Kurz-Schluss – Wie ich einmal einem geistig-sportlichen Sieg im wahrsten Sinne des Wortes entgegenfieberte


(nmz) -
Eine fiese Sommergrippe – kennen Sie das? Fieber, nicht zu hoch. Lässt aber den Schädel brummen. Es kratzt der Hals, die Bronchie röchelt. Fürchterlich, wenn die Sonne durchs Fenster sticht – deshalb: verdunkeln. Was gerade noch funktioniert, ist: vorsichtig fernsehen. Zwischen Zappen und Schlummern zu heilen versuchen. Leichte Kost bevorzugen, gerade auch im TV. Ein Glücksfall: die Fußball-Weltmeisterschaft. Ein Glücksfall? Soweit ich das zwischen etlichen Schweißausbrüchen mitbekam, verloren unsere deutschen Weltmeister, die sogenannte „Mannschaft“, der Stolz unserer Nation, die Speerspitze unserer Leitkultur, ausgerechnet gegen Mexiko. [Vorabdruck aus Politik & Kultur 2018/04]
26.06.2018 - Von Theo Geißler

Der Schock muss mich in einen kurzen Tiefschlaf versetzt haben. Jedenfalls nahm ich als Nächstes wahr, dass offensichtlich Agenten der AfD herausgefunden hatten, das deutsche Trainingslager sei mit Schlafpulver tapeziert gewesen. Woraufhin Gauland den NATO-Notfall ausrief, das Parteivermögen in die Mauer zwischen Amerika und den Mexen investierte, und so erreichte, dass unter Admiral Trump etliche Flugzeugträger ins Schwarze Meer beordert wurden. So wurde die Krim zurückerobert, als 17. deutsches Bundesland – und Reservat für weißhäutige Flüchtlinge vor dem Kommunismus. Offenbar nur ein Alptraum, wie ich wenig später bemerkte. Aus Versehen hatte ich wohl vor dem Aufwachen den Kinderkanal im Programmierfeld erwischt.

Allerdings flackerten plötzlich Bilder brennender, zusammenbrechender Stadien über den Bildschirm. Horst Köpke als politischer und Sammy Drechsel als Sport-Experte kommentierten in schärfstem Schwarz-Weiß, es sei ein globaler Fußballerhandelskrieg ausgebrochen, nachdem sich Russland, die USA und China beim Versuch, die gesamte deutsche, französische und die brasilianische Nationalmannschaft aufzukaufen, derart überschuldet hätten, dass sich jetzt Apple und Google alle Rechte an allen Live-Spielen und deren Übertragung unter die gierigen digitalen Nägel gerissen hatten. Das führte zu Eintrittspreisen im sieben-stelligen Bitcoin-Bereich und demzufolge zu gewalttätigen Revolutionen in 174 Mitgliedsländern der UNO. Was Bruce Willis – ich musste zwischendurch mal wieder eingenickt sein – als Jetpilot zwischen bröckelnden Autobahnzubringern mit einem Monster-truck kämpfend in diesem Kontext zu suchen hatte, erschloss sich mir nicht mehr – gnädig müssen mir Kopfkissen und Kühlmaske über Augen und Ohren gerutscht sein …

Fiebernass erwachte ich zwischen gigantischen Hochhäusern in der Wüste. Neben mir kniete eine ältliche Gestalt, die ich einäugig zwinkernd (das zweite war grade vereitert) als Franz Beckenbauer identifizieren konnte. Er krächzte die ganze Zeit „RaRaRa-Germania“, „Schland, Schland, Schland – Du meines Herzens lieb Scheidewand“. Als Leser von „Spiegel“ und „11 Freunde“ freilich war mir die gesammelte Korruptionshistorie dieser vermeintlichen ballzauberischen Lichtgestalt wohl bekannt. Und so begann ich, ihn mit seinen Sünden zu konfrontieren und grob zu beschimpfen. Daraufhin griff er in einen mittelgroßen Hauptstadtkoffer, puhlte beidhändig alte 20-Mark-Scheine hervor und stopfte sie mir in Mund und Ohren. Während ich noch überlegte, wann denn der Euro eingeführt wurde, verlor ich mal wieder das Bewusstsein …

… um in Freimann, im Studio des Bayerischen Fernsehens, aufzuwachen, mitten in einer Talk-Show mit Markus Söder, Horst Seehofer, Uli Hoeneß und Moderator Hansi Hinterseer. Der plädierte gerade unter dem Beifall der sonstigen Anwesenden dafür, künftige Fußballweltmeisterschaften nur noch in Bayern stattfinden zu lassen, das gegebenenfalls noch mit Salzburg erweitert werden könne. Lockere, teils im gschmeidigen boarischen Dialekt gesungene Kommentare gäben dem Event auch noch einen kulturellen Touch. Ein guter Grund für unsere entsprechende amtierende Staatsministerin Monika Grütters, ein paar Zig-Milliönchen für diese anerkannte Volkserbauung rauszurücken, statt sie für Renovierung oder gar Neubau von sogenannten Opernhäusern, Konzertsälen oder gar Sprechtheatern zu verplempern.

Ferner könne man Fans und Mannschaften, die verdächtig aussähen oder gar ohne Papiere und Einlasskarten einreisen wollten, schon an der Grenze zurückweisen. Das gelte auch für Hessen und Sachsen. Nur mit meinem langen weißen Nachthemd bekleidet sprang ich auf und brüllte, ob ich hier wohl im falschen Film sei. „Bei uns im bayerischen Fernsehen nie“ – flüsterte Uschi Glas, die gerade aus der Lederhose von Uli Hoeneß gekrabbelt war – und schubste mich aus dem Studio, wo ich geradewegs in der Requisite des eingemotteten Komödienstadels landete – Gott sei Dank im Doppelbett der „Wildecker Herzbuben“.

Seltsamerweise wachte ich im eigenen Bett auf, gepeinigt von Hunger und Durst. Jegliches Zeitgefühl war mir abhandengekommen. Lag ich hier eine Stunde? Einen Tag? Eine Woche? Immerhin: Die Fernsehkiste flimmerte zuverlässig ins Halbdunkel. Fußball-weltmeisterschaft. Endspiel. Deutschland gegen Frankreich. Donnerwetter, sind die Jungs doch weitergekommen. Toll. Die Einblendung in der rechten oberen Bildecke wies aus: Deutschland 4, Frankreich 1. Unglaublich. Sollten wir schon wieder Weltmeister werden? Vier Tore durch Müller (der heißt doch nicht Gerd…???).

Ich checke die Sender-Kennung und lese „Astro-TV“. Seit wann kümmern sich diese Stümper um Historisches?

Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur