„L’Orfeo“ mit neuem Ende in Zwickau: Katharina S. Müllers furioses Finale mit Blut und Knochen


(nmz) -
Jetzt ist Katharina S. Müller fast Composer-in-residence am Theater Plauen-Zwickau. Nach der Musik zum Tanzstück „Happy Birthday“ von Annett Göhre warf man der 1994 in Starnberg geborene Komponistin, Performerin und Geigerin dort eine echte Herausforderung zu: Ihre Arrangements und die Neukomposition des Finales für Claudio Monteverdis „L’Orfeo“ polarisieren das versöhnlich-apollinische Ende mit Triumph der Sinne aus Alessandro Striggios erstem Libretto-Entwurf. Eine Erweiterung mit Fragezeichen, Opulenz und Blutrausch. Wahrheitsgemäß verspricht der Produktionsslogan: „1 × Hölle und zurück!“
08.02.2018 - Von Roland H. Dippel

Das Gewandhaus am Markt in Zwickau ist eingerüstet. Beim Stadtjubiläum „900 Jahre“, das die Schrift auf den Plastik-Planen mit dem Fassadenumriss verkündet, spielt das Ensemble noch im Malsaal und im Konzerthaus Neue Welt. In Plauen dagegen läuft der Betrieb auf der großen Bühne des Vogtlandtheaters ganz normal. Kein geringer Spagat, weil die gleichen Produktionen für beide Orte passen müssen. Allzu große Unterschiede der Einrichtungen und des künstlerischen Aufwands müssen Operndirektor Jürgen Pöckel und der neue Generalmusikdirektor Leo Siberski abfedern. In Plauen hat man reguläre Dimensionen zwischen Saal und Guckkasten, in Zwickau werkstattmäßige Nähe – in Plauen Mischklang, im Malsaal Zwickau den Sog zu knalliger Überakustik.

Und dazwischen Katharina S. Müller, die in und mit Jürgen Pöckels Inszenierung sehr viel will: Der Mythos vom Sänger Orpheus soll dem kaum an richtig altes Musiktheater gewohnten Publikum gefallen und Besonderes bieten. Jugendlicher Profilierungswille und erfahrener Szenenzugriff laufen diesmal, nach den erfreuenden „Perlenfischern“ in der letzten Spielzeit, nebeneinander her.

Ausgangspunkt der Szene sind die üppigen Kostüme Oliver Oparas, die vom Renaissancekleid bis zum Gehrock und Latex alles nur Vorstellbare vermengen. Dessen Ausstattung besteht dazu aus zwei drahtgeschlungenen Wänden und prismatischen Videospielereien – sind das rote Blutkörperchen unterm Mikro…? Später werfen sich die Bacchantinnen mit (mythologisch zweifelhafter) männlicher Unterstützung auf Orfeo. Da untermischen Katharina S. Müller und Jürgen Pöckel den hymnischen Aufruf Apollos an seinen Sohn Orfeo zur affektiven Mäßigung mit größtmöglichem Furor. In blutverschmierten Ordenskleidern machen die Bacchantinnen aus Orfeo unidentifizierbare Leichenteile. Sie greifen nach Gliedmaßen, Eingeweiden, Innereien des im Rausch abgeschlachteten Sängers und bleiben bis zum guten Schluss auf der Bühne, wenn das höfische beobachtende Paar vom festlich-pastoralen Anfang wieder Einzug hält. Diese „azione teatrale“ aus dem Jahre 1607, eine Geburtstagsgabe für Francesco IV. Gonzaga am Hof von Mantua, zeigt jetzt nicht „Tod und Verklärung“, sondern „Erklärung und Vernichtung“. Höfisches Fest und Horror stehen am Ende nebeneinander.

Der beredte natürliche Tenor John Pumphrey im Titelpart, Johanna Brault als Botin und Unterweltsfürstin Proserpina führen glänzend. Carsten Schröter (etwas tapsiger Caronte), Shin Taniguchi (charismatischer Pluto), Constantin Phillipoff (fast knabenhafter Apollo) und Nataliia Ulasevych (ihren kurzen Part aufwertende Euridice) ragen aus dem Monteverdi mit kräftiger Rundung und vollmundig nehmenden Ensemble heraus.

Zuerst beim Erscheinen der Botin mit der Nachricht vom Tod Euridices kratzt, schabt, tremoliert, vibriert es aus dem bläserlastigen Orchester, vor dem Leo Siberski nicht nur mit Cembalo, sondern auch mit Synthesizer agiert. Lange E-Gitarrentöne, dürre Streicherläufe und diabolische Parallelführungen der Hölzer in engen und allerengsten Intervallen greifen nach Monteverdis Harmonien, verdichten sie, verzehren sie und attackieren deren Formsprache. Originale Rhythmen mutieren zu amorphen Flächen. Laut Dramaturgie vermitteln sich in Monteverdi-Aufführungen kaum mehr Sensationen des Hörens wie damals 1607. Dieses aufrührerische Erlebnispotential will man in der musikalischen Erweiterung restaurieren, doch die Szene hält sich bei diesem Bemühen in moderater Zurückhaltung. So bleibt es an Katharina S. Müller, Monteverdi mit zielstrebiger Schärfe zu erneuern.

Iterativer Durchlauferhitzer

Ihre Instrumentationsansätze mit deutlich verdichtender Wirkungsabsicht haben tatsächlich Spannungspotenzial, das stellenweise der Versuchung zu selbstzweckmäßiger Flächenhaftigkeit widerstehen muss. Von Seiten des Dirigentenpults zeigt man die Schnittstellen genau, die Blechbläser knallen in die offene Akustik des Malsaals. Das führt zu weiteren schroffen Kontrasten, von denen man nicht weiß, ob diese durch den Aufführungsort bedingt oder Konzept sind. Monteverdis Musik, deren Particell gewiss einer aufführungspraktischen Ergänzung und Gestaltung bedarf, wird zum iterativen Durchlauferhitzer. Katharina S. Müllers panoramenhafte Tonfolgen und -flächen erheben Anspruch auf Dantes horrorartig-sadistisches „Inferno“ als auf Monteverdis gemäßigte Unterwelt, in der man eher akademisch konversiert als an Martern leidet.

In Konsequenz heißt das: Das kreative Potential der Komponistin hungert nach einem eigenen abendfüllenden Musiktheater-Werk. Dieser in ihrer „L’Orfeo“-Bearbeitung enthaltene Appell sollte ihr alsbald gewährt werden. Die Substanz ihres „L’Orfeo“-Finales lässt sich wahrscheinlich als Konzertstück angemessener überprüfen als im theatralen Kontext der Uraufführung. Denn Katharina S. Müllers musikdramatische Erweiterung von Monteverdis „L’Orfeo“ braucht nicht nur szenische, sondern auch akustische Weite, die im Malsaal des Zwickauer Gewandhaus-Anbaus schlichtweg fehlt. Nur deshalb hat man hier den Eindruck, dass Monteverdi und Müller nicht zusammenkommen, Jürgen Pöckel in seiner Inszenierung zwischen diesen musikalischen Polen diplomatisch vermitteln muss. Lebhafter Applaus mit kleinen Irritationen.

  • Wieder am 10., 11.02. – 03., 18.03. – 08., 09.06.

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