Fünf Sterne für „Pique Dame“ an der Oper Chemnitz


(nmz) -
Was die Robert-Schumann-Philharmonie unter Michael Güttler und eine wunderbare Ensembleleistung der Oper Chemnitz anstellen, begegnet auch mit Helen Malkowskys geometrisch-poetischer Regie Tschaikowskys genialer Oper auf Augenhöhe. Hintergründig, nachklingend und beglückend intensiv.
06.12.2016 - Von Roland H. Dippel

Die Oper Chemnitz hält gerade inne zwischen zwei Ägiden: Vor wenigen Tagen fiel die Entscheidung für den neuen Generalmusikdirektor. Der Spanier Guillermo Garcia Calvo freut sich riesig auf den neuen Chemnitzer „Ring des Nibelungen“ 2018 und alles weitere. Dazu erschien kürzlich ein weiteres Dokument aus der Ära seines Vorgängers Frank Beermann auf CD. Da kann man hören, wofür Enthusiasten in den letzten Jahren immer wieder nach Chemnitz steuern. Otto Nicolais Oper „Die Heimkehr des Verbannten“ bestätigt sich als packendes Ausnahmewerk, wird mit einer sensationellen Julia Bauer ins beglückende Belcanto-Firmament katapultiert.

Und die neue „Pique Dame“ trifft es genauso. Sie folgt dem Meisterwerk der Brüder Peter und Modest in die Abgründe Puschkins und braucht nicht einmal den Vergleich mit Alexander Meliks legendärer Moskauer Einspielung von 1949/50 zu scheuen. Warum? Insgesamt spielt man in Chemnitz mit Hochspannung und auf dem Sprung in ein stetiges „Immer weiter“, was letztlich so unergründlich ist wie Puschkins Novelle. Das zeigt sich auf der oft leeren Spielfläche mit sechs Türen, die den Weg zum Glück abblocken, und im phänomenalen Auftreten der Robert-Schumann-Philharmonie. Nur an ganz wenigen Stellen gibt es Klischeemelos, dafür wache Klarheit und ein sattes, elegantes Werkverständnis auf Expertenniveau. Alle Klang- und Bewegungsgesten ergänzen einander, reiben sich, treiben jedes noch so minimale Arioso in Nervenexzesse. Manchmal fährt die Bühne hoch, spielt Hermann Feuchter mit dem Gefälle oben/unten. Die Farbdramaturgie setzt konsequent auf Grün für Spieltisch und Hoffen, Weiß und Schwarz für weiße Dame contra schwarze Dame und den Rest der Petersburger Gesellschaft, Braun für den Deutschen Hermann, dessen Spielsucht aus Sehnsucht und Byronsche Zerrissenheit hier zentral den Abend befeuern. In sinnvoll unaufgeregten Kostümen Henrike Brombers, die das Geschehen in die Tschaikowsky-Zeit setzen, bewegt Helen Malkowsky die Gruppen geometrisch-choreografisch und schafft so Voraussetzungen für tiefschürfende Bilder, die in den Hirnen der Zuschauer weiterarbeiten.

Ziel ist das große Bett der hier nicht alten Gräfin, grün wie der Spielerfilz. Wie in Pedro Almodovárs Film „Matador“ über einen schicksalhaften sexuellen Supercrash steuert Hermann an Lisa, der „weißen Dame“, vorbei. Und auf die Gräfin zu, der eine letzte Liebesnacht, die Preisgabe ihres Geheimnisses und der Tod bestimmt sind. „Komm, du schwarze Dame“ will man wie bei Boieldieu Tiina Penttinen ersterbend zustammeln: Keine Charaktersängerin, sondern ein jugendlich-dramatischer Mezzo im Vollbesitz stimmlicher Mittel und mit galant geschärfter Sinnlichkeit! Anders als bei Almodovar liegen zwischen Erfüllung und Ersterben noch mehr Abgründe – Lisa springt nicht in die Newa, sondern entschwindet. Maraike Schröter kann im Sinn des Werkplans bei so starken Gegnern gar nichts ausrichten, schuld daran sind aber nur die Tschaikowsky-Brüder. Andreas Beinbauer gibt Fürst Jeletzky, dem ausgestochenen Verlobten, vokalen Samt und attraktive Gewalt. Das ruft Phantasien wach wie die Beschreibungen eines bestimmten Offiziers aus Peter Iljitschs Tagebuch. Überhaupt legt die detailschlaue Dramaturgie der Oper Chemnitz ein sinniges Fragenspiel zu Werk und Leben aus. Hinaus über die Analogie zwischen Gräfin und der geheimnisvollen Nadeshda von Meck mehr noch Richtung frauenloses Finale, in dem nur noch der Gräfin Geist bei Herrmanns Abdriften erscheint. Davor flutet die männliche Spielwut und -glut von orgiastischen fast in „orgasmiastische“ Dimensionen. Hier zieht Viktor Antipenko in der Extrempartie des Hermann einen letzten Triumph und erntet ausgerechnet für dieses Solo ohne Arienmelos gebannten Szenenapplaus. Berechtigt, denn grandios beginnt der junge Russe schon beim ersten verschatteten Auftritt: Konturiert in den Deklamationen, sinnfälligen Höhenstrahlen und dichtem Spiel. Schon deshalb gehört er auf die Auswahlliste zum Sänger des Jahres. Und sieht auch noch aus wie Tannhäuser im Bilderbuch der Richard-Wagner-Verbände.

Nicht zu vergessen: Sonderbonus für Guibee Yangs intensiv aufgewertete Mascha und die von Lisas Part ihr übertragene Chloē im Schäferspiel auf der Damenseite. Bonus Herrenseite: Matthias Winters charakterfahler Graf Tomsky mit scharfer Kartenballade. Stefan Bilz zieht mit seinen Chören an einem Strang mit dem genialen Michael Güttler am Pult.

Helen Malkowsky und Michael Güttler werfen sich die musikdramatischen Bälle der strichlosen Aufführung nur so zu. Jeder Klarinettenlauf, die Streichertupfer bei Rückkehr der Gräfin vom Ball, das Begehren der Oboe, das im Mezzopiano schon so üppige Blech – Erfüllung von geistigem Reichtum und musikalischem Glück.

Sogar hier treibt die Balance weiter. Man versteht endlich Tschaikowskys viele Opéra-Comique-Paraphrasen vom Kinderchor bis zum Ball. Man versteht und hört endlich auch, dass Tschaikowsky musikalisch in Massenet verliebt war und warum er Wagner weniger schätzte. Und man versteht endlich die Genialität, wie Tschaikowsky Meyerbeers instrumentale Vermächtnisse aufgreifend den russischen Opern-Salonrealismus begründete. Und dessen Vollender war, weil es dafür keine Nachfolger gab. Ein ganz tief in die Pumpe klotzender Opernabend!

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