Im Experimentiermodus –Oper Halle kombiniert „Herzog Blaubarts Burg“ von Bartók mit Fassbinders „Bremer Freiheit“


(nmz) -
Ein Opernhaus braucht für Herzog Blaubarts Burg „nur“ ein fabelhaftes Orchester und zwei ebensolche Sänger. Mit der Staatskapelle unter ihrem GMD Josep Caballé-Domenech, Anke Berndt und Gerd Vogel sind die natürlich vorhanden bzw. im Ensemble! Und sie erfüllen ihre Aufgabe bravourös! Die beiden Solisten übererfüllen sie sogar. Diesmal schauspielern die beiden nicht nur ausgiebig (hochprofessionell und überzeugend wie immer) in ihren Rollen. Als geheimnisvoller Schlossherr, der seine Ehefrauen immer entsorgt, wenn die zu viel wissen wollen. Und als so liebes- wie leidensbereite und obendrein doch selbstbewusste Judith. Vor der Pause sind sie als Schauspieler in anderen Rollen mit von der Partie.
08.05.2017 - Von Joachim Lange

Mit dem dunkel leuchtenden, geradezu populären Schmuckstück der Moderne, das von Bartók schon 1911 vollendet wurde, aber erst 1918 zur Uraufführung gelangte, hat jedes Theater ein Problem: es ist für sich genommen einfach zu kurz für einen Abend. Also wird es allemal mit einem zweiten Stück kombiniert. Wobei sich das Regieteam dann daran abarbeiten kann, etwa zusammen mit Luigi Dallapiccolas „Prigioniero“, Tschaikowskys „Iolantha“, gar mit Puccinis komödiantischem „Gianni Schicchi“ oder mit Bartoks eigenem „Wunderbaren Mandarin“ ein Ganzes zu machen. Oder auch nicht.

Es passt zum Experimentiermodus, in dem sich die Oper in Halle nach dem Wechsel der Intendanz befindet, auszuprobieren, ob sich das nicht auch mit einem passenden Schauspiel kombinieren ließe. Die Wahl fiel auf die „Bremer Freiheit“ von Filmgenie Rainer Werner Fassbinder, dessen „Angst essen Seele auf“ gerade nebenan im Schauspiel gefeiert wird. In dem Stück von 1972 bringt Sie es, die historische Gesche Gottfried, bis zu ihrer öffentlichen Hinrichtung 1831 in Bremen auf 15 Morde. Persönliche Nähe schützte da niemanden. Vor ihren Giftpillen waren weder Ehemänner oder Kinder, noch Eltern und Geschwister, Freunde und Bekannte sicher.  

Auf der Drehbühne steht die Burg mit Turm und Zinnen. Auf der Kehrseite: das kleinbürgerliche Einfamilienhaus. Dahinter die offenbar unvermeidlichen Plastikplanen. Das ist die Klammer der beiden Stücke, die sich Christoph Ernst ausgedacht hat. Rosarot und barbielike changiert das zwischen ausgestellt-künstlich und kulissenhässlich. Hier landen Gerd Vogel und Anke Berndt im Schauspiel und die vier slapstickfesten Schauspielgäste Susanne Bredehöft, Felicitas Breest, Thorsten Heidel und Mirco Reseg in der Oper. Das Schausiel ist – gutwillig gesagt – eine Art Jelinek rückwärts: vom Stück zur Textfläche. Die Kostüme verweisen auf drei Zeiten. Vom märchenhaften Mittelalter mit Rüstung und Burgfräulein-Gewand über Berndts und Vogels strengen Bürgerrock bis zum Freizeitlook von heute. Jeder darf mal jeden sprechen und spielen. In all dem Hüpfburg-Slapstick muss man sich Mühe geben, um mitzukriegen, dass es um Mord und Gift und vielleicht auch einen pervertierten Drang nach Freiheit geht.  

Das ist für sich genommen als eine eigene Kunstanstrengung durchaus virtuos. Aber da es Teil des Ganzen ist, wechselt das komplette Personal nach der Pause in die Oper. In der dann Gerd Vogel (jetzt mit Nosferatu-Fingern) und Anke Berndt (immer noch in Maske ohne Haare und im Jobsharing mit der respektabel singenden Felicitas Breest) um ihre Gesangspartie kämpfen. Wenn ihnen nicht ein parodierender, sich verselbständigender Überaktionismus direkt dazwischen grätscht, auch mit Erfolg. 

Thriza Bruncken, die im Schauspiel einen Namen hat, und in der Oper Regienovizin ist, demonstriert freilich exzessiv ihr Misstrauen gegenüber einer Musik, die gerade in diesem Werk durch ihre Imaginationskraft die Türen in verborgene Kammern der Seele zu öffnen vermag. Das kann die selbst auf leerer Bühne (so wie exemplarisch in der jüngsten Dessauer Inszenierung!). Wenn dann aber ein Mann mit einem Tablett voller Obst als running gag wie beim Dinner for one immer wieder laut polternd stolpert, wenn Judith gerade die Spucke weg bleibt, als sie erfährt, dass der See, den sie vor sich sieht, aus Tränen besteht, dann kommt Bruncken offen gegen die Musik aus der Deckung. Zum Glück hören die Musiker im Graben das Poltern und Zwischenrufen der Schauspieler nicht, bleiben also auf Kurs. Und an der Seite der Zuhörer. Übrigens müssen die auch diesmal wieder (leider) auf Übertitel verzichten. 

Die Zuschauer respektierten am Ende die Kunstanstrengung der Akteure und bedachten das Regieteam mit deutlichen Buhs. Ganz ungewöhnlich für eine Premierenfreier bekam der Ausstatter auch da noch eine Portion ab und das offene Plädoyer einer herzerfrischend dazwischenrufenden Zuschauerin für einen Rückbau des von ihm verantworteten Operncafés. Sie würde da kostenlos mithelfen. Eine Aktion, für die Florian Lutz wahrscheinlich keinen Cent ausgeben müsste.

PS: Bejubelte Inszenierungen sind der Idealfall. Streitbare Inszenierung sind ok. Strittige regen die Debatte an. Misslungene auch. Problematisch wird's, wenn sich der notwendige Streit um die Ästhetik mit einem um die Situation des Hauses verknüpft und dabei eine Debatte angeheizt wird (wie im Regionalteil der Tageszeitung vor Ort), die mit Einnahme- und Zuschauerzahlen Stimmung gegen die Oper zu machen versucht, die man erst am Ende der Spielzeit seriös vergleichen kann und die, wie immer, auch einer Interpretation bedürfen. Die Oper wird am 14. Mai selbst ein Forum für eine öffentliche Debatte bieten, um dabei mit den Zuschauern ins Gespräch zu kommen, die dem Experimentiermodus kritisch gegenüberstehen.

  • Nächste Vorstellung:  21. Mai 2017, 15 Uhr, 27. und 31. Mai 2017, 19.30 Uhr