„Hänsel und Gretel“ mit Schwellköpfen – Umstrittene Neuinszenierung an der Staatsoper Berlin


(nmz) -
Gerade erst hat die Staatsoper Unter den Linden eine unkonventionelle Weihnachtsoper, „Der gewaltige Spotz“, herausgebracht, da folgt im großen Haus, hier seit 1996 nicht mehr gespielt, als erste reguläre Premiere des wieder aufgenommenen Spielbetriebes, die berühmteste klassische Weihnachts- und Kinder-Märchen-Oper „Hänsel und Gretel“.
09.12.2017 - Von Peter P. Pachl

Eine eigene Sicht mit vielen individuellen Zeichen versprach die Inszenierung des in Personalunion als Maler, Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner wirkenden Achim Freyer. Doch dessen typische Ästhetik, diesmal auch mit Videos angereichert, fand beim konservativen Publikum wenig Zuspruch und erntete bereits zur Pause heftige Buhrufe; zahlreiche junge Besucher der abendlichen Premiere, von Klein-auf mit Tele-Tubbies und anderem bunten Schnickschnack angefüttert, schienen jedoch voll zufrieden.

Die den Bühnenraum umfassende und bis ins Publikum übergreifende Rauminstallation mit Leuchtobjekten und Spiegelkugel, erinnert stark an Freyers Produktion der „Räuber“ im Berliner Ensemble. Die als Negativ projizierten, naiv gezeichneten Bäume werden auch als Wandel-Dekoration bewegt. In der Mitte der Bühnentiefe ein auf Wände gemalter, aufschiebbarer Vorhang, hinter dem als Live-Videoprojektion Dirigent Sebastian Weigle sichtbar wird, der sich auf diese Weise für den Auftrittapplaus bedankt. Drehbare Spiegel als Auftritte links und rechts, an der Rampe ein hin- und her-ziehbarer Laubfrosch, eine Passarelle umschließt den Orchestergraben. Dazu jagt eine von zwei Darstellern dargestellte Katze weiße Mäuse auf Rädern und die originelle Erfindung einer Überfigur: im Libretto wird der Hunger als „der beste Koch“ besungen; Freyer macht daraus einen Hunger-Koch, mit Gabel und Löffel, aber mit kreisrunden Löchern in Bauch und Kopf.

So wird bisweilen Engelbert Humperdincks „Kinder-Weihfestspiel“-Atmosphäre trefflich übersetzt, manchmal aber auch seltsam missverstanden, wie etwa beim Lied von der Hagebutte („Ein Männlein steht im Walde“), hier als Fliegenpilz gedeutet und dargestellt. Der Auftritt der 14 Englein ist zur Circus-Nummer umgestaltet, in welcher Tiere mit Flügeln, etwa ein Braunbär auf Dreirad, den Kindern im Traum Kunststücke vorführen.

Zwischen uneingestandener aber nicht zu überhörender „Meistersinger“-Nähe und Humperdincks Eigenständigkeit auf dem Weg zu den „Königskindern“, interpretiert Sebastian Weigle die Partitur engagiert und hebt aus der reich gefügten Kontrapunktik das ein oder andere sonst vernachlässigte Thema hervor. Insgesamt aber ist der Orchesterklang – so zumindest der Höreindruck in der ersten Reihe des zweiten Ranges – zu laut. Fragwürdig auch, dass die Partie der Hexe mit Mikrofon verstärkt wird und ebenso fragwürdig, dass die Altpartie – wie man dies aus nur Verlegenheit in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts an kleinen Stadttheatern praktiziert hat – mit einem Tenor (Stephan Rügamer) besetzt ist.

Geradezu armselig das Miniatur-Lebkuchenhaus, aus welchem dem Geschwisterpaar zweimal ein Herz herausgereicht wird, welches Hänsel und Gretel in der Mitte durchbrechen um es als Lebkuchen zu verzehren, was aber de facto, mangels einer Mundöffnung der Protagonisten, nicht möglich ist, so dass die Herzhälften durch Schlitze auf den Bühnenseiten entsorgt werden.

Denn Hänsel und Gretel, und dies scheint mir die Hauptcrux dieser Produktion, tragen – wie so gern bei Achim Freyer – Überköpfe. Hier sind es runde Schwellköpfe mit drehbaren Augen, für eine Weile putzig anzusehen, aber für die Sängerinnen der Titelpartien, ihrer Mimik beraubt, doch eher ein Handikap.

Nur der (von Vinzenz Weissenburger einstudierte) Kinderchor stürzt zunächst als schwarz gewandete (verbrannte?) Süßigkeiten auf die Bühne, richtet sich dann aber in smartie-bunter Farbigkeit auf. Die vom Brecht-Schüler Freyer didaktisch herabgelassene bonbonfarbige Hinweistafel „Revolutio“ blieb dem Rezensenten angesichts des hymnischen, auf dem Gebetsthema basierenden Schlussensemble unverständlich.

Vater (Roman Trekel, sonor polternd) und Mutter (dramatisch Marina Prudenskaya) sind optisch auch als Doubles im Auditorium, die Mutter obendrein als Tänzerin-Double, zu erleben, die Darstellerinnen von Gretel (Elsa Dreisig) und Hänsel (Katrin Wundsam) gestalten vokal trefflich, betörend sauber auch eine Gieskanne, genannt Taumännchen (Sarah Aristidou) und der mit Partner als belebtem Sack auftretende Sandmann (Corinna Scheurle). Doch die vokalen Hochleistungen liefen neben der Aktion her, als würde eine Tonspur ablaufen, zu der Artisten und Freyer-Akteure Bewegungen ausführen.

  • Weitere Vorstellungen: 12., 23. 25. und 29. Dezember 2017.

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