Illusion des sicheren Lebens – Augsburgs Oper überzeugt mit „Tosca“ im Ausweichquartier


(nmz) -
Im Mai saßen Intendantin Juliane Votteler als Dramaturgin und Regisseur Nigel Lowery in einer Endbesprechung zur „Tosca“-Neuinszenierung in der jetzigen Spielzeit. Votteler wurde zu einer „Rauch-Probe“ auf die Bühne gerufen – und kam mit der Botschaft zurück: Das Opernhaus muss wegen längst bekannter Mängel geschlossen und generalsaniert werden (siehe Artikel in der aktuellen NMZ-Druckausgabe). Mit „Tosca“ lud die Oper nun erstmals in das Ausweichquartier Schwabenhalle auf dem Messegelände.
30.10.2016 - Von Wolf-Dieter Peter

Als sein eigener Ausstatter musste Regisseur Nigel Lowery mit den gleichfalls ausgelagerten Werkstätten von 9 Metern Bühnenbreite auf 16 Meter umplanen. Dieses 16:8-fast-Film-TV-Bildmaß beeindruckte am stärksten im Vorspiel zum 3.Akt. Zur zarten Morgendämmerungsmusik lag Cavaradossi traumverloren auf der dunklen Bühne; auf dem Gazevorhang vor der Spielfläche zog nochmals als Filmprojektion der Garten seiner Villa vorbei; Tosca hastete mehrfach quer durch den Raum - wie auf dem Weg vom Palazzo Farnese zur Engelsburg; der Mesner der Kirche St. Andrea kam vorbei; ein Hirtenjunge trällerte sein Lied; Spoletta und Sciarrone, die Schergen des Polizeiapparates, bearbeiteten ihre „Fälle“ an imaginären Aktenschränken – dort, wo diese im 2.Akt gestanden hatten; der jetzt gütige Schließer glich dem blutbedeckten Folterer Roberti aus dem vorigen Akt – und immer wieder durchquerte der tote Polizeichef Scarpia diesen visualisierten Bewusstseinsstrom des revolutionär gesinnten Malers – und aus all dem wuchs dann „E lucevan le stelle“ überzeugend heraus.

Das alles beeindruckte auch so, weil GMD Domonkos Héja mit nun offenen, ebenerdig mit der ersten Parkettreihe sitzenden Augsburger Philharmonikern klanglich klug disponiert hatte: wirkliches Piano für die reflektiven Monologe, das Mezzaforte nicht zu laut – und an den brutalen Höhepunkten war es eine Freude, mal Blechbläser, Pauke, Becken und Tamtam so richtig loslegen zu sehen und zu hören. Eine Tempostraffung in vielen Handlungsphasen wäre den Folgeaufführungen zu wünschen, auch dass dann der zwanzigköpfige Kinderchor in der Kirchenszene nicht durch Chorsänger teilweise ersetzt wird.

Regisseur Lowerys Vexierspiel zwischen Realität und Illusion und „quer durch alle Zeiten“ überzeugte nicht durchgehend. Da stand der Missgriff eines Revolutionärs Angelotti im todschick-sauberen Pelzkragen-Mantel mit Zylinder, der von Cavaradossi fast nicht erkannt wird, weil ihn „der Kerker so verändert“ haben soll neben den ewig-immer-wieder einheitsgrauen Anzügen von Scarpia und seinem Bluthund-Personal, kontrastiert von visionär auftauchenden Figuren in Kostümen von 1800 und 1900. Die Intention, geduldete Gewaltregime als „zeitlos“ vorzuführen, sollte eindringlicher gezeigt werden. Auch der Bruch der naturalistischen Spielzüge dadurch, dass die drei Protagonisten immer wieder auf ein kleines Podest vorne am Bühnenrand aus der Szene ausstiegen und diese Podeste von zwei Bühnenarbeitern beim Tod der Figur weggeräumt wurden, wirkte nicht faszinierend oder zwingend.

Doch Puccinis „Tosca“ ist ein inhaltlich, dramaturgisch und musikalisch so überzeugendes Werk, das immer fesselt, wenn die drei Hauptrollen gut besetzt sind. Der jugendlich-schlanke Jo-Woon Kim wurde als fast popiger Maler von Lowery in Maske und Kostüm leider noch jungenhafter gemacht, überzeugte aber tenoral. Für den souverän berechnenden Scarpia brachte Werner van Mechelen sowohl die bullig-brutale Körperlichkeit wie einen wuchtigen Bariton mit. Beide überragte Sally du Randt in der Titelrolle: sie ist Augsburgs ungekrönte Opern-Diva und kann das in die Rolle einbringen; im Primadonna-Kostüm von Maria Callas gelang ihr in der immer wieder packenden Auseinandersetzung mit Scarpia dann auch ein „Vissi d’arte“ von den ersten Tönen am Boden bis zum Finalausbruch, das den einzigen Szenenbeifall verdiente – und dass sie diesen heillos korrupten, inhumanen Schlächter mit den sichergestellten Pinseln Cavaradossis in die Halsschlagader sticht, war ein überzeugender Regieeinfall. Dazu ein Schluss mit Augenzwinkern: Tosca springt von der Silhouette des gerade geschlossenen Augsburger Theaterbaus -begeisterter Beifall von den stark ansteigenden Zuschauertribünen: ja, Augsburgs Oper zeigt unter Intendantin Votteler, dass sie und ihre ganze Mannschaft sich in Widrigkeiten behaupten. Dennoch darf die zwar sehr trockene, aber akzeptable Atmosphäre in der Schwabenhalle den gerade mit ihrem erfreulich dumm verdödelten Bürgerbegehren gescheiterten Sanierungsgegnern kein Argument liefern für ein erneutes „Na bitte: geht doch auch so!“: Augsburg darf nicht auf ein deutsches Alleinstellungsmerkmal in der Welt verzichten: dass jede Großstadt ein Mehrspartentheater besitzt als „Kraftwerk der Gefühle“.

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