Ein Gipfeltreffen der Filmmusik: Eindrücke von der Soundtrack Cologne 6.0


(nmz) -
Zum sechsten Mal traf sich in Köln die internationale Filmmusik, um einerseits das Profil der Szene in seinen zahlreichen Facetten zwischen Mainstream und Kunstfilm zu schärfen und andererseits überhaupt eine Öffentlichkeit für eine in Deutschland meist stiefmütterlich behandelte Kunst zu schaffen. Die musikalische Tonspur ist im deutschen Fernsehen meist unterfinanziert und unterliegt in der Endmischung oft einem fragwürdigen Konzept von „Realismus“. Dass dann über die mangelnde Qualität von Filmmusik geschimpft wird, ist somit nicht einfach den Komponisten anzulasten, die versuchen mit Kreativität und idealistischem Einsatz diesem Dilemma eine ordentliche Filmmusik abzutrotzen.
27.11.2009 - Von Martin Gerke

Die Ausnahme dieser Produktionsbedingungen stellt für Deutschland wohl Marcel Barsotti dar, der in einem ausführlichen Werkstattgespräch interessante Einblicke in die Entstehung seines Scores zu „Die Päpstin“ ermöglichte. Er konnte sich ein großes Orchester samt Chor, sowie ein Team aus Dirigent, Orchestrator, Toningenieuren und Scorereadern für diesen Film leisten. Sein Regisseur scheint also lernfähig zu sein.

Dass es grundsätzlich auch anders geht, zeigt der Blick nach Amerika, wo bedeutende Budgets professionelle Teams entstehen lassen, die die Wahrscheinlichkeit für eine überzeigende Produktion deutlich steigern. Der diesjährige Gast aus Hollywood, John Frizzell, Thriller-Komponist von „Dante’s Peak“ und „Alien 3“, konnte das bestätigen und zeigte dabei einen interessanten Ansatz, das Orchester alternativ als Klanglieferanten für die spätere Nachbearbeitung mit dem Computer zu nutzen.

In einigen Diskussionsrunden mit Vertretern der GEMA und des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wurde dann die Situation klarer: Ein großer Teil der Film- und Medienkomponisten steht unter einem enormen Druck, weil von ihnen stets Profiqualität erwartet, diese aber selten angemessen bezahlt wird. Der obligate Verweis auf die GEMA-Erlöse wird zunehmend zur Farce, weil die Ausschüttung an die Komponisten oft lange auf sich warten lässt und die meist vier- bis fünfstelligen Investitionen für eine gute Filmmusik erst einmal voll zu Lasten des Komponisten gehen. Erschwerend kommt hinzu, dass zunehmend auch GEMA-Erlöse von Sendern und Produktionsfirmen durch Zwangsinverlagnahme beschnitten werden. Wirtschaftliche Schieflagen für die eigentlichen Autoren, die am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, sind damit unausweichlich, und das geht natürlich auch auf Kosten der Qualität von Filmmusik. Und das, obwohl die meisten Regisseuren wissen, dass Filmmusik ein unverzichtbar dramaturgisches Mittel darstellt, um einen Film emotional zu strukturieren.

Dass in Köln nicht nur die Vertreter des klassischen Filmscores zu Wort kommen, sondern auch links und rechts des Weges nach individuellen Lösungen der Ton-Film-Beziehung geschaut wird, macht die SC zu einem inspirierenden Festival: es gab internationale Kunstfilme, ein Panel zur aktuellen Stummfilmmusikszene und auch eine Strecke über Neue Musik und Film wo unter anderem mit Werken von M. Tsangaris, F. Zwissler und F. Mattil die synästhetischen Konzepte zwischen Licht und Ton ausgeleuchtet wurden. Man konnte der Geschichte der elektronischen Musik im Film lauschen oder einen Blick auf die Orion-Legende Peter Thomas erhaschen, der gutgelaunt die Präsentation eines medienwissenschaftlichen Buches von Gerd Baumann über ihn, am Klavier begleitete.

Die SC bewies Traditionsbewusstsein, indem sie den Preis für das Lebenswerk an den jetzt in der Provence lebenden Kölner-Komponisten und Can-Veteranen Irmin Schmidt verliehen hat, der unter anderem die Filmmusiken für „Bloch“ oder „Rote Erde“ geschrieben hat. Drei weitere Preise galten dem Nachwuchs: der Europäische Filmmusikpreis „New Sound in European Film“ ging in der Kategorie Filmscore an Felix Rösch, Deutschland. Er erhält die Möglichkeit, seine Komposition zu einem Kurzfilmprojekt mit dem WDR Rundfunkorchester Köln aufzunehmen. Die Kategorie Sounddesign ging an Philip Specht, Deutschland. Er erhält die Möglichkeit, zwei Tage lange die Endmischung eines Kurzfilms in den Ruhrsound Studios anzufertigen. Eine Lobende Anerkennung wurde für die Arbeit von Anna Solovieva-Drubich aus Russland ausgesprochen. Erstmals vergeben wurde bei der SC 6.0 der Peer-Raben-Music-Award für die beste Musik in einem Kurzfilm: Titas Petrikis aus Litauen bekam ihn für die Musik zu „Noirville“.
Zum zweiten Mal wurde der Deutsche Fernsehmusikpreis von Cologne Conference und SoundTrack_Cologne verliehen. Geehrt wurden Biber Gullatz und Andreas Schäfer für ihren Filmscore zu „Der verlorene Vater“.

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