Internationale Gäste und litauische Entdeckungen: zum 23. Festival Vilnius Jazz


(nmz) -
Am Anfang war das Festival ein Wagnis. Denn als Antanas Gustys anno 1988 erstmals Jazzmusiker nach Vilnius einlud, um dort ihre überwiegend progressive Kunst zu Besten zu geben, herrschten in Litauen noch die sowjetischen Besatzer. „Wir waren damals immer mit einem Bein im Gefängnis“, erinnert sich der immer noch amtierende künstlerische Leiter des Festivals an die ersten Jahre und erzählt weiter von Hörsälen und kleinen halbprivaten Refugien denen die imperialistischen Umtriebe stattfanden.
20.10.2010 - Von Ralf Dombrowski

Dann kam die Öffnung, der kulturelle Umschwung, und andere Kämpfe mussten ausgefochten werden. So etwa gegen die Abwanderung der Kreativen, die nun, da die Grenzen gefallen waren, ihre Chancen an den internationalen Schulen von Holland bis USA suchten. Antanas Gustys machte weiter, unermüdlich tätig im Dienste des Jazz, und so kam auch in diesem Jahr wieder ein Festival zustande – das inzwischen dreiundzwanzigste in der Zählung -, das seiner Vorstellung von kulturellem Austausch entsprach. Denn es geht ihm nicht darum, die großen Namen der Tourneekaravanen ins Land zu holen, die allherbstlich die Konzerthäuser in Europa bespielen.

Vilnius Jazz will einladen, aber auch Eigenes präsentieren, und so konnte man ein bunt durchmischtes Programm erleben, das von James Blood Ulmer und Sizhukong bis Raimondas Sviackevičius den Bogen über die musikalische Szene spannte. Auf der einen Seite standen die internationalen Gäste. Der Schweizer Posaunist Samuel Blaser beispielsweise stellte im Quartett eine sperrige, stellenweise bis zu neumusikalischer Abstraktion reichende Stunde kompakter Grenzgänge zwischen Freiheit und Formung vor, die vor allem durch Marc Ducrets kantige Gitarre herbe Impulse bekam. Seine Landsleute von Brinkmanship verharrten stimmungsvoll in ihrer blauen Khmer-Phase und holten die nordischen Sphärenklänge à la Molvaer mit viel Geblubber und Tiefbass an die Vilna. Die Gäste aus Taiwan von Sizhukong um die Pianistin Yuwen Peng mischten chinesisches Motivinventar mit melodischem Soudn in der Fusion-Nachfolge. Und der Gitarrenrecke James Blood Ulmer rückte im Trio mit Drummer Doug Hammond und Cellist Muneer B.Fennell auf seine alten Tage weit in den harmolodischen Kosmos von Ornette Coleman vor, dessen rhapsodische Motivgestaltung er ruppig und humorvoll mit dem Geist des Blues verband.

Soweit, so international. Wirklich überraschend aber wurde es bei den Konzerten der litauischen Musiker, die den aktuellen Stand zwischen Angleichung und Invidiualisierung dokumentierten. Der Akkordeonist Raimondas Sviackevičius etwa schlenderte im Trio mit dem Saxofonisten Jan Maksimovič und dem Schlagwerker Arkady Gotesman dezent ironisch am Grat von imaginärer Folklore und freitonaler Avantgarde entlang. Der Pianist und Lokalheroe Dainius Pulauskas huldigte pathosgetönt im Septett einer Mixtur aus Postpop-Sound und modern jazziger Sophistication im Stil der Achtziger. Der Saxofonist Liudas Mockunas wiederum donnerte im Trio mit brötzmannscher Wucht durch das Stilareal der freien Abstraktion, virtuos, doch letztlich epigonal.

So blieb es den jungen Musikern überlassen, markante Zeichen zu setzen. Der Saxofonist Manvydas Pratkelis etwa gewann nicht nur im Duo mit dem Schlagzeuger Jonas Butvydas den Nachwuchswettbewerb des Festivals „Vilnius Young Power 2010“, sondern empfahl sich auch als sensibel kommunizierender, polystilistisch versierter Instrumentalist, der in Phrasierung und Tongebung eigenwillig mit dem Erbe des Fachs umging. Ebenfalls beeindruckend homogen im Zusammenwirken der musikalischen Energien waren die Aleksa-Brüder an Bass und Schlagzeug, die sich während nächtlicher Jamsessions als grandiose Groovespezialisten herausstellten. Und auf faszinierend eigenwillige Weise in sich versponnen stellte sich das erst seit ein paar Monaten bestehende Quartett „Baisios Stygos“ um den Bassisten Vytis Nivinskas als eigentliche Entdeckung heraus. Denn mit dem Geiger Tadas Dešukas war hier ein junger Virtuose am Start, der das Zeug hat, mit feinem Gespür für gestalterische Dramaturgie und wirkungsvolle improvisierende Ekstase in die mit nur wenig Talenten gesegnete Nachfolge der Meister Seifert / Ponty vorzurücken. Schon deshalb hat Antanas Gustys Recht mit seinem Engagement um Vilnius Jazz. Es gibt genügend Talente zu entdecken. Man muss sie nur auf die Bühne bringen und es wird weiter gehen, womöglich weit über die baltischen Grenzen hinaus. 

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