Lied-Programme beim Kunstfest Weimar und ein dramatischer Epilog des Schauspiel Leipzig


(nmz) -
Für Musikformate mit geringem Personalaufwand und geringen Publikumszahlen sei das Risiko größerer Menschenansammlungen förderlich, hieß in den ersten Wochen nach dem Lockdown. Trotzdem wurde die Gattung des Liedes nicht in dem Maße zum Corona-Trostpflaster, wie man zuerst dachte. Sicher kommt zwischen Beethovens schottischen, walisischen und irischen Liedern und Sandrine Piaus Anthologie französischer Mélodies mit Kammerensemble Bewegung in das Repertoire, auch durch Wiederentdeckungen wie das Schaffen des Spätromantikers Hans Sommer. Drei Möglichkeiten der Kunstlied-Präsentation beim Kunstfest Weimar und die Premiere „Winterreise / Winterreise“ von Wilhelm Müller & Franz Schubert / Elfriede Jelinek im Schauspielhaus Leipzig sind paradigmatisch für Liedkonzerte heute. Eine Betrachtung von Roland Dippel.
09.10.2020 - Von Roland H. Dippel

Es gehört zur Kunst- und Aufführungsform des Liedes, dass zwischen den Interpreten, dem lyrischen Ich bzw. den Sujets der Poeme und Publikum ein dünner, zum Reißen gespannter Faden besteht. Die Kriterien der Annäherung sind unterschiedlich. So gibt es kaum eine mehr wählerische, ja preziös argumentierende Hörerschaft als bei Kunstlied-Aufführungen. An einem Kriterium führt jedoch kein Weg vorbei. Die Interpreten sind sinnstiftende Ausdrucksträger – in keiner anderen Musikgattung machen sich Leichtfertigkeit, flächige Herangehensweisen und Unkonzentriertheit derart bemerkbar wie beim Liedgesang.

Mitreißend: Bassbariton Ulf Bästlein und der Pianist Christoph Ritter

In der erlebten Gruppe von drei Lied-Programmen und einer Schauspiel-Produktion, für die Schuberts „Winterreise“ Musik und zugleich Handlung war, boten der Bassbariton Ulf Bästlein und der Pianist Christoph Ritter die überzeugendste Gesamtleistung, obwohl sie auf szenische und dekorative Accessoires verzichteten. Auch nach zahlreichen Konzerten mit ihrem Porträt des Goethe-Enkels Walther sprudelt Ulf Bästlein vor Wissensfülle und sängerischer Freude. Er macht für den Augenblick mitreißend glauben, dass Walther von Goethes kompositorisches Schaffen das Großartigste an europäischer Liedkunst ist. Jedes Lied erhält durch Bästlein und Ritter seinen individuellen Charakter – sei es „Der Bettelbube“ oder „Der Vampir“ (beides Gedichte von Siegfried Kapper), hinter dessen Titel sich eine brisante ‚reale‘ Begebenheit verbirgt. Bästlein kann begeistern, weil er Enthusiasmus und Ratio vereint.

Pol-los: Uraufführung am DNT

„Uraufführung eines Bildes“, Folge 2: Schon unter dem Titel auf dem Programmzettel steht ‚Star-Bariton‘ vor seinem Namen. Der gebürtige Weimarer Matthias Goerne kam mit Alexander Schmalcz in den großen Saal des DNT und „besingt ein von Anselm Kiefer für Weimar geschaffenes Bild“. Letztes Jahr war das Gemälde von Georg Baselitz. Zu Beginn referiert der vom Künstler bestimmte Kiefer-Kenner Heiner Bastian über dessen öffentliche Premiere. Goerne singt danach mit von ihm gewohnter Meisterschaft, die er in der „Winterreise“ mit Christoph Eschenbach, Markus Hinterhäuser und Leif Ove Andsnes im Lauf der Jahre derart gesteigert hat, dass die Isolation des Wanderers vor allem ein Nachweis für vokale Potenz und eindrücklich sanfte Tonproduktion wird. Wer darauf gewartet hatte, dass der Kunstfest-Botschafter Goerne durch veränderte Akzente, Phrasierungen oder Diktion die unsichtbare Kommunikationsmauer zu Kiefers abstraktem Gemälde durchbrechen würde, sah sich enttäuscht. Goerne hat Kiefers Gemälde im Rücken nicht anders als bei seiner „Winterreise“-Aufführungsserie vor der Videoanimation und künstlerischen Gestaltung des südafrikanischen Künstlers William Kentridge. Aus der Unsicherheit, ob das Bild visueller Ornat zu den Liedern oder die Lieder akustisches Beiwerk zum Bild sind, entstanden weder künstlerischer Wettbewerb noch Reibungsflächen.

Fragmentierte Späße: Eine Müllerin für „Kids“

Trotz aller Entertainment-Ambitionen mit geschickt aufgebauten Wasserrinnen auf der Bühne des e-Werks konnten der Pianist und der Sänger in Ela Baumanns Inszenierung der „Müllerin“ für „Kids und Mehlsäcke“ mit witzigen Wortspielen und -hülsen nicht ganz verdrängen, dass es sich bei Schuberts erstem Liedzyklus „Die schöne Müllerin“ um eine Liebesgeschichte mit todunglücklichem Ausgang handelt. Während in den ersten Dreivierteln der knappen Stunde die meisten Lieder wenigstens angerissen wurden, wollte man der jugendlichen Hauptzielgruppe das finale Schmerzgewicht nicht zumuten und setzte den Rotstift an. Denis Ivanov spielte einen kräftigen Schubert, Jean Bermes‘ Vorzüge liegen wohl eher im Musical. Insgesamt gefiel sich das Event durch eine humorige bis clowneske Kommunikation von Flügel und Gesang – ohne Perfektionsstreben begibt man sich in die größtmögliche Entfernung zur möglichen Ausformung von Sinn und Emotionen. Auch den anwesenden Kindern fiel es gegen Ende nicht ganz leicht, sich auf die durch Späße fragmentierte Musik einzulassen.

Kalte Winterreise in Leipzig mit monochromen Krisenbeschwörungen

Im Leipziger Schauspielhaus ging das Dramen-Doppel „Winterreise / Winterreise“ zwischen Elfriede Jelinek und Wilhelm Müller/ Franz Schubert für die beiden Romantiker nicht ganz glücklich aus. Der eigens verpflichtete Experte Jürg Kienberger ließ gegen Ende Schuberts Musik fast zur Gänze aus dem Geschehen verschwinden, ohne dass diese Minimierung als Kunstgriff plausibel wurde. Dabei hatte der Abend mit den erstorben leeren Klängen des letzten Lieds „Der Leiermann“ imponierend stark begonnen. Die Versetzung vom Flügel zu einem Zymbal auf leerer Bühne hatte jene verdichtete, faszinierende Dimension, durch die szenische Einrichtungen von Liedern Sinn und Spannung erhalten. Jelineks Räsonieren über das Vergehen der Zeit, ob diese schön ist oder nicht, erhielt im weiteren Verlauf kaum das angemessen profunde Gegengewicht. Die Themen Trennung und Fremdheit, davor das Errichten einer unüberwindbaren Barriere zur Welt reihten sich zu monochromen Krisenbeschwörungen. Für den inszenierenden Intendanten Enrico Lübbe hat's im Winter Schnee und Jürg Kienberger fällt beim „Lindenbaum“ als Kontrapunkt „Hurra die Gams“ des österreichischen Volksrockers Matty Valentino ein. So geht poetische Polarisierung.

Fazit

Nur Ulf Bästlein, der sich auf einer CD und in fundierten Einführungen derzeit auch mit dem Liedschaffen von Brahms‘ einzigen Schüler Gustav Jenner beschäftigt, suchte also mit einer letztlich unspektakulären Haltung die Spannungsflächen zwischen Schöpfer, Werk und persönlicher Herausforderung. Es geht in keiner Weise um den Schutz der Lieder vor musikalischen Eingriffen, sondern um die Bereitschaft zu Detail-Recherche und den Mangel an schärfender Gestaltung. Noch immer ist also die Intensität von Christoph Marthalers „Die schöne Müllerin“ (Zürich 2002) maßstäblich. Dieser griff Schuberts Musik zwar an, aber nicht in deren Gehalt und Werksubstanz ein. Gerade deshalb fand Marthaler zu fürwahr ironischen Lösungen, etwa wenn die Kittelschürzen-Müllerinnen die Muskelpakete auf den Postern in ihrem Kleiderschrank bestaunten. Dafür musste Marthaler nicht ganze Strophen und Lieder amputieren. Im Schauspielhaus Leipzig machte sich das Ensemble bei den verbliebenen Schubert-Momenten mit offenen Sinnen und sinnvollem Können an die vom Publikum lebhaft gefeierte „Winterreise“.

  • So 06.09., 11:00 DNT / Foyer (/Weimar) – Porträt Walther von Goethe - Ulf Bästlein (Bariton), Christoph Ritter (Klavier)
  • Fr 04.09., 19:30 DNT, Großes Haus (Weimar) - Uraufführung eines Bildes – Matthias Goerne (Bariton), Alexander Schmalcz (Klavier)
  • Sa 12.09., 11:00 e-Werk (Weimar) – Müllerin. Schuberts Liederzyklus für Kids und Mehlsäcke – Konzept: Borisowitsch & Jhang – Regie: Ela Baumann, Bühne: Florian Angerer, Klavier: Denis Ivanov, Gesang: Jean Bermes
  • Fr 25.09., 19:30 Schauspielhaus (Leipzig) – Premiere: Winterreise / Winterreise von Wilhelm Müller & Franz Schubert / Elfriede Jelinek - Regie: Enrico Lübbe, Musikalische Leitung: Jürg Kienberger
  • Kunstfest Weimar, Franz Schubert, Elfriede Jelinek, Sandrine Piau, Ulf Bästlein, Christoph Ritter, Walther von Goethe, Matthias Goerne, Alexander Schmalcz, Anselm Kiefer, Georg Baselitz, Ela Baumann, Denis Ivanov, Jean Bermes, Enrico Lübbe,

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