Händel-Show in Las Vegas – Die 42. Händelfestspiele Karlsruhe eröffnen mit „Serse“ in der Regie von Max Emanuel Cencic


(nmz) -
Händels „Serse“ bei den 42. Händelfestspielen in Karlsruhe macht Eindruck: Dramaturgisch, sängerisch und musikalisch, findet unser Autor Georg Rudiger, der ganz beglückt ist über den engen Draht zwischen Bühne und Orchestergraben.
20.02.2019 - Von Georg Rudiger

„Ombra mai fu“ ist einer der wenigen Barockhits, die auch einem Massenpublikum bekannt sind. Der Schmachtfetzen aus Georg Friedrich Händels Oper „Serse“ (Xerxes), eigentlich eine schlichte Liebeserklärung an einen Baum, hat es nicht nur in Operngalas, sondern auch auf Hochzeiten und Beerdigungen geschafft. Am Badischen Staatstheater Karlsruhe sitzt Franco Fagioli an einem Flügel und begleitet sich selbst, als er mit seinem sinnlichen Countertenor die bekannte Melodie anstimmt. Der ansonsten kahlköpfige Argentinier trägt eine schwarze Perücke zu seinem weißen Pelzmantel und wirft schmachtende Blicke ins Publikum (Kostüme: Sarah Rolke, Wicke Naujoks). Natürlich passt der moderne Klavierklang nicht zu den der historischen Aufführungspraxis verpflichteten Deutschen Händel-Solisten, die mit diesem „Serse“ die 42. Händelfestspiele Karlsruhe eröffnen. Aber das geniale szenische Gesamtkonzept von Regisseur Max Emanuel Cencic, der selbst als Countertenor in der Rolle des Arsamene auf der Bühne steht, rechtfertigt den Stilbruch. Serse ist Liberace – jener Pianist, der als „The Glitter Man“ mit extravaganten Kostümen im Las Vegas der 1960er- und 1970er-Jahre große Shows veranstaltete. Händels drittletzte Oper von 1738, in der sich der Komponist dem veränderten Londoner Geschmack anpasste, auf große Emotionen verzichtete, komödiantische Elemente einbaute und kürzere Arien einbaute, wird in der Karlsruher Produktion zu einer bis ins Detail stimmigen Sittenkomödie.

Sieben Todsünden

Im Programmheft erzählt Max Emanuel Cencic von den sieben Todsünden, denen seiner Meinung die sieben Protagonisten nachempfunden sind. Die Habgier für Serse, der zwar alles hat, aber trotzden Romilda, die Freundin seines Bruders Arsamene begehrt. Die Trägheit für den gemütlichen Ariodante (Pavel Kudinov), der als Chef der Plattenfirma agiert oder der Neid für die biedere, männersuchende Atalanta. Nur für Amastre, die eigentlich die durch Staatsraison bestimmte Verlobte Serses ist, muss die Regie die neue Rolle der Haushälterin finden. Sie (mit vollem Körpereinsatz und beweglichem Mezzo: Ariana Lucas) springt gleich in der ersten Szene mit Serse in die Kiste, um danach den treulosen Geliebten den ganzen Abend lang zu verfolgen.

Las Vegas, das im variablen Bühnenbild von Rifail Ajdarpasic ein ganzes Stadtpanorama entfaltet, ist für Cencic der perfekte Ort für die Luxusprobleme der Protagonisten. In der Oper werden keine Schicksale verhandelt, sondern wechselnde Launen besungen. Erst das bunte Karlsruher Setting macht daraus eine schlüssige, quicklebendige Soap Opera mit Klatsch und Tratsch, mit Tempo und Witz. Dafür sorgen auch die agilen Deutschen Barocksolisten, die unter der Leitung von George Petrou das Bühnengeschehen mit kräftigen Akzenten befeuern oder auch mal für eine der wenigen Moll-Arien innehalten. Echte Gefühle lässt der Regisseur aber nicht zu. Auch Arsamenes Klage „Non so se sia la speme“, die Cencic selbst mit berührender Schlichtheit singt, wird vom Powershoppen seiner Angebeteten konterkariert. Ob Plattenstudio, Poolparty, Rotlichtbar oder Hotelzimmer – das fulminante Solistenensemble bespielt und besingt jeden Ort mit höchstem Einsatz. Katharine Manley ist eine nervende, intrigante Atalanta mit großer emotionaler Bandbreite, die in ihrer Männernot auch mal eine Polonaise im Diner in Gang setzt. Lauren Snouffer gibt mit ihrem kristallinen Sopran Romilda als kokettes, durchaus temperamentvolles Modepüppchen.

Auch die vom Dramaturgen Boris Kehrmann neu übersetzten Übertitel sorgen für Lacher, wenn der als Frau verkleidete und zwischen Falsett und Bass wechselnde Elviro (Yang Xu) im neapolitanischen Dialekt singt („Der Babo, der isch der beschte Kumpel“). Während sich Serse Socken in die Unterhosen stopft, um noch größeren Eindruck auf Romilda zu machen, stürzt sich Amastre aus Verzweiflung fast vom Hoteldach.

Zeit für Cencic, mit der hochexpressiven Arie „Anima infida“ Arsamenes Verzweiflung auszudrücken. Franco Fagiolis Serse ist ein eitler Alleskönner, der mit seinem virtuosen Gesang das Premierenpublikum berauscht. Die Kadenzen in den Da-Capo-Arien improvisiert Fagioli, so dass Dirigent George Petrou und die Deutschen Händel-Solisten immer auf der Hut sein müssen, um mit dem Tuttieinsatz genau anzuschließen. Das gelingt perfekt – und auch sonst beglückt der enge Draht zwischen Bühne und Orchestergraben. Für Serses letzte Arie „Crude furie“ schleudert Fagioli Basstöne in höchste Falsetthöhen, ehe nach einem kurzen, dramatischen Waffengang die Wedding Chapel vom Schnürboden schwebt und Arsamene auf den letzten Drücker seine Romilda bekommt. Das gibt es auch nur in Las Vegas.

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