Hauptbild
Seymur Karimov als Graf und Eva Zalenga als Susanna in der Regensburger „Figaro“-Produktion. Foto: Jochen Quast
Seymur Karimov als Graf und Eva Zalenga als Susanna in der Regensburger „Figaro“-Produktion. Foto: Jochen Quast
Hauptrubrik
Banner Full-Size

Mozart-Glück zum Saisonstart: Arila Siegert inszeniert in Regensburg „Le nozze di Figaro“

Publikationsdatum
Body

Statt wie ursprünglich geplant mit Puccinis groß besetzter „Turandot“ startete das Theater Regensburg mit Mozarts „Le nozze di Figaro“ in die neue Spielzeit. Die Verbindung von Arila Siegerts choreographischer Inzenierung mit einem brillanten Ensemble erwies sich dabei als perfekte Kombination.

Stumm sitzen Graf und Gräfin als entfremdetes Ehepaar in der ersten Szene an den beiden äußeren Enden der Bühne, während Figaro und Susanna über die Lage ihres künftigen gemeinsamen Schlafzimmers im Haus debattieren. Bei den gesungenen Glockenzeichen („din-din“ – „ don-don“) erwachen sie zum Leben und gehen nach hinten ab, wobei der Graf ungerührt durchs ungemachte Bett stapft.

Regisseurin und Choreographin Arila Siegert gelingt es, in ihrer Regensburger „Figaro“-Inszenierung mit wenigen Bewegungselementen Arien und Ensembles in szenischem Fluss zu halten und gleichzeitig weitere Interpretationsebenen anzudeuten. Zu seiner Kriegserklärung an den Grafen („Se vuol ballare“) führt Figaro zusammen mit Chormitgliedern eine kleine revolutionäre Tanzchoreographie auf, im turbulenten Finale des zweiten Aktes wird ein überdimensionierter Brautschleier zum dominierenden, die Akteure in immer neuen Konstellationen verbindenden oder umschlingenden Requisit.

All das atmet in dem zeitlosen Bühnenbild – Hans Dieter Schaals elegantes Gebäude wird mehr und mehr entkernt – eine poetisch-melancholische Heiterkeit, die gesellschaftliche Hintergründe und zwischenmenschliche Abgründe nur anzudeuten braucht, um die Tiefendimensionen dieses Wunderwerks spürbar zu machen.

Ein herrliches Ensemble macht das Mozart-Glück perfekt, wobei vier neu am Haus Engagierte einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen: Frederic Mörth ist ein jugendlich-viriler, geschmeidig phrasierender Figaro, Eva Zalenga eine leichtfüßig-selbstbewusste Susanna mit traumhaften Piani in der Rosen-Arie. Von Anna Werles flotter Anwaltsgehilfin Marcellina hätte man gerne die Arie im vierten Akt gehört, Young Kwon singt mit Bartolos Rache-Ankündigung seine Mitverschwörer mühelos vom Marmorhocker.

Seymur Karimov hat den fälligen Schritt vom Figaro zum Grafen gemacht und lieferte die sängerisch reifste, differenzierteste Leistung des Abends ab, Theodora Varga zügelte ihre für die Gräfin eigentlich zu große Stimme immer wieder klug. Vera Semieniuks burschikoser Cherubino durfte einen köstlichen Zeitlupen-Balkonsprung absolvieren, Barbarinas Nadelsuche war dank Albertina Del Bo herzzerreißend. Brent Damkier (Basilio), Christian Schossig (Don Curzio) und Roman-Ruslan Soltys (Antonio) fügten sich nahtlos in das spürbar mit Freude und Herzblut agierende Kollektiv ein.

Generalmusikdirektor Chin-Chao Lin animierte das gut aufgelegte Philharmonische Orchester jenseits modischer Tempoexzesse zu einer tiefengeschärften Lesart, musste die quirligen Sänger in manchen Momenten allerdings auch entsprechend bremsen. Der klein besetzte Chor (Einstudierung Alistair Lilley) machte auch als Tanztruppe eine gute Figur, Arturo Del Bo war am Hammerflügel ein hellwacher Continuo-Chef.

So startete das Theater Regensburg vor vollem, maskierten Haus mit einer zu Recht umjubelten Premiere in seine Interims-Spielzeit, in der Klaus Kusenberg das Haus leitet, bevor Sebastian Ritschel im Herbst 2022 das Ruder übernimmt.

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!