Komponiert, musiziert muss sie sein, die Utopie – Juan Allende-Blin kuratiert den Essener Kirchenraum


(nmz) -
Modulation in Echtzeit. Gestern Zentrum, heute Peripherie. Vom Elbphilharmonie-Eröffnungsrauschen nach Essen-Rellinghausen, von den Novitäten eines Wahr- und Wunderzeichens an einen Ort, der gerade nichts hermachen will; einer jener Kirchbauten wie sie einem Vorkriegs-Protestantismus gefielen. Die Exzellenz überlassen wir anderen! Und dann gab es genau hier eines der exzellentesten Konzerte im Kirchenraum, die Wir in NRW in letzter Zeit so erlebt haben.
18.01.2017 - Von Georg Beck

Was wesentlich zu tun hat mit der Seele dieses konzertierenden Geschehens, Juan Allende-Blin. Als Gestalter von Konzertprogrammen favorisiert der Komponist eine Handschrift, die er kennengelernt hat bei Hermann Scherchen, der seinerseits von der Einheit Musik ausging, diese wie kein Zweiter verkörperte. Kannten die einen ihren Scherchen vorzugsweise als Dirigenten klassischer Werke, gab es andere, die ihn einzig als eifrig-eifernden Befürworter der zeitgenössischen Tonkunst und seiner Protagonisten wahrnahmen. Beides indes war ihm gleich wichtig. Das Alte wie das Neue. Die Tradition wie das Hier und Heute, wenn sie nur beide das Feuer in sich trugen. Ein Verständnis, das Allende-Blin als Vermächtnis begreift – um es weiterzugeben.

Was im jüngsten Fall zu einem „Himmlisches und Irdisches“ umspannenden Programm geführt hat, in dem zunächst zwei Begräbnismusiken kontrastierten. Hier Henry Purcells „Funeralmusic of Queen Mary“ für gemischten Chor und Orgel, in sehr guten Händen bei den acht Vokalisten des (dirigierten) Ensemble Scopus; im Gegenschnitt das Allende-Blin-Hörstück „Letztes Geleit – zwei Briefe von Hanns Stein“, eine 1995 vom NDR produzierte Klang-Collage, in der der Exilkenner Allende-Blin die emotionale Achterbahnfahrt eines Exilanten im 20. Jahrhundert nachzeichnet. Eben die des Sängers Hanns Stein, der 1938 vor den Nazis aus Prag nach Chile flieht, nach dem Pinochet-Staatsstreich ein zweites Mal in die DDR, von der DDR nach Chile zurückkehrt, um dort zum unfreiwilligen Sargträger des Leichnams von Erich Honecker zu werden, der seinerseits nach dem Exitus der DDR für sich das Exil Chile wählt. Im Hörstück amalgamiert Dokumentarisches mit einem auskomponierten Alles-kehrt-wieder-Memento. Spricht Stein irritiert vom Erscheinen der Neonazis auch im ehemaligen Realsozialismus, mischen sich zum Beben gebrachte tiefe Klaviersaiten ein. Klangzeichen fürs Unerledigte, die realistischer schienen als das doch ein wenig entrückte Brecht-Wort vom „noch fruchtbaren Schoß“. Nun, Juan Allende-Blin ist Komponist, kein zeigefingerhebender Gesellschafts-Moralist.

Und als Kurator gewohnt, Zäsuren zu setzen, in diesem Fall vom Unheimlichen umstandslos zu wechseln in ein spielerisches Experimentieren, wofür die beiden Orgelstücke des Abends standen: „Galaxia“ von Juan Carlos Paz, ein Alterswerk, das dem Wiederkäuen trotzt sowie „Explosiva“ von Gerd Zacher. Letzteres gab es als veritable Uraufführung, hatte Allende-Blin das Manuskript dieses im Pinochet-Putschjahr 1973 entstandenen Stücks doch im Nachlass seines langjährigen Lebensgefährten gefunden. Ein Orgel-Scherzo, das die jedem Choristen geläufigen Explosivlaute p, t, k in scheinbarer Beliebigkeit über Tastaturen und Register streut. Zacher-Schüler Matthias Geuting ließ die Sinnzusammenhänge als Linien aufscheinen, die vom Ende, vom Nachfolgenden her ins schon Gehörte zurückwiesen.

Das Hauptwerk des Abends schließlich eine Kammermusik, die den Schnitt selbst zum Thema machte. Und damit automatisch mit einer Stille operierte, die andernorts nicht selten den horror vacui auslöst. Bloß keine Pausen machen! Insofern war es dann doch ein Glück, nach einem punkt- und kommalosen elbphilharmonischen Potpourri am Rande der Revue wieder Zäsuren zu erleben, Absätze, differierende Charaktere zu spüren.

Übergang zu „Tmesis“, das jüngste zur Uraufführung zu bringende Auftragswerk der Stadt Essen an den Essener Komponisten Juan Allende-Blin. Der Titel ein Wort aus dem Griechischen; Anspielung auf das Auftrennen, den Cut, was umgekehrt sofort die Frage nach dem Wieder-Ganzwerden nahelegt. Die Antwort darauf gab das Bläser-Trio des Essener E-MEX-Ensembles – und zwar mit Bravour. Flötistin Evelin Degen, Trompeter Markus Schwind, Posaunist Andreas Roth gelang das Kunststück, die Schnitte von den Nähten her zu denken. Was kreuzschwer war vor allem fürs schwere Blech, hatten Trompete-Posaune doch in atypischen Dynamikregionen zu operieren. Zum durchgehenden Piano-Konversationston waren heikelste Höhen und Register anzusteuern. Im Ergebnis indes klang freilich nichts mehr nach schweißtriefendem Hantieren mit dem Operationsbesteck. Alles schien leicht, einschließlich der Botschaft. Das denkbar Disparateste kann zusammenfinden, wenn es nicht von den Hindernissen, von Milieu und Hintergrund, heute: ,Migrationshintergrund‘ gedacht ist, sondern vom Gelingen. Wozu man früher Utopie gesagt hätte. Was insoweit auch nicht verkehrt ist; nur, dass wir sie nicht gern auf den Sanktnimmerleinstag verschoben, sie vielmehr gern schon jetzt und hier hätten als komponierte, musizierte von P wie Paz und Purcell bis Z wie Zacher, A wie Allende-Blin.

Klappt in Rellinghausen übrigens mittlerweile so gut, dass sich das Publikum regelmäßig auf seine Weise bedankt. Mit verstärkter Anwesenheit. Volles Kirchenhaus an der Oberstraße!

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