„Ihr seid ja wunderbar verrückt!“ Die vierten Hamburger Klangwerktage


(nmz) -
„Toller geht’s nicht - Ihr seid ja wunderbar verrückt!“ hatte einer ins Gästebuch zu der geheimnisvollen Ramklangkomposition „Troposphères“ von Sascha Lino Lemke in den Labyrinth-ähnlichen Kreisen in der Kampnagelfabrik in Hamburg geschrieben. Den schriftlichen Ausbruch kann man gerne für Konzeption und Durchführung des sechstägigen Festivals übernehmen.
05.12.2009 - Von Ute Schalz-Laurenze

„Toller geht’s nicht - Ihr seid ja wunderbar verrückt!“ hatte einer ins Gästebuch zu der geheimnisvollen Ramklangkomposition „Troposphères“ von Sascha Lino Lemke in den Labyrinth-ähnlichen Kreisen in der Kampnagelfabrik in Hamburg geschrieben. Den schriftlichen Ausbruch kann man gerne für Konzeption und Durchführung des sechstägigen Festivals übernehmen. Mit viel Liebe, viel Kenntnis und viel Begeisterung wurde da an unglaublich vielen Ecken gebastelt. Einmal im pädagogischen Bereich sowohl mit Schülern und Laien als auch mit MusikstudentInnen, dann im interdisziplinären mit Architektur und Lyrik, im rein künstlerischen, im sozusagen traditionellen Geburtstagskonzert, im auch technischen Experiment – und das alles mit zahlreichen Querverbindungen untereinander, meist auch mit einem politischen Akzent. Der Zuschauerzuspruch fing äußerst spröde an, steigerte sich aber im Lauf der Tage explosiv und die verantwortliche Christiane Leiste konnte am Ende 2300 BesucherInnen bekanntgeben. Das könnte ein Durchbruch in Sachen Neuer Musik in Hamburg sein.

Die von Thomas Schmölz gegründeten „Klangwerktage“ fanden zum vierten Mal statt, jetzt erstmalig mal unter der künstlerischen Leitung und Geschäftsführung von Christiane Leiste. Die finanzielle Basis sind hauptsächlich das „Netzwerk Neue Musik“ mit „Klang“ und das EU-Projekt „Co-me-di-a“, das besonders technische Vernetzungen unterstützt. Natürlich hat es hinten und vorne nicht gereicht, aber mit Hilfe von etlichen weiteren Stiftungen und Firmen hat das Hamburger Team alles möglich gemacht und völlig unterschiedliche BesucherInnen fast zeitgleich nach Kampnagel gelockt. Denn in den Räumlichkeiten dort kann man vom Foyer aus in etliche Konzertsäle gehen, was eine wunderbare Turbulenz garantiert. Außerdem gab es noch auf einer etwas erhöhten Empore verschiedene Musikfilme, die man sich bei einer Tasse Kaffee ansehen konnte.

Zu den Highlights zählten ganz sicher die beiden Konzerte mit der ebenso sparsamen wie ausdrucksstarken Musik György Kurtágs, der persönlich leider absagen musste. Mit der phänomenalen Geigerin Hiromi Kikuchi, den Pianisten Gábor Csalog und András Kemens, dem Geiger András Keller, der Sopranistin Maria Husman, dem Cimbalonspieler Luigi Gaggero und dem Kontrabassisten Niek de Groot hatte man die Spitze heutiger Kurtág-Interpretation eingeladen, große Begeisterung war die Antwort in der gut besuchten Laiszhalle. Ein Konzert mit den Kompositionsstudenten der Musikhochschule Hamburg erwies sich als ein höchst intensives Experimentierfeld, von allen wird man später hören, vermute ich. Und David Moss war da, sang und unterrichtete.

Dann wurde Nikolaus Brass 60 Jahre alt, einer der stillen im Lande. Der Arzt war bis vor kurzem Redaktionsleiter einer medizinischen Zeitschrift, was ihm Unabhägigkeit vom Musikbetrieb garantiert. 1999 schrieb er „Void I“ für Klavier nach dem Besuch des jüdischen Museums Berlin von Daniel Libeskind. Diese Voids – unübersetzbar – sind Leerräume im Museum, mit denen an etwas unwiderruflich vergangenes erinnert werden soll, die „Anwesenheit des Abwesenden“ formulierte Nikolaus Brass. Einer dieser Räume heißt „gefallenes Laub“, auf dem Boden liegen tellergroße flache Messingplatten, die ein Gesicht mit einem weit aufgerissenen Mund enthalten. Seiner Erschütterung gab Brass mit der Komposition Void I Ausdruck, eine nachdenkliche „arte povera“, die an Franz Schubert und Morton Feldman erinnert, was keinesfalls Brass’ Eigenständigkeit infrage stellen soll.

Warum in diesem Konzert noch ausführlichst die spätromantische Geschwätzigkeit Wolfgang Rihms Platz hatte, war nicht zu vermitteln, auch nicht von dem großartig spielenden Berliner Boulanger-Trio. Die Orchesterfassung Void II mit den Hamburger Symphonikern unter der Leitung von Roland Kluttig mit den Solisten Sascha Armbruster und Pascal Pons machten sehr sinnfällig noch einmal andere Aspekte des Void-Themas auf. Dann traten da noch die glänzenden spanischen Bläser des Quintett Cuesta auf – mit einem leider für die Klangwerktage nicht gerade passenden Programm.

Leiste, unermüdlich auf der Suche nach mehr und anderer Kommunikation, hatte noch eine wunderbare Idee: alle Konzerte wurden von Menschen ganz verschiedener Provenienz angekündigt, von einem Tonmeister, einer Regisseurin, einem Kunsthistoriker, einem Schriftsteller und vielen mehr. Für das Kurtág-Konzert tat dies der Soziologe Wolfgang Lepenies, der in einer halben Stunde glänzend Franz Kafka, Georg Christoph Lichtenberg und Kurtág zu verbinden verstand: es war eine Lust, seiner Sprache zu folgen. Ein anderer sprachlich und denkerischer Höhepunkt war die Diskussion zwischen dem Architekten Daniel Libeskind und Nikolaus Brass, beide von hingebungsvoller Wahrhaftigkeit in Bezug auf ihr Ansinnen. Auch die Lesung des einmaligen Zeitzeugen deutscher Geschichte Reiner Kunze gehört hierher. Leiste zu ihrem Konzept: „Ich habe es satt, Konzerte für ein Spezialisten Publikum zu veranstalten.Musik ist Leben und muss lebendig sein“.

Keinesfalls zu unterschätzen sind die Pädagogikprojekte: zum Beispiel die Kooperation mit einer Pariser elften Klasse, die zusammen mit der Harburger Rudolf Steiner-Schule ein wunderbares Reflexionskonzert über den Besuch des Libeskindmuseums mit Instrumenten und einem Film veranstaltete. Christiane Leistes Konzept war, überall nach neuen Verbindungslinien zu suchen….da kann es im Einzelfall nicht darum gehen, ob das alles gut war. Gut war vor allem, was sie alles riskiert und ausprobiert hat.

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