Materielles für Immaterielles. Die Sondermarke „Orgelbau – Orgelmusik“


(nmz) -
Die Pfeifenorgel ist mit ihrer monumentalen Größe und ihrer schier unerschöpflichen klanglichen Farbigkeit unter den Musikinstrumenten einzigartig. Wolfgang Amadeus nannte sie gar den „könig aller jnstrumenten“. Ihre bekannten Wurzeln reichen zurück bis zum Jerusalemer Tempel. 2017 nahm die UNESCO den Orgelbau und die Orgelmusik in den Katalog des Immateriellen Kulturerbe der Menschheit auf. Heute gibt die Deutsche Post eine Orgel-Briefmarke heraus – ein kleines Kunstwerk, das die Orgel in die Welt tragen wird.
05.01.2023 - Von Ralf-Thomas Lindner

Die Bibel würde vielleicht sagen: „Am Anfang ist alles unübersichtlich.“ So gibt es keinen besonderen Anlass für das Erscheinen der Sondermarke „Orgelbau – Orgelmusik“ aus der Serie „Immaterielles Kulturerbe“ am heutigen 5. Januar 2023. Aus Kreisen der Deutschen Post AG war zu vernehmen, dass „jeden Anfang eines Monats neue Sonderbriefmarken erscheinen, im Jahr bis zu 52 insgesamt“. Diese werden „traditionsbedingt donnerstags“ herausgegeben. Das Sonderpostwertzeichen mit dem Nennwert „275 Cent“ eröffnet die Serie. Eine Fortsetzung der Serie, so hört man aus dem für die Herausgabe von Briefmarken mitverantwortlichen Bundesfinanzministerium, ist „abhängig von den eingehenden Vorschlägen sowie der Entscheidung des Programmbeirates. Es ist keine jährliche Fortsetzung dieser Serie geplant.“

Ein Blick auf die neue Briefmarke offenbart für Menschen, die wenig mit Orgelbau und Orgelmusik zu tun haben, eine vielleicht neue und geheimnisvolle Welt. Im besten Fall macht sie den Empfänger des Briefes, den die Marke ziert, neugierig. Immerhin: dieses Sonderpostwertzeichen erscheint in einer Auflage von über 2,4 Millionen Exemplaren. Ein Teil der Auflage dieses kleinen Kunstwerkes wird bei Sammlern in Alben verschwinden. Der weitaus größere Teil aber wird auf Briefen verklebt auf Menschen unterschiedlichster Interessen treffen. So wird sie zum millionenfachen Werbeträger für die Orgel. Vielleicht weist sie schon darauf hin, was sich im Briefumschlag befindet.

Orgelkundige dagegen werden auf der Briefmarke alles (!) das finden, was eine Orgel ausmacht und es wiedererkennen. Dabei ist jede Orgel auf der Welt einzigartig, es gibt keine zwei gleichen Orgeln auf der Welt, es gibt keine Serienproduktion von Orgeln. Ihnen allen sind aber drei notwendige Bestandteile gemeinsam: die Pfeifen, eine Anlage, die den Wind erzeugt und ihn zu den Pfeifen leitet, und einen Ort, von dem aus die ganze Orgel gesteuert wird. Diese Idee der Orgel bildet die Briefmarke ab und zeigt so gleichsam keine spezielle Orgel und doch alle Orgeln gleichzeitig.

Drei Pfeifentypen kann man erkennen: zylindrische, trichterförmige und quadratische. Sie stehen in mehreren Reihen, in denen jede Pfeife größer bzw. kleiner ist als die vorhergehende. Zwei Registerzüge sollen auf die Möglichkeit hindeuten, dass diese unterschiedlichen Pfeifenreihen einzeln an- oder ausgeschaltet werden können. Die sogenannten Fußzahlen (16‘ 8‘ 4‘ 2‘) geben die Tonhöhe des Gesamtregisters bezogen auf den Grundton an. Das Labium wird hervorgehoben – der Ort an dem der Ton, ähnlich der Blockflöte, erzeugt wird. Ein Rechteck und Kreissegment weisen auf die „Rohstoffe“ zur Pfeifenherstellung hin, dazu Werkzeuge zum Rollen der Pfeifenbecher, zum Beschneiden der Pfeifen und zum Stimmen der Pfeifen. Eine Klaviatur zeigt an, wie das Instrument gespielt wird. Ein kleines Notensystem mit der Darstellung einer Obertonreihe und einige Schwingungsverläufe erinnern daran, dass all das klingen soll. Fehlen tut bei all dem einzig der Wind – aber den einzufangen und grafisch darzustellen, ist naturgemäß schwierig!

Dieses Grundsätzliche der Orgel, das auf der Marke weitestgehend schematisch dargestellt wird, war der Grundgedanke, Orgelbau und Orgelmusik als Immaterielles Kulturerbe auszuzeichnen. Diese großartige Erfindung, von kreativen und kulturell interessierten Menschen erdacht, die über hunderte von Jahren nahezu unverändert Generationen überdauert hat, ist es wert in das ewige Gedächtnis der Menschheit aufgenommen zu werden. Dabei sprechen wir auch von keinem regionalen Randphänomen – auch solche gibt es unter den als Kulturerbe ausgezeichneten Phänomen, etwa das „Augsburger Hohe Friedensfest“, den „Grasedanz im Harz“ oder das „Wunsiedler Brunnenfest“. Allein in der Bundesrepublik Deutschland gibt es etwa 50.000 Orgeln in Kirchen, Hallen, Kinos und privaten Haushalten, die stilistisch von Werken der Renaissance bis zur Gegenwart reichen. In mehr als 300 Fachbetrieben arbeiten circa 2.800 Personen. Um die 3.500 Organisten wirken hauptberuflich an einer Orgel. Gerade durch den besonderen Aufstellungsort der Orgel in Kirchen und ihre Nutzung im Gottesdienst gibt es eine große Anzahl von nebenberuflichen Organisten. Mit etwa 35.000 nebenberuflichen Organisten darf man hier getrost rechnen.

Die Idee eine Briefmarke herauszugeben und die darauffolgende Umsetzung wird in vielen Fällen durch Vorschläge von Bürgern angestoßen, die beim Bundesfinanzministerium eingereicht werden können. So kommt es, daß Themen manchmal ohne besonderen Anlass auf Briefmarken erscheinen. Eine derartige antizyklische Präsentation eines Themas hat andererseits den Vorteil, dass dieses quasi „zur Unzeit“ mal in Erinnerung gerufen wird. Natürlich würdigt die Deutsche Post durch die Herausgabe auch bestimmte konkrete Anlässe. In diesem Jahr werden das zum Beispiel der 100. Geburtstag von Vicco von Bülow (Loriot) oder der 150. Geburtstag von Max Reger sein.

Ein Programmbeirat entscheidet über die Themen. Dann werden sechs bis acht Grafiker beauftragt, einen Entwurf vorzulegen. Es gibt einen Pool von etwa 100 Grafikern, die sich für diese Aufgabe, ein Kunstwerk auf kleinstem Raum liebevoll und detailreich zu erstellen, empfohlen haben. Diese Entwürfe prüft der Kunstbeirat und entscheidet über das endgültige Design der Marke. Dann wird die Marke erstellt und an die Postfilialen und Vertriebsstellen ausgeliefert. Die Sondermarke zum Immateriellen Kulturerbe „Orgelbau – Orgelmusik“ hat die Berliner Grafikerin Julia Warbanow entworfen. Von ihr stammt auch der dazugehörige Ersttagsstempel. Zuvor hatte sie für die Deutsche Post zum Beispiel 2013 die Briefmarke zum 200. Geburtstag von Richard Wagner entworfen, 2019 die anläßlich des 150. Geburtstags von Else Lasker-Schüler und 2022 die zum 50jährigen Jubiläum des Deutschen Kinderhilfswerkes.

Was macht man mit einem Sonderpostwertzeichen zu 275 Cent? Anlecken und aufkleben! Danach den Brief wiegen. Dabei sollte man bedenken, dass das maximal zulässige Gewicht für eine Sendung inklusive des Gewichtes der Briefmarke gerechnet wird. 275 Cent klebt man auf einen sogenannten Maxibrief, der eine Länge von bis 35,3 cm, eine Breite von bis 25 cm und eine Höhe von bis 5 cm haben darf. Das maximale Gewicht der Sendung (mit Briefmarke!) darf 1.000 g betragen – dieses Gewicht entspricht etwa 190 ungefalteten DIN A 4 Seiten. Natürlich kann man auch Prospekte und Bücher verschicken. Am besten gibt man in den Briefumschlag selbstverständlich einige Hefte mit Orgelnoten, denn die Orgelmusik kommt – und das soll ausdrücklich keine Kritik sein – auf der Briefmarke letztlich doch ein wenig zu kurz.


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