Jüngste Brückenschläge zu Richard und Siegfried Wagner – Manfred Jung dirigiert das Junge Tonkünstler Orchester in Bayreuth


(nmz) -
Der Tenor Manfred Jung ist fest in der Bayreuther Festspielgeschichte verankert. Der Siegfried in der sogenannten Jahrhundert-„Ring“-Inszenierung von Patrice Chéreau, der in Bayreuth auch als Loge und Parsifal, später noch als Mime, zu hören war, leitet seit sieben Jahren das eigens für ihn geschaffene Jugendorchester der 2006 gegründeten Jungen Musiker Stiftung. Im Jahr des 200. Geburtstages von Richard Wagner brachte das Junge Tonkünstler Orchester ein ungewöhnliches Programm zu Gehör – als Mittelpunkt das Violinkonzert von Siegfried Wagner und am Ende Richard Wagners einzige vollständige Symphonie.
26.08.2013 - Von Peter P. Pachl

Ouvertüre zu „Die Feen“, WWV 32

Kaum einem Besucher in der bis auf den letzten Sitzplatz gefüllten Ordenskirche St. Georgen in Bayreuth dürften all jene Brückenschläge aufgegangen sein, die Manfred Jung mit der Wahl seines zeitgleich zur „Siegfried“-Aufführung im Bayreuther Festspielhaus erklingenden Konzertprogramms, geglückt sind. Mit der Ouvertüre aus der durchaus noch den barocken Feerien verwandten, ersten vollendeten Oper Richard Wagners, „Die Feen“, WWV 32, verwies der Dirigent einerseits auf den barocken Kirchenraum, anderseits auf die späte Bayreuther Erstaufführung im Jahre 1967, wo er als Arindal sein Bayreuther Heldentenor-Debüt gegeben hat.

Das ungewöhnlich breite Tempo, mit welchem Jung und die von ihm ebenso sicher einstudierten, wie präzise geleiteten jungen Instrumentalisten den Raum klanglich ausloteten, durchbrach bezeichnenderweise exakt jener dramatische Impetus, mit dem Wagner in seiner romantischen Oper die Verzweiflung Arindals über die scheinbaren Untaten seiner Gattin Ada, zeichnet.

Von Richard Wagners Märchenoper nach Gozzi erfolgte dann Jungs Brückenschlag zu Siegfried Wagner, der gemeinhin als Märchenopernkomponist gilt, obwohl nur drei seiner Opern des 18 Bühnenwerke umfassenden Oeuvres dieser Klassifizierung entsprechen. Für den einzigen Sohn Richard Wagners hatte Manfred Jung als Heldentenor 1980 auf der Bühne des Festspielhauses eine Lanze gebrochen, u. a. als Wehrhold in der Schlussszene aus „Das Flüchlein, das Jeder mitbekam“, op. 18, die in diesem Gedenkkonzert ihre Uraufführung erlebt hat.

„Konzert für Violine mit Begleitung des Orchesters

Siegfried Wagners 1915 entstandenes „Konzert für Violine mit Begleitung des Orchesters“ verarbeitet ausschließlich Themen aus der Oper „An Allem ist Hütchen Schuld!“, op. 11. Stark autobiografisch gezeichnet, wie zumeist bei diesem Komponisten, nimmt das Orchesterwerk seinen Entschluss der Verlobung mit Winifred Williams vorweg. In deutlichem Gegensatz zu den oft sehr düsteren Handlungen seiner Opern, entstammt diese Komposition hörbar einem besonders glücklichen Lebensabschnitt, der Hoffnung, diese Kindfrau noch selbst formen und zu liberalem Gedankengut führen zu können – was sich allerdings bald als Trugschluss herausstellen sollte.

Auch für die poetische Tondichtung in Parallelität zur Märchenoper, ließ Manfred Jung sich und dem jungen Solisten viel Zeit zur klanglichen Entfaltung.

Mit großer Melancholie in der Bogenführung zeichnete Tobias Feldmann in der Moderato-Einleitung in e-Moll die traurige Zeit des  Alleine-Seins des dicherischen Ich nach, in der Oper die des Frieder (Tenor). Die Erscheinung der Katherlies‘ als Sternenkind, ihre Liebesfrage und Frieders Überlegung „Sonst träumte mir von einerholden, süßen Maid“ erklingen unter Jungs Leitung als ein positiver Aufschwung, mit einem sehr sauber intonierenden Hornquartett und gut aufeinander abgestimmten Holzbläser.

Mit weichem Ton und schmelzreichem Vibrato charakterisiert Feldmann in B-Dur Frieders Auftreten in der Gesellschaft. Das Thema von dessen Tatendurst nimmt er nachvollziehbar selbstbewusst. Klangreich die Groteske des mitternächtlichen Spuks, über welchen dann Frieders Tatenlust siegt. Im Fugato sind auch Nebenfiguren, etwa der Hörner, klar herausgearbeitet. In der Paralleltonart der Grundtonart, in G-Dur, erklingt orchestral die Frage der Katherlies‘: „Frieder, liebster Frieder mein, soll nicht bald Hochzeit sein?“ Diesem Thema, das in der Oper auch die Dummheit dieses Mädchens zeichnet, folgt nachvollziehbar ihr Reifeprozess, dann erneut das Thema von Frieders Auftreten in der Gesellschaft. Das im Bayreuther Konzert etwas überstrapazierte Mezzoforte dauert auch an, wenn der Komponist einen Patchwork-Teppich für die Quasi-Cadenza des Soloinstruments ausbreitet. Nachdem in der Reprise erneut das Thema der traurigen Zeit und die Erscheinung des Mädchens mit seiner Liebesfrage angeklungen ist, führt der Streicheraufschwung impulsiv und drängend ins glückliche Ende.

Berechtigt großer Jubel nach dieser Darbietung, mit Bravorufen und Trampeln, – auch ich habe den Solopart seit Peter Zazofsky nicht mehr so imponierend vorgetragen gehört.

Symphonie in C-Dur

Ohne Pause ließ der Dirigent Richard Wagners Symphonie in C-Dur, nachfolgen, wobei er für diese Komposition aus dem Jahre 1832 das Tempo deutlich anzog. Entgegen der vorherrschenden Interpretation dieser Symphonie aus, die in der Regel Richard Wagners Beethoven-Rezeption betont, interessiert es Jung offenbar vorrangig, in WWV 29 die Keimzellen zum nachfolgenden dramatischen Oeuvre Wagners aufzuzeigen.

Im Sostenuto e maestoso des Eröffnungssatzes lässt er, mit verhaltenen Piani, Streichertremoli schon an die Schauerromantik des „Fliegenden Holländer“, WWV 63, gemahnen. Die Solohornstelle lässt er so jugendlich forsch erschallen, als gelte es, bereits Siegfrieds Hornruf zu erahnen, und das Allegro con brio wird zu einer Einführung in die Welt der Ritter und Feen. Im zweiten Satz betont er jene Anklänge zum Neujahrsfestspiel, WWV 36, die Wagner selbst, als Zeichnung kollektiver Ratlosigkeit, in die Partitur seiner Oper  „Das Liebesverbot“, WWV 38, übernommen hat. Und mit dem mehrfachen Klarinettenruf macht der Dirigent den Bezug zur Trompetenfanfare im ersten Finale des „Rienzi“, WWV 42,  deutlich.  

Erfreulich sauber sind hier die Unisonoläufe der Streicher, auch die Farben des Allegro assai sind unverwaschen. Glücklicherweise erfolgt im Schlusssatz, Allegro molto e vivace, eine deutliche Temposteigerung, zu einem selten so gehörten, rasanten Tempo, wie es aber der Komponist eindeutig v initiiert hat.

Wie am Abend zuvor bereits im Sängersaal der Wartburg in Eisenach, bleibt auch in der Ordenskirche St. Georgen die evozierte Wirkung beim Publikum nicht aus: viel Jubel für ein selbst im Jubiläumsjahr in Bayreuth ungewöhnliches Konzert. Im Kirchengestühl waren Jung und Alt durch Jung und sein Junges Tonkünstler Orchester regelrecht aus dem Häuschen.

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