Kurz-Schluss – Wie ich einmal unsere schöne Demokratie vor Weimarer Zuständen rettete


(nmz) -
Jetzt, da alles einigermaßen wenn auch vorläufig gut gelaufen ist, kann ich es ja ausplaudern: In den letzten Wochen des vergangenen Jahres war ich sozusagen als Triple-Agent tätig. Für die finanziell bestens ausgestatteten Populismus-Beraterfirmen von CDU, CSU und SPD. In den Präambeln zur Auftragsbestätigung hieß es fast gleichlautend, die Bundesrepublik befände sich aus jeweiliger Kundensicht auf dem Weg in die chaotischen Zustände der Weimarer Republik. Zwar seien die linken und rechten Ränder noch nicht so stark. Das könne sich allerdings in Zeiten von Terror und Flüchtlingsschwemme rasch ändern. Eine drastische Kräftigung der demokratischen Mitte täte Not. [Vorabdruck aus der Zeitung „Politik & Kultur“]
20.12.2015 - Von Theo Geißler

Auf ein feines Weihnachtsgeld spekulierend akzeptierte ich diese Herausforderungen gern, zumal gerade die Parteitage der Kundschaft anstanden und einen gewissen Gestaltungsspielraum versprachen. Anzugehen war zunächst der rechte Flankenschutz des demokratischen Zentrums – die Christsozialen. Ihren Schwachpunkt – den Ministerpräsident Horst Seehofer, wegen häufigen Positionswechsels gern auch als „Drehhofer“ bespöttelt, galt es einzunorden. Deshalb verordnete ich ihm eine klare Kante, konsequent mit den Begriffen „Flüchtlings-Obergrenze“ und „Beschränkung des Familien-Nachzuges“ zu operieren. Auch um später einen gewissen Definitionsspielraum in der allfälligen Diskussion mit der Schwesterpartei zu behalten. Ferner ließ ich ihm zur Stärkung seines Selbstbewusstseins Schuhe mit Zwölf-Zentimeter-Sohlen anmessen, damit der wahre Größenunterschied beim Zusammentreffen mit Kanzlerin Angela Merkel optisch eindeutig ausfallen konnte.

Perspektivisch empfahl ich, die Nachfolger*innen-Frage möglichst umgehend und aus quantitativer Wähler*innen-Sicht frauenfreundlich zu klären. Alles war schon in Butter, Seehofer hatte ich die Präsidentschaft beim FC Bayern und der FIFA zugesagt. Da kam ein Querschuss, weil sich Heimatminister Markus Söder unangenehm vordrängte. Er war in den Vorjahren durch transvestitische Karnevals-Kostüme mehrfach aufgefallen und erklärte sich jetzt bereit, seinen Namen – verbunden mit entsprechendem Auftreten – in „Markanta Söd*erin“ umtaufen zu lassen. Den vatikanischen Segen durch Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, habe er durch den Transfer eines unerheblichen Audi-Aktienpaketes bereits sicher. Der geschlossene Protest der Frauen-Union gipfelte im Ratschlag, doch zu den „Grünen“ zu konvertieren, woraufhin Söder unter dem Gelächter seiner Parteigenossen androhte, anstelle von „Dobrindt, dem Versager“ als Verkehrsminister nach Berlin zu wechseln.

Hochproblematisch auch die Situation der 24-Prozent-Volkspartei SPD vor ihrem Parteitag. Sie wird den Sprung knapp über die Einviertel-Minderheit bei der übernächsten Bundestagswahl wohl nur schaffen, wenn sie ihren haltungsmäßig dem seehoferschen Wackelpudding ähnelnden Sigmar Gabriel irgendwie entsorgt. Zumal der sich als völlig beratungsresistent erwies. Mein Vorschlag, aus guten Beispielen zu lernen und seine Patschhände künftig kanzlerinnen-like vor seinem Altbier-Muskel gestisch stets zur Raute zu formen (hätte für ihn auch kosmetische Vorteile gehabt) blitzte kalt ab. Auch wollte er sich nicht mit der Partei-Zukunft, den Jusos, versöhnen. „Lieber hole ich Clement, Edathy und Steinbrück wieder in die Parteispitze“ – höhnte er.

Als ich ihm offerierte, gegen ein hohes monatliches Millionen-Salär in die Geschäftsleitung von Facebook zu wechseln, winkte er müde ab. Er hätte bereits einen sicherlich besser ausgestalteten Vertrag mit Apple zu jedem ihm genehmen Zeitpunkt. Ein hoffnungsloser Fall, der die noch viel zu zahm ausgefallene Quittung für seine Hartleibigkeit auch noch als Wahlerfolg verbuchte. Diese mentale Realitätsflucht wird es mir im Rahmen einer freilich noch geheimen Anschluss-Maßnahme demnächst leicht machen, den Sturkopf und TTIP-Freak in der digitalen Apfel-Wüste verschwinden zu lassen. Ein Auftrag aus der SPD-Grundwerte-Kommission liegt mir bereits vor.

Wie angenehm hingegen die Arbeit im Vorfeld des christdemokratischen Parteitages. Mit ein paar Prisen Valium für Abweichler wie Bosbach und ein wenig kunstvolle Verbalakrobatik („deutliche Begrenzung des Flüchtlings-Zustromes“ statt „Obergrenze“) herrschte Friede, Freude, Eierkuchen. Für die Begegnung mit Seehofer ließ ich Merkel Zwanzig-Zentimeter High-Heels anmessen, während der Bayer vor seinem Auftritt (vorgeschobenes Argument: eine Bombendrohung im Zusammenhang mit seinen Absätzen) in Pantoffeln wechseln musste. Folge: Alles in weicher Butter im wahren Zentrum der Republik. Den Kohlschen Grundsatz des konsequenten Aussitzens aller Probleme und Konflikte hat die Partei perfekt verinnerlicht. Sie darf jetzt nur nicht vergessen, dass bei dieser Körperhaltung hinten kaum was rauskommen kann, es sei denn, die Sesselkonzeption im Bundestag würde komplett verändert.

Ob ich allerdings den Folgeauftrag der CDU-Populismus-Agentur annehme, weiß ich noch nicht. Es wäre eigentlich nicht mein Stil, der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry ein von der CIA an Fidel Castro erprobtes Oberlippenbärtchen-Wachstumshormon in die Hühnersuppe zu mischen oder die Pickelcreme von Sahra Wagenknecht mit Akne-Bakterien zu versetzen…

Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur

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