracht, denn dadurch bekommen Teile des Films eine Aufgeregtheit, die mit dem dramaturgischen Kontext nichts zu tun hat. Kamerafahrten loten die technischen Möglichkeiten mitunter sattsam auch, haben aber auch zerstörerische Schwenks in petto, die zumindest punktuell nicht nachvollziehbar sind.

Überzeugend als humanistisches Weltbild ist aber die unverhohlene Kritik am soldatischen Abschlachten. Denn die Kriege, ob nun im napoleonischen Zeitalter oder in anderen Epochen, engen die Entfaltungsmöglichkeiten der Emotionen, der Liebe unstatthaft ein. Agathe und Max, wenn auch in einer weniger hitzigen Temperierung als das Veroneser Liebespaar, haben aber immerhin noch die Chance, ihr Glück zu Lebzeiten zu erproben. Es sei ihnen gegönnt!

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