Klangbewegungen von Körpern im Raum – ein Treffen zwischen Tänzern und Musikern im Mousonturm Frankfurt


(nmz) -
Das aus der jüngeren Neue-Musik-Szene bekannte Ensemble Nikel um den Gitarrenvirtuosen Yaron Deutsch und das mit ehemaligen Forsythe-Tänzern besetzte Kollektiv Mamaza übten sich in Annäherung. Nicht Tanz und nicht Musik sollte es sein; keine der professionellen Maschinerien der hochausgebildeten Körper der Akteure sollten angeworfen werden, sondern man suchte nach etwas Drittem, das sie als Menschen auf der Bühne vereint.
21.02.2013 - Von Bastian Zimmermann

In der letzten Zeit kollaborieren immer häufiger junge Ensembles aus dem Bereich der zeitgenössisch komponierten Musik mit Akteuren aus den anderen Sparten der darstellenden Künste, insbesondere dem Tanz. Für Tänzer ist dies zumeist keine Besonderheit, sind sie es doch beinahe gewohnt bei jedem Projekt irgendwie grenzüberschreitend arbeiten zu müssen. Wenige trauen sich überhaupt noch, einen gut trainierten Tanzkörper vorzuführen, ohne im gleichen Moment diese Disziplinierung zur Diskussion zu stellen. Im Bereich der neuen Musik ist das anders. Virtuosentum und das Klammern an das Notendiktat sind an der Tagesordnung. Nicht dass es auch ebenso viele Versuche gibt, diese Hierarchien aufzubrechen, aber der Musikbetrieb sieht gerne Klassisches, Klischiertes.

Für Yaron Deutsch und Reto Staub aus dem Ensemble Nikel mag demnach die Zusammenarbeit mit den drei Tänzern Ioannis Mandafounis, Fabrice Mazliah und May Zarhy eine wirkliche Grenzüberschreitung gewesen zu sein. Endlich einmal die künstlerischen Problemstellungen des Musiker-Körpers zu vergessen und sich Fragen zu widmen, die im Bereich des zeitgenössischen Tanzes zum Alltag gehören: Hier sind ein Raum und ein oder mehrere Körper. Wie sich darin verhalten − zu sich, dem Publikum, den Objekten, den anderen Akteuren? Wie die Hierarchien von Bühne und Podium umgehen, eine Gemeinschaft bilden? Das Handlungsskript, als Äquivalent zur musikalischen Partitur, wurde im Tanztheater schon seit Längerem beiseitegelegt.

„The Nikel Project“ begann mit der Klangexegese einiger umfunktionierter Geräuschobjekte, etwa der Kette eines laufenden Fahrrads, Stühlen oder großen Holzklötzen. Jede Klangproduktion wurde, vom Körper des jeweiligen Darstellers ausgehend, bewusst im Raum positioniert. Mit dem simultanen Tätig-Sein der Akteure entstand so ein polyphones Geräuschstück. Deutsch kündigte hiernach, gemäß dem Untertitel des Abends, weitere „songs & poems“ an. Kleine Stücke, die mit einer Pause unterbrochen, jeweils für sich eine kleine Welt und im Ganzen ein Album bilden sollten. Es folgten mehrere Versuche, Klang und Bewegung in Szene zu setzen: Ein Vorhang fungierte als Schleier, unsichtbare Klänge wurden mit dem Auftreten der Person wieder sichtbar, eine rückkoppelnde Gitarre ging ohne ihre Betätigung ihrem schrillen Eigenleben nach, es wurden Bewegungen ausgeführt , die keinerlei Klang erzeugten, aber Staub aufwirbelten, plötzlich unterhielten sich die Akteure angeregt. Allesamt Liedfetzen, die mit Witz klarmachten, dass sich die Maschine Musik aus vielen unbewussten und bewussten Bewegungen von im Raum präsenten und sich verhaltenden Körpern zusammensetzt.

Der Performanceabend glich einer philosophischen Studie, nur auf körperlicher Ebene. Der Begriff der künstlerischen Forschung wäre hierzu wahrscheinlich das zeitgemäße Stichwort. So ließ Deutsch im anschließenden Publikumsgespräch verlauten, man könne als Zuschauer den Entwicklungsprozess der Künstler mit durchleben, etwas von der gewonnenen Sensibilität spüren, die die Künstler im Laufe der Proben erlangt haben. Gerne doch, aber trotz allem wäre mit diesem Dispositiv mehr möglich gewesen. Die sicht- und hörbare Transformation vom Musiker- oder Tänzer-Körper in einen Bühnenkörper, der einfach Klang produziert und sich mit und zu den anderen auf komplexe Weise verhält, wäre eine solche Möglichkeit gewesen, das Eigeninteresse der Künstler, aber auch die allgemeinere Bedeutung dieses Umdenkens zu plausibilisieren. Es scheint, als hätten sie vor der Vorstellung ihre üblichen Masken abgelegt und nur eine neue aufgetragen. Die dargebotenen „songs & poems“ stellten sich somit abgeschlossener dar, als sie es letztendlich waren.

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