Giuseppe Verdis „Aida“ in urbaner Kulisse – Kiels „Sommertheater“


(nmz) -
In Landeshauptstädten regiert normalerweise die Politik, auch in dieser Jahreszeit. In Kiel, der nördlichsten Deutschlands, hat das Zepter für eineinhalb Wochen Verdi übernommen, nicht die Gewerkschaft, sondern Giuseppe mit seiner eindrucksvollen „Aida“. Verlässlich ist ihr Erfolg, und so ist der Rathausplatz, auf dem sie agiert, von einer gewaltigen Tribüne für mehr als 1.300 Besucher beherrscht, eine Anzahl, die auch bei sieben weiteren Aufführungen benötigt wird. Ein Bericht von Arndt Voß.
29.08.2019 - Von Arndt Voß

Den Premierengästen hinzuzurechnen wären die, die in einigen Stadtteilen Kiels, im 15 km entfernten Preetz oder im doppelt so weiten Neumünster die Aufführung kostenlos genießen konnten, denn das Kulturereignis wurde – wohl einmalig in Deutschland – via Satellit auf Großbildleinwände übertragen.  Erprobt wurde das schon zwei Jahre zuvor, als es um eine andere Potentatentochter ging, um „Turandot“.

Seit 2014 wird im schönen Wechsel von Schauspiel und Oper in Kiel „Sommertheater“ produziert und als „Open Air auf dem Rathausplatz“ vermarktet. Der Spielort ist in vieler Hinsicht passend, besitzt ein Kopfsteinpflaster, das für alles, für Menschenmassen und für Bauten, ein solides Fundament bietet, bei Wind und Wetter. Der Platz ist zudem symbolträchtig, von allen wichtigen Instanzen umfangen. Im Rücken hat der Zuschauer ein Finanzinstitut, links imponiert das Rathaus mit seinem 106 m hohen Campanile, nach rechts öffnet sich der Platz zum „Kleinen Kiel“, einem seichten Binnengewässer, das dennoch mit Förde und Ostsee verbunden ist. Nach vorn fällt der Blick auf die Kultur, hier in Form des Opernhauses mit Jugendstil-Anmutung.

Urban ist die Umgebung also, und dem entsprach das Bühnenbild von Lars Peter, das links und rechts niedrige Türme hatte mit Fahrstuhleingängen samt Etagenanzeigen. Sie suggerierten Tiefe. Dazwischen streckte sich eine mehrgeschossige Dreiecksfassade empor, deren Glasfensterreihen glänzten und bei der sich situativ ein goldblinkender Eingang öffnete, alles einer Pyramide nachempfunden. Das beschwor Ägypten herauf, das „Gastland“ der äthiopischen Sklavin Aida, und verdeckte zugleich die Backsteinfassade des Opernhauses. Die Türme mit den Beleuchtungs- und Beschallungsanlagen, die links und rechts die Bühne abschlossen, hatten etwas, über das sich Open Air-Liebhaber im entfernten Verona oder Bregenz, in Schwerin oder im nahen Eutin freuen würden: Sie boten auf zwei Seitenflächen gut lesbare Textprojektionen.

Freiluft und die Technik

Die Technik fürs Optische stimmte also, zumal die Auftritte atmosphärisch gut ausgeleuchtet waren, das Akustische tat es weniger. Das Orchester, das verborgen links in einem Zelt saß, das allen Wasserfällen Trutz geboten hätte, war nur über Lautsprecher zu vernehmen. Man konnte immerhin so viel bemerken, dass Benjamin Reiners, Kiels neuer GMD, seine Musiker und die Szene im Griff hatte. Gleiches lässt sich vom Höreindruck nicht sagen, den die Akustiker mit ihrer Klangmischung erzeugten. Viel zu laut waren die Sänger im Verhältnis zu den Instrumenten, immer vordergründig. Eigentlich hätten sie mit ihrer Stimmkraft kaum Unterstützung gebraucht, denn Kiels Gesangsstars waren mächtig bei Stimme. Sie konnten auch differenzieren, wie sich im Verlauf zeigte, so dass das Hörvergnügen leidlicher wurde. Anders war es bei den Instrumenten. Sie waren durchgehend schwach. Zudem passte etliche Male Farbe und Intensität nicht, weil die Harfe zu laut und zu vordergründig zu hören war (Priesterinnen-Szene), die Oboe indes (bei Aidas „Oh patria mia“) der Stimme keine Partnerin war. 

Bühnenzauber

Der Hausherr und Generalintendant des Kieler Theaters, Daniel Karasek, machte dieses Nil-Spektakel zur Chefsache. Er versteht sich auf Massenwirksames, ohne seicht zu werden, strapazierte dabei die ägyptische Mythologie nicht sehr, machte das Schauspiel aber total, indem durch Opfergerüche fast alle Sinne bedient wurden. Eine Reihe von guten Einfällen dankte ihm das Publikum zudem durch Sonderapplaus. So putzten zwei an Seilen hängende Glasreiniger die Fensterreihen der Pyramidenfassade. Sie waren pünktlich zur Ouvertüre fertig, verschafften VERDI damit einen heimlichen Auftritt. Der immer mit Neugier erwartete Triumphmarsch hatte zwar keine herausstechende Opulenz, forderte dafür aber zum Nachdenken, was das für Statuen sein könnten, die unter goldglänzenden Tüchern verborgen waren, oder über den Sinn der metergroßen Nachbildungen von Fingern mit Ringen oder über den eines goldverbrämten Skeletts in einer Glasvitrine. Karaseks Personenführung war in Massenszenen sinnreich und gab den Sängern immer gute Positionen, ließ allerdings Aida unnötig lange vor Amneris kriechen, vergriff sich auch mit dem Glitzerauftritt der Tingelgirls, die den Triumphzug zu einem Sportereignis degradierten. 

Was Spaß machte, waren die Tanzeinlagen, vor allem das Burleske in den Auftritten des Hausballetts (Choreografie: Yaroslav Ivanenk). Auch die bunten, dennoch ausdrucksstarken Kostüme von Claudia Spielmann waren eine Lust für das Auge. Wie schon bei der Ausstattung der Bühne reduzierten sie die Nachahmung pharaonischen Pomps, der allenfalls bei den Höflingen, weiblich oder männlich, zutage trat, wobei die Tempeldienerinnen besonders hervorstachen. Die modernen Uniformen von Radamès und die seiner Krieger fielen dagegen ab, zwangen aufdringlich, die Machenschaften von Militärs in heutiger Zeit zu sehen, wozu die Inszenierung weiterhin nichts beitrug.

Wie soll man technisch Verzerrtes beurteilen?

Als Berichtender mag man ungern etwas über die Leistung von Sängern sagen, wenn sie – wie hier – unnatürlich erklingen. Dann ist vielleicht plakativ das Gesangstechnische zu bewerten und festzustellen, dass alle wunderbar ihre Partien meisterten. Ihre Kopfmikrophone ermöglichten zudem kein gutes Richtungshören. Oft musste der Zuhörer in Massenszenen suchen, wer wo gerade sang. Die überhöhte Lautstärke, die sich in keinen Orchesterklang einfügte, verstärkte zusätzlich die hohen Frequenzen. So erklang Cristina Melis als Amneris und Veronika Dzhioeva als Aida oftmals unnötig scharf, ähnlich auch der kraftvolle Tenor von Sung Kyu Park als Radamès. Den Damen gelang es dabei eher, ihre Stimmen noch zu modulieren, zudem überzeugten sie im Spiel und meisterten lebhaft ihre Duette. Radamès dagegen blieb steif, war allenfalls mit dem „Celesta Aida“ anfangs zu bewundern und dadurch, dass er bis zum bitteren Ende staunenswert durchhielt, sogar noch zarte Töne zustande brachte. Bei den tieferen Stimmen wirkt sich die Klangverzerrung durch das Mikrofon weniger aus. Die ausdrucksvollen Männerstimmen von Matteo Maria Ferretti als machtgewohnter Pharao, von Thorsten Grümbel als herrischer, willensstarker Ramphis und von Stefano Meo als voluminöser Amonasro unterschieden sich ausreichend. Gefallen konnte zudem trotz des akustischen Mankos mit der Harfe auch Elisabeth Raßbach-Külz mit ihrer zarten Gestaltung der Tempelsängerin sowie Fred Hoffmann als Bote. Anerkennung gebührt schließlich der großen Singgemeinschaft aus Opernchor und Extrachor des Theaters (einstudiert von Lam Tran Dink). Er bewies, dass sich Stimmen auch ohne technischen Aufwand durchsetzen können.

Viele waren an dieser imposanten Aufführung beteiligt, die mit einem üppigen Feuerwerk ein überflüssig knalliges Ende fand und damit den Applaus abrupt beendete.

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