Menotti: „The Medium“ & Maderna: „Satyricon“ in Frankfurts Bockenheimer Depot


(nmz) -
Am Samstag, 15.06.2019 hatte im Bockenheimer Depot, einem ehemaligen Betriebshof und die ehemalige Hauptwerkstatt der Straßenbahn Frankfurt am Main, es ist die zweite Spiel­stätte der Oper Frankfurt, wieder einmal Ungewöhnliches gewagt. Zwei nicht eben oft zu sehende Stücke wurden hintereinander aufgeführt: Gian Carlo Menottis 1946 uraufgeführte Tragödie in zwei Akten „The Medium“ und Bruno Madernas Oper in einem Akt „Satyricon“ aus dem Jahre 1973. Dieter David Scholz mit Einzelheiten.
05.07.2019 - Von Dieter David Scholz

In Gian Carlo Menottis dritter Oper, geht es um eine Wahrsagerin namens Flora, sie wird auch Baba genannt, um eine Geisterbeschwörerin, ein Medium, das gegen Bezahlung Séancen veranstaltet, um Kontakt mit Toten wiederherzustellen. Sie ist eine Betrügerin, die am Ende selbst betrogen und von (ihrem Ziehsohn inszenierten oder echten?) Geistererscheinungen heimgesucht wird. In ihrer Verzweiflung erschießt sie ihren stummen Ziehsohn Toby. „Satyricon“ dagegen, Bruno Madernas letztes Musiktheaterwerk, ist – frei nach dem gleich­namigen antiken Roman des Petronius – ein grellbunter Bilderbogen altrömischer Dekadenz, eine Endzeitorgie, die sich um die Figur des ehemaligen Lustsklaven Trimalchos dreht, der als Emporkömmling zu sagenhaftem Reichtum gekommen ist.

Bruno Madernas „Satyricon“ aus dem Jahre 1973 und Gian Carlo Menottis 1946 uraufgeführ­te Oper „The Medium“ und sind grundverschiedene Stücke. Ein Nachkriegsstück und eine Endzeitparabel, eine kunterbunte Collage heterogener musikalischer Bausteine des Nichtmehr und Nochnicht und eine bekenntnishaft zwischen Spätromantik und Kinomusik schillernde Musik stehen sich gegenüber. Das Bonmot, an das Maderna-Dirigent Simone Di Felice, junger Kapellmeister der Oper Frankfurt, erinnert, bringt es auf den Punkt: „Der Menotti wurde so ein bisschen frech als Puccini der Armen genannt, und er hat es angenommen und gesagt, lieber das, als Boulez der Reichen.“

A apropos Boulez: Dirigent Nikolai Petersen, auch er Kapellmeister an der Oper Frankfurt, charakterisiert Menottis Musik folgenermaßen: „Ich seh‘ das Stück ästhetisch irgendwo zwischen Verismo und frühem Hitchcockfilm. Ich hab‘ Mal gesagt, innerhalb von drei Jahren in der Zeit, als das Stück geschrieben wurde, das war 1946, sind unter anderem die Vier letzten Lieder von Strauss geschrieben worden und die zweite Klaviersonate von Boulez.“

Der Komponist und Dirigent Pierre Boulez gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg unzweifel­haft zur musikalischen Avantgarde, die wesentlich von den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik ausgingen, bei denen auch Bruno Maderna ein- und ausging. Er hat sich aller­dings nie einer strengen Schule verschrieben. Wohingegen Madernas Stück… „ eigentlich in der Zeit schon veraltet ist, vor allem von der Avantgarde, dieser Darmstädter Ferienkurse, bei denen Maderna einer der wichtigsten Teilnehmer war. Oder ist es sogar eine Parodie der Form Oper?“ Es ist eine!

„Satyricon“ ist dagegen ein Kaleidoskop an Uneinheitlichkeit, an Anleihen und Verweisen. Simone Di Felice: „Was sehr auffällig ist, ist diese große Anzahl an Zitaten, an Parodien, Karikaturen. Und natürlich gibt es auch diese aleatorischen Teile, bei denen Maderna kleine Fragmente von ein, zwei, maximal drei Takten anbietet und jeder Musiker kann auswählen und spielen, manchmal gibt es auch Tempoangaben oder Hinweise auf Intention und Stimmung, aber manchmal ist alles frei, auch die Dynamik.“

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester macht seine Sache sehr gut. Es spielt die Stücke Madernas wie Menottis nicht nur klangschön, sondern auch technisch und stilistisch akkurat, präzise, ja zupackend. Auch sängerisch sind sowohl Menottis „The Medium“ wie Madernas „Satyricon“ sehr überzeugend besetzt in der Frankfurter Aufführung. Wobei Meredith Arwady als Madame Flora das Ensemble überragte.

Was die Regie angeht, ist der sehr begabte Regieassistent Hans Walter Richter, der in Frank­furt schon Einiges inszenierte, für Menottis Oper zuständig: „Ich glaube, dass Nelly Danker, die das Satyricon inszeniert, und ich, dass wir beide einen ganz eigenen Weg einschlagen, was ich aber auch gut finde, weil die Stücke im Grunde nicht, viel miteinander zu tun haben. Es geht zwar um den Tod, um die Frage, was ist nach dem Tod, in beiden Stücken, aber das wird in beiden Stücken unterschiedlich beleuchtet. Wir wollten aber eigentlich eher – ich sag mal – auf Konfrontation setzen zwischen beiden Stücken.“

In Satyricon wird eine Wohlstands-, Überfluss- und Spaßgesellschaft, die aus Angst vor der Sterblichkeit in Luxus flüchtet, in Menottis Werk werden durch einen Krieg entwurzelte Men­schen mit ihrem Bedürfnis nach Glauben und metaphysischer Geborgenheit dargestellt. Das Stück ist gewissermaßen zeitlos. Aber Hans Walter Richter betont: „Wir haben es da belassen, wo es Menotti verortet hat, nämlich kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, denn ich denke, alle Figuren, die wir auf der Bühne treffen, sind traumatisierte Menschen, die ein Bedürfnis danach haben, mit Toten Kontakt aufzunehmen oder eine Art Metaphysik aufzuspüren.“

Die Regisseurin Nelly Danker, Schülerin von Hans Neuenfels, zeigt „Satyricon“ als grell­buntes Unterhaltungsstück, als Neureichenparty zwischen historisierenden Symbolen, Kitsch und Trash. Ein Förderband schafft unentwegt heutige Luxusartikel und Statussymbole heran. Kostümlich hat Cornelia Schmidt die Aufführung als ein Mix aus Antike und Heute angelegt. Regielich ist sie „ein bisschen überdreht, nicht ganz realistisch, ganz anders als das andere Stück, es gibt starke Bezüge zum Heute und wie zur Antike. Und Kaspar Glaner hat dann auch ganz verschieden Räume für uns entworfen.“ (Nelly Danker)

Eine schwarze Guckkastenbühne als naturalistisch korrekten, dunklen, klaustrophobisch an­mutenden Salon für Menotti, eine breite, bespielbare Treppe in offenem Raum für Madernas Stück. – Die autistische Isoliertheit, die Einsamkeit der Figuren, ihre Kommunikationsunfä­higkeit, das Problem mit dem Tod und der Frage nach Diesseits und Jenseits verbindet die Stücke Menottis und Madernas trotz ihrer konträren musikalischen Machart. Ein überzeu­gender Spagat und ein durch seine Aktualität bewegender Abend der Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot.

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