Klanggemälde mit leeren Landschaften –‭ ‬Gelgotas-Uraufführung in Zürich


(nmz) -
Feste muss man feiern.‭ ‬Diese alte Weisheit hat in den letzten Wochen dieses Sommers auch die renommierte Schweizer Orpheum Stiftung aufgenommen‭ – ‬und zum‭ ‬25-jährigen Jubiläum sich selbst‭ (‬und dem Züricher Publikum‭) ‬vier Konzerte in der Tonhalle geschenkt.‭
18.09.2015 - Von Michael Kube

‬Im Vordergrund stand dabei die professionelle Förderung des hochqualifizierten solistischen Nachwuchses.‭ ‬Für das Abschlusskonzert mit der von Kristjan Järvi geleiteten Baltic Sea Youth Philharmonic‭ (‬am‭ ‬12.‭ ‬September‭ ‬2015‭) ‬hat man sich aber auch ein Auftragswerk geleistet:‭ ‬Mountains.‭ ‬Waters.‭ (‬Freedom‭)‬ von dem litauischen Komponisten Gediminas Gelgotas.‭

Für das Baltic Sea Youth Philharmonic ist der‭ ‬1986‭ ‬in Vilnius geborene Gelgotas kein Unbekannter:‭ ‬seine Partitur‭ ‬Never Ignore the Cosmic Ocean stand schon auf verschiedenen Programmen und wurde auch für die erste CD des Orchesters aufgenommen.‭ ‬Dass die keineswegs avantgardistische,‭ ‬sondern eher im Rahmen einer für viele Komponisten des Baltikums typischen Tonsprache auch die jungen Musiker begeistert,‭ ‬sollte daher nicht verwundern.‭ ‬Wirklich neu an dem mit‭ ‬Mountains.‭ ‬Waters.‭ (‬Freedom‭)‬ überschriebenen und knapp‭ ‬10‭ ‬Minuten Spielzeit fordernden Klanggemälde ist nur weniges,‭ ‬seiner Funktion als erstes Werk des Abends wurde es allerdings vollauf gerecht.‭ ‬Doch sind tatsächlich die norwegischen Alpen und die baltische See gemeint,‭ ‬wie es in der Konzertmoderation anklang‭? ‬Und wo wäre dann die Freiheit‭ – ‬zumal in den notierten Parenthesen‭? ‬Nach eigenen Worten wollte Gelgotas zunächst einmal technisch‭ ‬„extrem ökonomisch mit dem verwendeten musikalischen Material verfahren‭“‬ – was auch mit den pulsierenden leeren Quinten der Streicher greifbar ist,‭ ‬Leidenschaft in der Ausführung und klangliche Saftigkeit eingeschlossen.‭ ‬Doch ein Gefühl für die‭ ‬„weiten Landschaften um uns‭“‬ oder‭ ‬„die Weite in uns‭“‬ wollte sich trotz entsprechender intentionaler Hinweise nicht recht einstellen,‭ ‬dazu blieb der musikalische Verlauf mit seiner im Kern dreiteiligen Anlage zu pauschal,‭ ‬die Klänge wie auch die Instrumentation ohne überzeugende Originalität‭ (‬das ausgereizte‭ ‬16‭’‬-Register des Orchesters einmal ausgenommen‭)‬.

Was also blieb in Erinnerung‭? ‬Es war vor allem die Leidenschaft des mit anhaltender jugendlicher Verve aufspielenden,‭ ‬von Kristjan Järvi bestens eingestellten Orchesters,‭ ‬die nicht nur diese unaufgeregte Uraufführung,‭ ‬sondern das Programm des ganzen Abends auf eine sympathisch unverbrauchte Art belebte,‭ ‬auch wenn wie beim Marimba-Konzert‭ ‬Arbor von Erkki-Sven Tüür‭ (‬mit Heigo Rosin‭) ‬oder dem‭ ‬3. Violinkonzert von Saint-Saëns‭ (‬mit Hyeyoon Park‭) ‬nur begleitende Aufgaben übernommen wurden.‭ ‬Ein geradezu draufgängerisches‭ ‬Capriccio espagnol‭ ‬markierte am Ende noch lange nicht den Schlusspunkt‭ – ‬vielmehr rockten die jungen Musiker des Baltic Sea Youth Philharmonic mit gleich drei Zugaben das üblicherweise recht distinguierte Züricher Auditorium.‭

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