Liebe im Talbot: Stefan Blunier leitet die Neuinterpretation von Schrekers „Irrelohe“ in Bonn


(nmz) -
Als durch einen musikologischen Kongress, Mitte der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts in Graz, die Renaissance der Bühnenwerke Franz Schrekers ausgelöst wurde, gab es auch eine partielle konzertante Aufführung der „Irrelohe“, der einige Jahre später dann in Wien eine komplette konzertante folgte. Nunmehr erlebte Schrekers sechste Oper ihre dritte szenische Realisierung: nach Bielefeld und der Wiener Volksoper steht „Irrelohe“ am Theater Bonn auf dem Programm, und damit unweit des Uraufführungsortes Köln, wo Otto Klemperer 1924 die Uraufführung geleitet hat.
08.11.2010 - Von Peter P. Pachl

Die skandalumwitterte Handlung vom sexuellen Fluch, der auf Schloss Irrelohe liegt, kam dem Komponisten Franz Schreker im Halbschlaf, als der Schaffner im Zug zwischen Regensburg und Nürnberg die Ortschaft Irrenlohe ausrief. Der alte Graf von Irrelohe hatte am Tag seiner Hochzeit, während des Brauttanzes, die junge Dorfschönheit Lola entführt und vergewaltigt. Dreißig Jahre später weiß der dabei gezeugte Peter noch nichts von seiner Herkunft, doch verliert er seine Geliebte Eva zusehends an Heinrich, den jungen Grafen von Irrelohe. Alljährlich kehrt Lolas einstiger Bräutigam Christobalds mit drei weiteren zündelnden Musikanten an den Ort des Geschehens zurück. Heinrich überwindet den Fluch seines Geschlechts und ehelicht Eva.

Beim Brauttanz stürzt sich sein Halbbruder Peter auf ihn, unterliegt aber im Zweikampf, während Schloss Irrelohe dem Anschlag der Brandstiftern zum Opfer fällt. Das blutbefleckte Happyend stellt ein Novum im Schaffen der vordem tragisch endenden Opernhandlungen des Dichterkomponisten dar, und so widmete er diese Oper seiner Gattin Maria, die als Operninterpretin auf historischen Aufnahmen präsent geblieben ist. Einflüsse von Arbeiten Sigmund Freuds und Otto Weiningers paaren sich im selbst getexteten Libretto des Komponisten mit Schauerromantik von E. A. Poe und Edgar Wallace. Unüberhörbar sind die Schrecken des ersten Weltkrieges in die stark expressionistisch gefärbte Partitur eingeflossen. Sie ist in ihrem Umfang knapper gefasst, aber in ihren klanglichen Mitteln, mit scharf klingendem Blech und neun Schlagwerkern drastisch zugespitzt. In diesem psychologischen Musiktheater wird ein Walzer – Lolas verschlüsselte Erzählung ihrer Vergewaltigung – musikalisch ad absurdum geführt. Der deutliche kompositorische Fortschritt mischt Klangzauber mit linearen Techniken und führte den Komponisten an den Zenit seines Schaffens. Gleichwohl hatte die Oper weniger Erfolg als Schrekers vorangegangene Werke „Die Gezeichneten“ und „Der Schatzgräber“.

Hausherr Klaus Weise hat die Handlung in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts und nach Osteuropa verlegt. Durch das breit gestreckte Fenster von Lolas Bistro sieht man Lastwagen und käufliche Liebe. Erst spät gibt die auffahrende Wand den Blick auf eine gigantisch aufragendes Schloss preis, das allerdings all zu deutlich Kulisse bleibt. Auch an Stelle des Kreuzweges, dem ersten Bild des zweiten Aktes, blickt der Zuschauer auf einen LKW-Parkplatz. Und auch Graf Heinrich zeigt Autobegeisterung, denn er verehrt in seinem gefängnisartigen Stammsitz das Talbot-Cabriolet auf einer aufgebockten Drehscheibe wie auf einem Altar. Die Enthüllung seiner Luxuskarosse tritt an Stelle der Enthüllungen von Heinrich und Eva, die ihre sexuelle Leidenschaft in ein Eheversprechen und in einen Kanon sublimieren, der im Inneren des Talbot vollzogen wird. Obgleich die Handlung des dritten Aktes einen Tag nach der kalendarisch genau als Hochsommer besungenen Handlung stattfindet, begegnet der Betrachter beim Hochzeitsfest einer 1. Mai-Dekoration mit roten Fahnen (Bühne: Marttin Kulkies). Dem Nietzscheanischen Gegensatz von Dionysisch und Apollinisch folgend, spielen die Zündler in einem seitlich geöffneten Lastwagen als Band „Dionysus“ auf. Die Leiche des erdrosselten Peter wird von einer Landmaschine hochgefahren, während allerlei Feuerzauber das Schloss einhüllt. Pyrotechnik war auch schon vorher im Spiel, wenn Christobald seinen Geigenkoffer öffnet und es darin brennt: also nicht nur „Flammen aus einem Wahn“ (Schreker in seiner Deutung), sondern Flammen aus der Musik selbst.

Die versteht Stefan Blunier, am Pult des Beethoven Orchesters Bonn, mit größter dynamischer Bandbreite wahrlich zu schlagen. Ein faszinierend schillernder, aber auch aggressiver Klangreichtum, der obendrein kongruent ist mit der Szene, etwa wenn die Fanfaren am Ende des zweiten Aktes wie Autohupen gellen. Trotz des symphonischen Flusses, mit trefflich herausgearbeiteter Thematik und Motivik, deckt der Dirigent die textverständlichen Solisten niemals zu; und wenn es einmal, im letzen Finale, nicht anders geht, so singt der Hochzeitsspieler und Zündler Christobald sein „Irreloh brennt!“ in ein Mikrophon.

Leider besitzt die Inszenierung nicht die Dichte und Intensität der vorangegangenen Wiener Aufführung. Aber sie schafft eindrucksvolle Momente, etwa wenn Christobald (Mark Rosenthal) seinen Kopf unter das Rad eines Lastwagens legt. Bisweilen etwas zu frei gestaltet Roman Sadnik die mörderische Tenorpartie des Heinrich. Von Eva (Ingeborg Greiner) wünschte man sich jenen Facettenreichtum, den das Orchester für die Försterstocher aufbietet, Lola (Daniela Denschlag) ist seltsam apathisch und dem Peter (Mark Morouse) ist der auf ihn vererbte, sublimierte und in Aggression umgeleitete Sexus nicht recht abzunehmen. Die Musikanten Fünkchen (Valentin Jar), Strahlbusch (Piotr Micinski) und Ratzekahl (Ramaz Chikviladze) sind choreographisch skurril geführt, und der von Fred Fenner grellbunt gewandete Chor und Extrachor (Einstudierung Sibylle Wagner) vermag zu überzeugen.

Ein weiterer Lichtblick der Produktion ist die junge Dramaturgin Janine Ortiz, die im Vorfeld ein 245-seitiges Buch über „Irrelohe“ herausgebracht hat: Feuer muss fressen, was Flamme gebar. Franz Schrekers Oper Irrelohe (Are Musik Verlag, Mainz). Das überaus kundige, tiefschürfende und mit einem Motivverzeichnis und vordem unveröffentlichten Fotos aufwartende Buch fußt auf einer Magisterarbeit und ist Band 1 der von Christopher Hailey und Ulrike Kienzle herausgegebenen neuen Reihe Schreker Perspektiven der Schreker Foundation.

Emphatischer Publikumsjubel eines großenteils von weither angereisten Publikums, schon in den beiden Pausen und am Ende, für die insbesondere musikalisch gelungene Produktion.

Nachdem jahrelang der Mitschnitt der konzertanten Wiener Aufführung und Peter Gülke die einzige Einspielung dieser Oper war, wird beim Label Dabringhaus & Grimm ein Mitschnitt der Bonner Produktion auf CD erscheinen. Stefan Bluniers außerordentliche Interpretation ist es wert.

Weitere Aufführungen: 13., 20. November, 2., 19. Dezember 2010, 8., 21. Januar, 5., 19. Februar 2011.

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