Groteske ohne Biss – Henzes „Der junge Lord“ im Münchner Gärtnerplatztheater


(nmz) -
Die verblendet-blinde Anbetung von Status und Image: ein schönes Thema für „München“ als „Fall“. Und wenn dann noch zwei Künstlergrößen wie Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann für Musik und Text stehen, alles von Brigitte Fassbaender auf die Bühne gebracht wird - dann sollte das ein entlarvender Spiegel für die schicke Weltstadt mit Herz werden – hoffte Kritiker Wolf-Dieter Peter.
24.05.2019 - Von Wolf-Dieter Peter

Die Ernüchterung dauerte gute zwei Stunden. Der kritische Intellektuelle Henze wollte eine mozärtlich inspirierte komische Oper schreiben. Die gleichfalls an sich und der Welt leidende Ingeborg Bachmann arbeitete für ihn ein Hauffsches Märchen um und baute als Brücke zum Publikum ein Liebespaar ein. Dennoch fehlt dem Text Ironie, Abgrund und dem jungen Paar – fast eine Parallel zur Beziehung zwischen Bachmann und Henze - aber auch alles Liebesfeuer, Glut und Leidenschaft.

Henze hat sich kompositorisch nicht zwölftönerisch ausgetobt oder verstiegen. Vieles klingt nach melodischem Ansatz nur ein bisschen dissonant oder neutönerisch. Walzer, Menuett oder Contredanse werden ironisch gebrochen zitiert. Wohl den Bühnengegebenheiten der 1960er Jahre zugestanden, hat er vier Zwischenmusiken komponiert: für Henze-Fans mögen sie reizvoll zu studieren sein, musik- und bühnendramatisch wirken sie heutzutage spannungstötend… an Benjamin Britten „Four Sea-Interludes“ in „Peter Grimes“ darf der Musiktheaterfreund nicht denken. Dabei setzte Chefdirigent Anthony Bramall mit dem Gärtnerplatzorchester auf Tempo und Kante und Lebendigkeit. Doch die Partitur enthält nun mal kaum instrumentalen oder orchestralen Witz oder grelle Frechheiten, die der Handlung „comique“-Pfeffer geben würden.

Die klein- bis spießbürgerlichen Eitelkeiten des Residenzstädtchens Hülsdorf-Gotha um den neu zugezogenen englischen Lord sind in allen „Krähwinkel“-Stücken witziger oder bissiger entlarvt. Dem von den Bürgern angefeindeten ärmlichen Reisezirkus fehlt der Zauber des circensischen „Dennoch!“. Dass der stumm bleibende Lord den vermeintlich Arrivierten des Ortes dann den dressierten Affen als „jungen Lord“ präsentiert, bekam von Regisseurin Brigitte Fassbaender das einzig pfiffige I-Tüpfelchen: er tritt im weißen „Rosenkavalier“-Kavalier-Kostüm des 18.Jahrhunderts auf und überreicht der ansonsten plump angegangenen Luise eine silberne Rose…

Ansonsten aber verstärkte die eher gemütliche Ausstattung Dietrich von Grebmers mit einem auf dem Kopf stehenden Kleinstadtmodell im Hintergrund, mit Videofahrten durch das leer-ausgestorbene Modell, biedermeierlichen Kostümen – andererseits einem modernen Staubsauger den Gesamteindruck „aus der Zeit gefallen“. Ob da nicht Egks „Revisor“ oder von Einems „Besuch der alten Dame“ mehr hergegeben hätten?

Dem Premierenpublikum fehlten weder ätzende Ironie noch entlarvende Parallelen zum Heute: einhelliger Beifall und Bravos für die durchweg guten Sänger, aus denen Mária Celengs Luise durch zu viel „jugendlich dramatische“ Lautstärke herausstach, während die reiferen Damen und Herren vokal überzeugten, insbesondere der hintergründig vampirisch wirkende Sekretär von Christoph Filler – um ihn war das dem Abend fehlende: Biss.

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