Gewinnend uncool: Die Uraufführung von Giordano Bruno do Nascimentos Oper „Mutter“ im Mon Ami Weimar


(nmz) -
Seine sechste Oper im Pocket-Format: In Weimarer Jugendzentrum Mon Ami erlebte „Mutter“ von Giordano Bruno do Nascimento auf das Textbuch von Romina Nikolic am 1. Oktober ihre Uraufführung. Die phantastisch-utopischen Werke mit den satten Partituren des brasilianischen Komponisten haben eine treue Fangemeinde. In den Bühnensituationen zeigt do Nascimento beeindruckendes Geschick. Melodiensattes Musiktheater mit großen Gedanken.
17.10.2021 - Von Roland H. Dippel

Eine Idylle: Liebevoll gepflegte Pflanzen in einem Gehege auf dem kleinen Podium. Die Harfenistin spielt in der Raummitte in einer kleinen Lichtinsel und das mit vielen Zuspielungen verstärkte Orchester sitzt auf der anderen Seite. „Mutter“ heißt die 'allegorische Märchenoper' des brasilianischen Komponisten Giordano Bruno do Nascimento (geb. 1981). Sie ist seine sechste, die er im Weimarer Jugendzentrum Mon Ami mit Studierenden der Hochschule für Musik Franz Liszt, schmalem Budget und passioniertem Produktionsteam am ersten Oktober-Wochenende zur Uraufführung bringt. Und sie ist seine erste seit Beginn der Pandemie. Scheinbar bleibt alles wie gehabt: Die opulente, glanzvolle und gier stellenweise sogar erhabene Tonalität der Musik, die allegorischen bis abstrakten Sujets mit Mut zur Poesie und der Aktualitätsbezug.

Die Frage drängt sich auf: Warum produziert do Nascimento noch immer in der Off-Szene und nicht im Studio des Theaters Erfurt, der Bühne am Park des Theaters Altenburg-Gera oder im nur wenige Meter entfernten E-Werk des Deutschen Nationaltheaters Weimar? Verdient hätte er es. So wirkt die Aufführung im Mon Ami nicht nur wegen der Hygieneregeln und der Aufführungszeit leicht patiniert - selbst wenn Stimmen und Orchester gekonnt, ohne Spannungshänger und dem Anspruch angemessener Kondition schwelgen. Eszter Johanna Barta für die Regie, Sara Drasdo für Bühne und Kostüm agieren schlicht, poetisch, unauffällig. Beeindruckend bei der Uraufführung sind auch deren Geschlossenheit und die Verhältnismäßigkeit der künstlerischen Parameter.

Eine Mutter erinnert sich zurück an ihr ökologisch korrektes Nischenparadies, in dem sie ihre Tochter zu Achtsamkeit und nachhaltigem Umgang mit Naturgütern erzogen hat. Das geschah in Opposition zur herrschenden Ideologie. Deshalb wird ihr die Tochter von einem Staatsbeamten entrissen. Die Mutter bleibt mit ihrem Wissen und ihren naturverbundenen Kräften zurück. Ein Vertreter des rigiden Systems dringt in das kleine Blütenreich ein und die Verhöre beginnen. In der Beziehung der beiden Frauen schleicht sich Entfremdung.

Selbst wenn es durch diese Kurzbeschreibung so klingen sollte: Do Nascimento und seine Textdichterin Romina Nikolic (geb. 1983), die mit Moritz Gause die Website und Veranstaltungsreihe „Wortwechsel – Junge Literatur aus Thüringen“ gründete, schufen kein raunendes Ökodrama. Sie vermeiden präzisierte Analogien zur Gegenwart in ihrer dystopischen Legende. Damit greifen sie einen Genrestrang auf, an den jüngst die Oper Leipzig mit Viktor Ullmanns „Der Sturz des Antichrist“ erinnerte, zu dem Werner Egks „Irische Legende“ und sogar Peter Eötvös' „Paradise Reloaded“ gehören: Opern, in denen seit Anfang des 20. Jahrhunderts Zukunftsängste zu säkularen oder mysteriösen Spiele der Ersatz für verlorene Glaubensgewissheiten werden.

Do Nascimento und Nikolic beziehen sich auf den Mythos der hellenischen Ackerbau-Göttin, die ihre Tochter Persephone für einen Teil des Jahres dem Gott der Unterwelt als repräsentative Ehegattin überlassen muss und - musikalisch – an Richard Wagner. Das kleine Orchester wird ergänzt mit Bandzuspielungen. Do Nascimento nutzt das Akkordeon, dem er alle Shanty-, Country- und Tango-Assoziationen austreibt. Doppelt besetzte Celli und Kontrabässe contra Solo-Violine und Solo-Bratsche, dazu eine Tuba und Harfe schlagen Klangbrücken zum „Ring des Nibelungen“. Äußerst bemerkenswert ist, wie aus den Schlag- fast Melodieinstrumente werden. Zudem kann do Nascimento für Stimmen schreiben und zeigt das mit verschwenderischer Ariosität, wie sie in den Expertennischen Neuer Musik eher rar sind.

Dabei besteht kein Risiko, dass die jungen Stimmen von Leila Hills (Mutter), Lisa Schmidt (Tochter) und Joel Andreasson (Beamter) Schaden nehmen könnten. Bei aller lauten Opulenz schweben diese über dem Kammerorchester, dass der melodische Reichtum mitunter den Sinn der Worte überflutet. Genau an diesem Überfluss könnte es liegen, dass Subventionstheater bei do Nascimentos Opern noch zögern: Wer holt sich schon den Hypnotiseur und Schlangenbeschwörer ans Haus, dessen Mittel bekannt und doch gefürchtet sind, weil sie mit so gar nicht kindlichen Mut zum Träumen der Ratio des Alltags und der versachlichenden Vernunft widersprechen? So glutvoll wie diese Musik kann kein Applaus sein, aber die Treue und emotionale Bewegung der Anwesenden war klar und deutlich vernehmbar.

Vorstellungen: 1., 2., 3. Oktober 2021 – Mon Ami, Weimar

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