Michael Hazanavicius’ „The Artist“ mit der live gespielten Originalmusik im Konzerthaus Berlin


(nmz) -
Obgleich noch tausende von Stummfilmen der Wiederentdeckung und der Wiederaufführung mit vollem Orchester harren, so dass der Europäischen Filmphilharmonie auch in den nächsten Jahrzehnten der Stoff nicht ausgehen dürfte, erfolgt die Bereicherung für dieses spezifische Genre obendrein auch noch aus der historischen Gegenrichtung.
29.01.2018 - Von Peter P. Pachl

Bei den 64. Internationalen Filmfestspielen von Cannes wurde im Mai 2011 „The Artist“ uraufgeführt und gewann mehr als 30 internationale Filmpreise. Der Preisverleih von fünf „Oscars“, drei „golden Globes“, sieben BAFTA Awards und sechs „Césars“ erfolgte für einen Stoff, der im glamourösen Hollywood, Ende der Zwanzigerjahre spielt und die Geschichte zweier Schicksale am Wendepunkt vom Stumm- zum Tonfilm erzählt: dem fiktiven Superstar der Stummfilm-Ära George Valentin (zwischen Douglas Fairbanks und Gene Kelly: Jean Duyardin) ergeht es, wie nachweislich vielen Stummfilmstars, denn die Einführung des Tonfilms verlangte nach neuen Gesichtern und vor allem Stimmen. Valentin steht vor dem Aus, während die kesse Statistin Peppi Müller (Bérénice Bejo) einen Aufstieg zum umjubelten Tonfilmstar erlebt. Sie bemüht sich, den in Armut und Alkohol versackenden Kollegen wider Willen aufzufangen und schafft es, ihn vor dem Suizid zu retten. Und im letzten Moment gibt es ein Happy end: sie erpresst den Produzenten, George Valentin ihn wieder einzusetzen, und die Liebenden reüssieren zu einem steppenden Filmpaar. Das hat der französische Regisseur Michael Hazanavicius mit den Mitteln des Stummfilms, unter Verzicht auf Farbe, Breitwand und Dialoge, inszeniert.

Ludovic Bource hat dazu eine Musik geschaffen, die beinahe die volle Länge der 100 Spiel-Minuten dieses Films ausfüllt. Der Komponist knüpft an die Traditionen der Stummfilmzeit an und lässt verschiedene berühmte Filmmotive anklingen. Hitchcocks „Vertigo“ fehlt ebenso wenig wie Strauss’ „Rosenkavalier“. An einigen Stellen kommen dann aber doch auch ein Stimmengewirr, Lachen oder ganz konkrete Geräusche zum Einsatz.

Stärker noch als in der Darbietung im Kino ist die verblüffende Wirkung des Aufeinanderprallens der diversen Ebenen von Sprachlosigkeit, Musik als Untermalung, Geräusch und Musik als Show-Nummer beim Film im Film. Das beginnt gleich mit der vor und hinter der Leinwand spielenden Premiere eines Stummfilms, wobei der Zuschauer im Konzerthaus nun nicht nur das schwach beleuchtete Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter dem Dirigenten Frank Strobel im weißen Hemd, sondern auch einen klassisch gewandeten Dirigenten mit großem Sinfonieorchester auf der Filmleinwand erlebt. Denn es war üblich, zumindest in großen Filmpalästen, die Stummfilm-Darbietungen mit groß besetztem Orchester zu begleiten.

Die Partitur des 1970 in Pontivy geborenen französischen Komponisten und Arrangeurs Ludovic Bource lebt von Klang, Rhythmus und Tempo, orientiert sich an historischer Stummfilm-Musik inklusive deren Mikrofonpositionierung bei Aufzeichnungen. Bource greift zurück auf Brahms, Bernhard Herrmann, Hugo Friedhofer, Max Steiner, Franz Waxmann und Charlie Chaplin.

Das effektvolle Klanggemälde, vom erstklassig disponierten RSB und dem Komponisten selbst an Klavier und Flügel begleitet, potenziert Frank Strobel zu einem nachhaltig hochwertigen Erlebnis.

Die Steigerung des Live-Film-Konzerts im beinahe ausverkauften Konzerthaus erfolgte am Ende des Films und obendrein in Form von Zugaben danach: der Jazz-Sound des Films im Film, zunächst aus dem Off, dann vom RSB live dargeboten, abwechselnd von satten Bläsern und dem Streichkörper, blieben im Ohr der Zuhörer. Sie wurden als Zugabe erneut dargeboten. Den Ovationen des Publikums im ausverkauften Konzerthaus gehorchend, übergab Strobel dem Komponisten dann selbst die musikalische Leitung, so dass unter Ludovic Bource als zweite Zugabe erneut die Nachspann-Musik des Films erklang. Vom Komponisten exzentrisch dirigiert, spielte das Orchester auf seinen Wink im Stehen, und Bource verließ das Dirigentenpult um den Abschlag dann per Sprung in die Höhe zu geben.

Nach der Standing Ovation des Orchesters tat das enthusiasmierte Publikum ein Gleiches.