Geschöntes Grauen – Philip Glass‘ Kammeroper „In der Strafkolonie“ in Augsburg


(nmz) -
Eigentlich wollen wir das nicht so genau, besser gar nicht wissen, was da so in derzeitigen Unrechtsstaaten mit „Schuldigen“ passiert… Doch da schreibt dieser Franz Kafka 1914 eine kleine Erzählung über eine grausige Hinrichtungsmaschine. Und Philip Glass vertont den Kern des Ganzen als „Kammerspiel“ im Jahr 2000. Parallel zu etlichen anderen Einstudierungen holt nun das Staatstheater Augsburg seine 2019 durch Corona verhinderte Premiere nach.
17.10.2021 - Von Wolf-Dieter Peter

Typisch kafkaeske Machtverhältnisse: eine Gefängnisinsel im Irgendwo; ein neutraler Besucher als eingeladener Beobachter; ein stummer Verurteilter, von dem weder „Schuld“ noch „Urteil“ noch „Verteidigung“ offengelegt werden; ein auf seine Vollzugsmechanismen geradezu manisch fixierter Offizier; eine kaum darstellbare Tötungsmaschine, die in 12 Stunden dem Hinzurichtenden erst mit Nadeln seine Schuld in die Haut sticht, ehe eine Nadel durch seinen Kopf den Tod bringt.

All das hat Regisseurin Aileen Schneider mit den Ausstattern Lisa Marie Damm und Florian Parkitny in ein zwischen Naturalismus und abstraktem Symbolismus angesiedeltes Ambiente gepackt. Der durch die reguläre Eingangstür auftretende „Besucher“ (Tenor Robert Poboinyi) öffnet erst ein rot-weißes Absperrband: zu einer kleinen Spielfläche, die zwei realistische Kohlehaufen begrenzen. Die gegelte, hypergestylte Goldhaar-Frisur des Besuchers, seine dunkle Rundgläserbrille und ein rosa Marlene-Dietrich-Anzug lassen erst „LGBT“ vermuten, was aber erfreulicherweise nicht ins Werk hineingetragen wird.

Wie ein Spielleiter komplimentiert er dann das Streichquintett und Dirigent Ivan Demidov ins Erdgeschoß eines dunklen Turmes. Im Geschoß darüber taumelt erst der stumme Gefangene (Thomas Berchtod mit körperlicher Gebrochenheit) orientierunglos umher. Dann betritt der hünenhafte Offizier (Bassbariton Wiard Witholt) diesen Raum: eine bezopfte Mischung aus Samurai und Fantasy-Killer im rosa Plissee-Rock. Der Besucher filmt den weiteren Ablauf; seine Videobilder werden auf die hintere Turmwand projiziert; die bereitstehenden rosa Calla-Blumen werden mal verstreut, mal dem Opfer in die Hände gedrückt, mal wieder eingesammelt; als die durch Lastenaufzugshaken und nur gezeigte, umherliegende Schlauchnadeln symbolisierte Tötungsmaschine versagt, steigert sich der Offizier in einen Selbsttötungsrausch – und dazu öffnen sich im Hintergrund lauter Blütenknospen explosionsartig im Zeitraffer-Video. So recht wollten sich da „Horror“, „Abscheu“ oder „kalt-sezierendes Betrachten“ nicht einstellen… so gut verständlich gesungen und der immer wieder neu, durch seine Wiederholungen gleichsam insistierende Glass-Minimalismus durch das Streichquintett erklang.

Im Nachklang stellte sich die ganz grundsätzliche Frage, ob menschengemachte Entsetzlichkeiten wie der „Grande Terreur“ des September 1793 oder Stalins „Säuberungen“ oder das Babyn Jar der Nazis oder die Killing Fields der Roten Khmer – ob diese Tötungsorgien anhand eines stilisierten Einzelfalles auf dem Musiktheater darstellbar sind… ob da nicht auf dem Theater irgendwie die „Ästhetisierung des Grauens“ grüßt. Sind die einleitende Guillotinierung im Film „Papillon“ oder die juristisch wie faktisch präzise Hinrichtung in der schier unerträglichen Schluss-Sequenz von „Dancer in the Dark“ nicht eindringlicher, verstörender, abschreckender?

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