klangaktionen – aktionsklänge? – die fünfzigste ausgabe von josef anton riedls münchner mustermesse samt novitätenschau


(nmz) -
Als der Begriff „Avantgarde“ noch Wohlklang auslöste in den offenen Gehörgängen all derer, die sich im Nachklang eines schrecklichen Krieges schämten für Deutschland und Anregungen vom moralisch aufrüstenden Welt-Erretter USA holten, da blieb John Cage wichtig. Und Karlheinz Stockhausen wurde tonangebend an Kölns Rheingestaden und weit über die Bergischen Hügel hinaus. Damals wuchsen „Konkrete Musik“ und diverse elektronische Spielarten in ungeahnte Höhen, intellektuell und fundamentalistisch gestützt von dickleibig publizierten Sprachkaskaden und mikrointervallistisch gewürzter Analyse. Jetzt gibt es Stockhausen vom Tonträger und Cage ganz aktuell im Museum zu Barcelona etwa. Die Ideen dieser Meister der ersten Stunden wirken freilich weiter. Und nehmen manchem der heute Aktiven Denken samt handwerklicher Arbeit ab. Denn Computertechnologien beginnen jetzt schon nahezu eigenständig zu denken und zu machen...
22.12.2009 - Von Wolf Loeckle

Dass sich in den zurückliegenden fünfzig Jahren (hundert Jahren?) Vieles im Terrain der erklingenden Künste getan hat, ist ja richtig. Technisch. Aufführungspraktisch. Emanzipatorisch, den einzelnen Musiker betreffend in seiner Positionierung hierarchischen Strukturen gegenüber, beim wundervollen  ensemble modern zum Beispiel. Bei seinen „Kurzwellen 1971“ etwa hatte Karlheinz Stockhausen noch die volle Lufthoheit über die von ihm eigenhändig eingestellten und engagierten kurzwellenempfängerspielenden Ausübenden, denn was in den Saal ging, steuerte immer noch er zentral am zentralen Zentralrechner eigenhändig… Seit fünfzig Jahren also gibt es jetzt „Klangaktionen“ in München. Auch der von Anbeginn initiierende und steuernde Josef Anton Riedl ist mittlerweile fünfzig Jahre weniger jung.

Was ihm allerdings kaum anzumerken ist, so wie er sich freut über Publikum, das zwar nicht massenweise aber immerhin in Massen strömt zu den alten Meistern des Neuen und zu denen, die vorgeben, das Neue zu repräsentieren. Riedl war immer vorne, schon vor Stockhausen hatte er mit Siemens in  München das SIEMENS-elektronische-studio initiiert, dessen Relikte über die (als politisch unerwünscht abgewickelte) legendäre Ulmer hfg (hochschule für gestaltung) jüngst ins Deutsche Museum nach München kamen. Er agierte hier in München im Umfeld des (auch) politischen Komponisten Karl Amadeus Hartmann, der zuweilen von Nichtwissenden als Bekenntnismusiker verspottet wird und ohne den es keine   musica viva   gäbe. Riedl war immer mutig und ist es bis auf den heutigen Tag. Das Goethe-Institut schickte ihn mit seinen Ideen und mit seinen wahrlichen Avantgarde-Konzerten hinaus in die Welt.

Riedl seinerseits holte Konzepte aus dem Rest der Welt an die Isar,  wo sie früher als anderswo Klangrealität und Augensensualität gewannen. Er experimentiert und probiert und baut klangexperimentelle Bühnen voll mit visuell anspruchsvoller Inszenierung, dass es eine Freude ist. Er holt jung und alt, berühmt und noch nicht so bekannt zu den Klangaktionen nach München. Zum Jubiläum erinnerte er an eigene Arbeiten aus früheren Zeiten (seine Vertonung des Dali/Bunuel-Films „Un chien andalou“ von 1929 mit elektronischem RiedlKlang der Jahre 1957/1975/1980). Daneben gab es unter anderem „Zeichnen-Klatschen/Zeichnen-Zeichnen“ mit Schiefertafel und darauf agierender Kreide in authentischer Klangkulisse samt Zuspielung als „konkrete Musik“ für hörende Augen und sehende Ohren sozusagen. Im Finale der Klangaktionen 2009 figurierten Altmeister Dieter Schnebel neben Riedl, Michael Hirsch, Mara Genschel neben Erwin Stache. Der seinerseits und im Verbund mit Tom Johnson samt Gerhard Stäbler den erneut zwingenden Beweis erbrachte, dass neue Musik (das „neue“ bewusst kleingeschrieben, weil zeitgenössisch meinend und nicht ideologisch) anspruchsvoll sein kann und auch ernst(haft) und doch auch freudvoll und intelligent und ja – Spaß machend. (Und das in einem Zeitalter, das dem Bayerischen Rundfunk reif dafür scheint, die Begrifflichkeit von Ernster- und Unterhaltungs-Musik abschaffen zu können. Was er real und diesertage in  echt vollzogen hat.) Da waren dann Schülerinnen und Schüler aus Augsburg und Trostberg etwa, die sich in fast symphonischer Ausprägung schon mit Mundharmonikas artikulierten, zwischen Alltagsgeräten und elektronisch präparierten Hometrainern. Die ihrerseits den Spaß hatten, der sich übertrug – nicht direkt an der Spaßgesellschaft aber an der Freude am spielen, gestalten, zusammenbringen. „E-musikalischer“ ging´s dann schon zu bei Younghi Pagh-Paan und Tom Sora und Isabel Mundry und Michael Lentz und zumal bei Peider A. Defilla mit seiner „CO-INCIDENCE“ genannten Arbeit, die eine „filmische Rauminstallation als Doppelprojektion mit Vierkanalton“ sein zu wollen vorgab. In Wahrheit aber wenig neues Klangmaterial zwischen zwei Kinoleinwände schickte, die mit weißen Kreisen in schwarzer Umgebung auf weißen Untergründen ihr (Un)Wesen trieben. Was in nicht näher definierbarer Hektik, die Rhythmik sein wollte, eine Netzhautablösung zur Folge hätte haben können, wäre das wahrlich sehenden Auges „konsumiert“ worden. Resümierend also lässt sich sagen: Riedl ist kein „Seher“. Er kann nicht wissen, was letzten Endes aus den Hirnen der Kreativen in die Säle der Neugierigen drängt. Dass er Mut hat, dass er „Ermöglicher“ ist, experimentierfreudig und als „Laborbetreiber für Musik“ aktiv – das sei ihm gedankt. Dass er weiterhin so wach und gutgelaunt und inspirierend anschiebt, sei ihm gewünscht.

Auch wenn das lange nicht Geänderte unänderbar scheint (wie es Bert Brecht einmal dem Sinne nach sagte): Hier wiederholt sich Manches. Das aber ist dann ja wie im wirklichen Leben. Dem Programm/Organisierer/Team Josef Anton Riedl und Ulrich Müller ist zu wünschen, dass sie noch mehr Komponisten von heute finden, die mutig neue und möglichst unverbrauchte Impulse setzen, um das ewig Gestrige im Glanz des Neuen weiterzuentwickeln. Immerhin: Die nächsten fünfzig Jahre Klangaktionen München sollten ab sofort gesichert sein.

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