Mehr von diesem Sternenlicht – Pierre-Laurent Aimard als Dramaturg einer Ligeti-Nacht beim „Klavier-Festival Ruhr“


(nmz) -
György Ligeti, soviel ist sicher, ist ein Glücksfall. Für Klavierspieler, Klavier­musikfreunde und schon gar für ein „Klavier-Festival Ruhr“, das auch in seiner neuesten Ausgabe einmal mehr am großen Schwungrad dreht. Nur, dass sich das wirklich zählende Repertoire einfach nicht vermehren lassen will, worüber die Festival-Ausflüge in den Jazz, in die Alte Musik letztlich eher unfreiwillig Mitteilung gemacht haben. Dabei hatte man eine (ziemlich geniale) Lösung bereits im Portefeuille.
11.06.2014 - Von Georg Beck

Vorderhand jedoch noch mehr in der Vermittlungs-Ecke als im Hauptprogramm. Was an der Strahlkraft dieses Sterns nichts änderte, der hier so schön wenigstens für eine Nacht über dem Festival-Himmel aufgehen durfte und von dem man die berechtigte Erwartung hegen könnte, dass er auch in absehbarer Zukunft der Festival-Stadt an der Ruhr wie dem ganzen Festival-Erdkreis klaviermusikmäßig (heim)leuchten könnte. Wobei „Aufgehen“ in diesem Zusammenhang insofern nicht ganz zutreffend ist als besagtes Gestirn doch schon immer recht hoch am Kunst-Firmament stand. Nur eben vielleicht nicht so sichtbar wie jetzt. Was wiederum auf einen dem Festival treu verbundenen Sternenkundigen führt, dem solches Sichtbarmachen überhaupt zu verdanken ist, insofern dieser seine Hände in des Wortes ursprünglicher Bedeutung schon im Spiel gehabt hatte als der (vergleichsweise junge) Körper am Himmel der Klaviermusik gerade dabei war, seine Korona auszubilden.

Doppelter Glücksfall

Kurz, spricht man vom Glücksfall Ligeti, muss man im gleichen Atemzug sprechen vom Glücksfall Pierre-Laurent Aimard, dessen virtuoses Klavierspiel den ungarischen Komponisten ab Mitte der 80er Jahre zu einigen seiner komplexesten Klavierstücke angeregt hatte. Und der im Supertanker „Klavier-Festival Ruhr“ einen ebenso verlässlichen wie dankbaren Bündnispartner gefunden hat, um sein in gut und gern dreißig Jahren akkumuliertes Interpretenwissen in Sachen Ligeti in die Welt hinaus zu tragen. Sprich: So lang dieser Abend und diese Nacht rund um Ligeti währten, es soll noch weiter gehen damit! „Voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte“ soll eine „kostenfreie, mehrsprachige Website“ freigeschaltet werden, worin dann auch die medial umfangreich dokumentierte Veranstaltung im Konzertsaal der Essener Folkwang Musikhochschule eingegangen sein wird.

Was auf die durchweg erfreulichen, in jedem seiner Bestandteile aimardgestützten  musikalischen Resultate der großen „Ligeti-Nacht“ führt. Hochamüsant ganz am Ende der Nachweis, dass Ligeti auch zur Improvisation taugt, wenn nämlich das Duo aus Aimard und dem Perkussionisten Daniel Campolini ein ganz teuflisches Netzwerk über Material aus „L’escalier du diable“ ausfalteten. Davor diese zwischen Ironie und Kunsternst schwankende Performance des aufmüpfigen „Horn-Trios“: Marie-Luise Neunecker an der Seite des alten Fahrensmannes Saschko Gawriloff (einst Uraufführungssolist des Violinkonzerts) und – Pierre-Laurent Aimard. Weiter auf der Habenseite eine überraschend substanzvolle Podiumsrunde mit sage und schreibe sieben Ligeti-Weggefährten. (Fast schon ein wenig zu viel, um sinnvoll in die Tiefe gehen zu können.) Schließlich, ganz zu Anfang ein souverän, ein charmant moderierter Aimard-Auftakt rund um Ligetis „Musica ricercata“ und dessen „Etudes pour piano“.

Text und Subtext

Dass die Fackel schon weitergetragen wird, demonstrierten auf hohem Niveau bei noch schwankender Grundhaltung jugendliche Teilnehmer eines vorausgegangenen, um Ligetis Klaviermusik kreisenden Meisterkuses. Was die jungen Ligeti-Freunde faszinierte, war freilich nichts wesentlich anderes als das, was der versammelte Sachverstand von Ligeti-Lecture bis Ligeti-Podium zu Tage gefördert hatte: Einerseits sicher doch die Klarheit der Struktur dieser taktilen Musik, die in jedem Moment erkennen lässt, welcher Logik sie folgt. Auf der anderen Seite immer wieder die frappierende Einsicht, dass sie sich nicht bis zu den Wurzeln bloß legen lässt, dass sie ihr Geheimnis wahrt. Mag sein, dass „sich alles erst bei uns im Kopf zusammensetzt“ wie es der Mathematiker Heinz-Otto Peitgen mit Bezug auf „Continuum“ ausführte. Und mag auch sein, so der eigens aus Paris nach Essen gekommene, wunderbare Musikethnologe Simha Arom, dass Ligeti entscheidend gelernt hat vom System der afrikanischen Polyrhythmik: jeder einzelne kennt seinen Part, aber niemals das Ganze.

Im Ganzen ein Ligeti-Marathon, kurzweilig und sinnstiftend, mit einem Pierre-Laurent Aimard, der die drei Säulen der „Klavier-Festival Ruhr“-Vermittlungs-Philosophie „Performing, Discovering, Education“ genial locker aus dem Ärmel schüttelte. Ganz klar: Die Seele und der Motor für ein Unternehmen mit starkem Zukunftspotential, wobei die angekündigte Ligeti-Website wiederum nur Teil von einem Teil ist, hatte es der leitende Dramaturg doch vor allem auf einen Subtext abgesehen: Die Nacht als Initialzündung! Ein artistisches Stück Klaviermusik auf dem Weg ins Repertoire begleiten. –Wenn jetzt nicht, dachte man sich, wann dann und mit wem?

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