Geißlers Kurz-Schluss: „Wie ich im Ausland mal in die innere Emigration geriet“


(nmz) -
Unser Autor ist auch Mitherausgeber der Zeitschrift „politik und kultur“. Dort schreibt er für die Rubrik „Das Letzte“ regelmäßig Glossen und Kommentare unter der berechtigten Headline „Kurz-Schluss“. Lesen Sie als Vorabdruck aus der soeben erschienenen Print-puk eine Sottise über resignativen Kultur-Journalismus und frischentdeckte Schlickwurm-Liebe.
24.02.2009 - Von Theo Geißler

Wie ich einmal im Ausland überraschend in die innere Emigration geriet…

Urlaub, Strand, Ruhe und Meereswind: Das folgende kleine Glösschen tropft mir diesmal ganz sicher besonders locker von den Flossen. Internet und alle erdenklichen Zeitungen und Zeitschriften liegen mir als Quellen gewissermaßen zu Füßen. An aktuellen Themen herrscht wahrlich kein Mangel.

Fangen wir doch ganz einfach mit dem Papst an, mit dem Vatikan und den rechten Pius-Brüdern – ein gefundenes Spießruten-Fressen. Allerdings kommt mir da in den Sinn, dass ich erst kürzlich als Mitherausgeber einer Schrift aufgetreten bin, die sich mit der außerordentlichen Bedeutung unserer Kirchen für die Kulturlandschaft höchst konstruktiv beschäftigt. Wenn ich jetzt auf die Katholen draufhaue, mache ich mich selbst doch ein wenig unglaubwürdig – und schade vielleicht manchem tatsächlich vorhandenen guten Ansatz. Also: Schwamm drüber.

Ach, ich nehme mir einfach den Mehdorn vor – und seine skandalösen Bespitzelungs-Affären. Die Telekom bau ich auch gleich mit ein. Supra-Orwellsche Zustände. Eine Bundes-Kultur-Schande. Ob mir das allerdings für meine Zweit-Karriere als Embedded-Journalist des Bundes-Innenministeriums zuträglich ist? Am Ende mag mich mein Chef, der Schäuble-Wolfgang nicht mehr. Folglich besser schweigen.

Wie gut, dass es die GEMA gibt. Erst zieht sie sich freiwillig aus der Kulturhalle 3.1 bei Frankfurts Musikmesse zurück. Entzieht so etlichen ehemaligen Partner-verbänden die Präsentationsfläche. Dann vertickt sie im fragwürdigen Schoß ihrer Kommerztochter CELAS das EMI-Repertoire an Nokia zu angeblich prima Konditionen für die Urheber. (Was die vom seinerzeitigen Google-YouTube-Deal haben, schlummert auch noch immer im weitgeschnittenen Grauzonen-Mantel der Ver-Wertungsgesellschaft). Und aktuell prügelt sich GEMA-Vorstand Harald Heker aufs Schönste mit Veranstalter-Funktionär Jens Michow um Live-Konzert-Tantiemen. Für mich eigentlich die ideale Startrampe zu einem grausamen Schweine-durchs-Dorf-Treiben. Freilich verschaffe ich meinen allerbesten Freunden dadurch unverdiente Popularität. Nix da. Ich halt den Mund.

Schließlich gibt’s ja noch den Deutschen Musikrat e. V. Der liefert fast schon planmäßig Stoff für herrlich brutale Sottisen und Kommentare. Wenn ich allein an den Wiedervereinigungs-Kampf-Krampf mit der gGmbH denke, und an das zappelige Nichtstun gewisser Führungs-Persönlichkeiten – Hard-Stuff für fünfzig Glossen. Aber nein, geht nicht: Der Musikrat ist Mitglied des Deutschen Kulturrates und empfände es vermutlich gelinde gesagt als leicht unsolidarisch, wenn er in dessen Publikation öffentlich durch den Kakao gezogen würde. Sorry, stop.

Na gut, dann brate ich eben unserem Bundeskulturminister Bernd Neumann eins über. Sein Amt sollte eigentlich in Bundes-Kinolobby umfirmiert werden. Was anderes juckt den doch nicht. Mit dem Ergebnis, dass bei der diesjährigen Berliner Biennale auffällig viele Shador-Produktionen ausgezeichnet wurden. Sowas kann man natürlich nicht schreiben. Das ist completely political incorrect. Außerdem befand sich als Garant für Objektivität Christoph Schlingensief in der Jury. Pech.

Nächstes Thema. Und das liegt ja wohl auf der Hand: Die sogenannte Wirtschaftskrise und ihre Konsequenzen für das Kulturleben. Da studiere ich erst mal den „Spiegel“, lese verzückt vom Wandel der Berufsbezeichnung „Bankier“ hin zu „Bangster“ – und auch sonst ziemlich viel von dem, was ich leicht abgewandelt und natürlich grob verschärft von mir geben wollte. Mist. Ferner entnehme ich dem Kultur-Informationszentrum (KIZ) im Internet, dass der Deutsche Kulturrat einen hohen dreistelligen Millionen-Förderantrag im Rahmen des Konjunkturpaketes Zwo gestellt hat, eine zukunftsträchtige Investition in seine Öffentlichkeitsarbeit. Das kann und darf ich aus sicherlich verständlichen Gründen nicht gefährden. Schließlich planen wir die „puk“ schon länger als Vierfarb-Tageszeitung, vom Fernseh-Kanal ganz zu schweigen. Andererseits bringe ich es nicht übers Herz, jetzt auch noch den haushaltspolitischen Sprecher der CDU Steffen Kampeter als ausgewiesenen Kulturrats-Fan lobzupreisen. Das schaff ich einfach nicht. Ich verstumme.

Was mir bleibt, ist vielleicht ein Blick in nächste Nähe, eine Reflexion über das Wesentliche. Am besten im Ernst-Jünger´schen oder Bergengruen´schen Sinne: Die konkrete Naturbeobachtung. Seit Tagen bin ich bei meinen ausgedehnten Strand-Spaziergängen aufs höchste fasziniert vom wilden Brunft-Verhalten der Schlick-Würmer. Welche Leidenschaft, welch überbordende erotische Phantasie! Ich hab mir sogar ein Schäufelchen gekauft, um den kleinen stürmischen Rackern nachgraben zu können. Sie, verehrte Leserinnen und Leser kennen hiermit schon das Thema meines nächsten Kurz-Schlusses. Freuen Sie sich auf eine erregende Epistel…

Theo Geißler

Cooler Text

die kulturisten-clubs haben wirklich einen hau weg. aber die schlickwürmer sind wohl wattwürmer. biologie? wo gibt es mehr von dem stoff?
 fridel


Das Kritikon

Eine schier unglaubliche Aufzählung, die zu alledem mit kleinen Abweichungen sicher noch einige Jahre immer wieder auf diese Weise abgedruckt werden kann. Zumindest, solange das Ulaubsinselchen noch nicht unter Wasser steht.

Solch grandiose Kulturprosa habe ich zuletzt bei Baltasar Gracián lesen können.

Eigentlich habe ich nur die aktuelle Berichterstattung zum Thema “Pirate Bay” vermisst.

In der Netzwelt heute:

Die Anwältin Monique Wadsted vertritt in dem Verfahren die Film- und Musikindustrie. Ihr Versuch, in sozialen Netzwerken Stimmung gegen “The Pirate Bay” zu machen und Statements von Filesharing-Opfern zu sammeln, endete in einem Reinfall. Die mit ihr befreundete Schriftstellerin Carina Rydberg schrieb in einer Gruppe für schwedische Autoren des sozialen Netzwerks Facebooks ein flammendes Statement gegen “The Pirate Bay” und bat um kurze Stellungnahmen, die ihre Freundin Wadsted in ihrem Plädoyer am kommenden Montag verwenden könnte.

Es dauerte nicht lange und jemand fand ältere Diskussionsbeiträge von Carina Rydberg, in denen sie sich als überzeugte Nutzerin von “The Pirate Bay” outet. Dort könne sie Filme anschauen, die sie weder in der Videothek um die Ecke noch im Internet mieten könnte. Außerdem finde sie so vergriffene Bücher, die nicht mehr aufgelegt werden und bei eBay 750 britische Pfund kosten. Es würde sie auch nicht stören, wenn ihr Buch von 1989, das man nur noch antiquarisch kaufen könne, über die Seite getauscht wird. Eine denkbar schlechte Zeugin für die Anklage. [Quelle: Netzwelt]


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