„Musik muss ein Zeugnis seines Schöpfers ablegen“ – Wilhelm Killmayer im Gespräch mit Burkhard Schäfer


(nmz) -
Wilhelm Killmayer darf man getrost als Urgestein der deutschen Musiklandschaft bezeichnen. Der Komponist aus München hätte gegen eine solche Bezeichnung wohl selbst nichts einzuwenden, zumal die Landschaft in seinem alle Gattungen umfassenden Œuvre eine zentrale Rolle spielt. Dem etablierten Musikbetrieb ist der große Einzelgänger stets aus dem Weg gegangen, „angesagten“ Modeströmungen hat er sich konsequent und souverän verweigert. In Zeiten, als das Komponieren mit Clustern, Mikrointervallen und Geräuschen en vogue war, hat er unbeirrt tonal geschrieben – und dabei trotzdem einen ureigenen, ästhetisch hoch komplexen Beitrag zur neuen Musik geleistet, der sich auch in zahlreichen Klavierwerken niedergeschlagen hat. Am Rande des Stuttgarter ECLAT-Festivals 2010 sprach piano news mit dem in Würde gealterten Künstler, der beim Interview aus seiner Skepsis gegenüber der von ihm so genannten „typischen Festivalmusik“ keinen Hehl machte.
21.08.2017 - Von Burkhard Schäfer

Mit freundlicher Genehmigung zum Wiederabdruck aus „PIANONews - Magazin für Klavier und Flügel“ 4-2010 http://www.pianonews.de/index.php/ausgaben/2010/102-pianonews-04-2010-178

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Vieles von dem, was unter der Bezeichnung „Neue Musik“ gehandelt wird, so unoriginell ist?

Es liegt auch daran, dass die Neue Musik über Systeme verfügt, und Systeme sind immer ganz leicht mitzumachen. Genau das ist auch ein Verhängnis der Politik.

Haben Sie sich diesen Systemen verweigert?

Ich bin kein Systemmensch. Infolgedessen habe ich auch nie Schwierigkeiten gehabt, mich dem zu verweigern…

… weil Sie im Rahmen der Tonalität geblieben sind?

Nein, es geht nicht um Tonalität oder Atonalität. Es geht um das Formganze und darum, dass eine Komposition in sich stimmig ist. Komponieren ist auch Frage des Intellekts, ich überlege sehr genau, wie ich beim Schreiben vorgehe, das kann manchmal schon eine Weile dauern.

Erleben Sie den Kompositionsprozess im Alter anders?

Jedes neue Werk ist für mich schon allein deshalb ein Abenteuer, weil ich beim Komponieren nicht auf ein fertiges Kompositionsmuster zurückgreifen möchte. Ich lasse mich inspirieren von Literatur und Natur und vielen anderen Dingen. Das Musiktheoretische überlasse ich dabei gern anderen Komponisten, die das wollen und brauchen. Möglicherweise liegt auch meiner Musik eine Theorie zugrunde, aber wenn das wirklich so ist, dann weiß ich nichts davon. Ich frage mich: warum wollen die Leute immer eine Theorie haben? Wenn diese Leute wissen, aha, das Werk wurde so und so gemacht, dann sind sie glücklich. Aber dass Musik vor allem etwas Geheimnisvolles ist, etwas, das man nicht mit Theorien erklären kann, vergessen sie dabei.

Negation des Mainstream

Verstehen Sie Ihre Musik in diesem Sinne auch als bewusste Negation des Mainstreams und des etablierten Musikbetriebs gegenüber?

Möglicherweise haben Sie recht, vielleicht verweigere ich mich wirklich in meiner Musik, ich weiß es nicht genau. Ich bin auch von meiner Umwelt beeinflusst, ich kann ja auch nicht unter einer Tarnkappe leben. Es freut mich, dass Kollegen wie Helmut Lachenmann, Wolfgang Rihm oder Aribert Reimann meine Musik sehr schätzen. Und obwohl Lachenmanns Musik völlig anders klingt als meine, sind wir uns sogar sehr ähnlich in der Kompositionsweise, zum Beispiel bei der sparsamen Setzung. Die Urteile dieser Menschen und die Briefe, die ich von ihnen erhalten habe, sind mir unendlich viel mehr wert als alles, was die Medien so schreiben.

Sie haben viele Werke für das Klavier geschrieben, haben Sie eine Vorliebe für dieses Instrument?

Ich habe keine spezielle Vorliebe für das Klavier, ich habe auch für viele andere Instrumente Musik geschrieben, vornehmlich für Gesang. Weil ich selbst Klavier spiele, kenne ich das Instrument sehr gut. Das sagt aber nichts über meine Musik aus.

Worauf muss ein Interpret bei der Interpretation Ihrer Klavierwerke besonders achten?

Das kann ich Ihnen genau sagen. Es gibt Interpreten für Neue Musik. Und jeder, der mir sagt, wir haben hier einen Mann, der spielt  ganz hervorragend neue Musik, genau den fürchte ich, denn er kann mit Sicherheit nicht mehr als bloß die Tasten drücken. Und solche Interpreten machen alles, nur keine Musik.

Warum ist das in Ihren Augen bzw. Ohren keine Musik?

Das ist eine Schule, die sagt: ein Ton erklingt - und dann ist er weg. Das ist bei mir nicht der Fall. Da zieht ein Ton den anderen vielmehr herbei. Es kommt auf den Zusammenhang der Töne an. Es gibt ganz wenige Pianisten die das können, zum Beispiel Alfred Brendel. Wenn Brendel einen Ton spielt, merken Sie an der Art und Weise des Anschlags, was noch kommt. Das ist nicht nur Pianotaste drücken – fertig – andere Taste drücken – fertig. Diese Einstellung eines Pianisten unterstützt meine Musik nicht.

Einige Kritiker behaupten, Ihr Stil mache viele Anleihen, unter anderem bei Epochen wie etwa der Romantik…

Ach nein, Romantik ist falsch. Das stimmt schon allein deshalb nicht, weil ich nicht die Chromatik der Romantik verwende. Meine Musik ist doch fast durchgehend diatonisch. Romantik ist ja Klangfarbenmusik. Damit habe ich nichts im Sinn.

Einer Ihrer Klavierzyklen trägt den Titel „An John Field“. Was verbindet Sie mit diesem etwas abseits vom Kanon liegenden Komponisten?

Eine gewisse Schlichtheit und Liebenswürdigkeit der Musik. Chopin ist natürlich reicher und interessanter. Aber John Field ist ein liebenswürdiger Komponist. Das heißt nicht, dass ich das unbedingt auch bin und sein möchte, aber die genannten Eigenschaften faszinieren mich.

Ihre Musik scheint häufig von einer kreisenden Suchbewegung geleitet zu sein…

Diese habe ich aber im Blick auf ein Ziel. Bei vielen anderen modernen Kompositionen bleibt es häufig bei der reinen Suchbewegung - und dann ist es aus. Das Kreisen hat bei mir schon von den ersten Noten an ein Ziel. Und darauf arbeite ich hin. Es gibt Musik, die unentwegt sucht, gerade neue Musik. Sie können da irgendwo aufhören und dann wieder anfangen, aber wenn es kein Ziel hat, ist es für mich nicht das Richtige.

Ziel der Komposition

Was ist denn Ihrer Meinung nach das Ziel einer Komposition?

Mein Ziel ist, dass die Komposition einen Anfang und ein Ende hat. Und dazwischen passiert etwas. Ich habe eine Vorstellung von musikalischer Ganzheit. Ich fange nicht ein Musikstück an, um es dann irgendwie laufen zu lassen. Es ist mir wichtig, dass ich einen Ton finde für das, was ich bin, und der ändert sich auch mit der Art und Weise, wie man sich als Person ändert. Mir bleibt im Grunde gar nichts anderes übrig, als immer wieder neu meinen persönlichen Ton zu finden.

Das heißt, Sie betrachten Töne nicht primär als „Material“?

Jede Tonart hat für mich einen bestimmten Charakter, natürlich nicht in einem engen Sinn, aber eben einen Charakter. Oder bedeutet Ihnen A-Dur etwa nichts?

Doch, ich liebe vor allem das A-Dur bei Mozart…

Ich auch… Es gibt Tonarten, mit denen komme ich nicht so klar. Jede Tonart hat einen Charakter, deshalb transponiere ich auch  nicht gern. Jeder Ton ist etwas ganz Besonderes, etwas künstlich Hervorgebrachtes und eine Schöpfung für sich.

Wie wichtig sind Ihnen Erinnerungen beim Kompositionsprozess?

Sehr wichtig, oh ja. Wir leben aus der Erinnerung. Erinnerungen beziehen sich aber nicht auf die Vergangenheit, sondern sie ermöglichen Neues.

Werden Erinnerungen im Alter wichtiger?

Sie werden auf jeden Fall nicht unwichtiger, so viel ist sicher.

Und kann Musik Erinnerung aufbewahren, speichern?

Ja, natürlich, sie bewahrt Erlebnisse auf.

Sinnlichkeit & System

Welche Rolle spielen für Sie sinnliche Erfahrungen? Gerüche, Landschaften?

Natur und Landschaften spielen in meiner Musik eine ganz große Rolle, das ist doch hoffentlich ganz unüberhörbar.

Gibt es Ihrer Meinung nach einen Fortschritt in der Musik?

Es gibt überall Fortschritt, nicht nur in der Musik.

Muss sich ein Komponist diesem Fortschritt anpassen?

Der Mensch muss gar nichts außer sterben. Auch der Komponist muss gar nichts. Es ist deshalb ein so schöner Beruf, weil man nichts muss. Viele Menschen legen sich gerne Fesseln an. Musik aber muss gar nichts, nur sie selbst sein und Zeugnis ablegen von dem, der sie macht.

Ihre Musik ist demnach ein Bekenntniswerk?

Nein, ein Bekenntniswerk ist sie nicht. Ich bekenne nichts. Meine Musik ist eher ein Porträt von mir, würde ich sagen. Ich bin so, wie meine Musik, und meine Musik ist so, wie ich bin.

Wo sehen Sie interessante und zukunftsweisende Ansätze in der klassischen Musik?

Ansätze gibt es immer, zu allen Zeiten. Man soll sich nicht um die Ansätze kümmern, sondern um die Selbsterforschung. Mit der Musik verhält es sich wie mit der Handschrift: sie zeigt ein Persönlichkeitsbild.

Was inspiriert Sie am meisten?

Für mich spielt Literatur eine fast genau so große Rolle wie die Musik. Ich lerne viel von der Dichtung, vor allen Dingen formal und in Bezug auf neue Ideen. Das muss nicht immer Lyrik sein, obwohl ich Gedichte sehr liebe.

Wie stehen Sie zu Jazz und Pop?

Dazu habe ich kein Verhältnis. Ich finde aber gut, dass es das gibt, es ist interessiert mich aber im Grunde nicht.

Hatten Sie schon als Kind den Wunsch, Musik zu machen?

Ich habe schon als Dreijähriger Dirigent werden wollen.

Sind Sie schon angefeindet worden, weil Sie in Ihren Werken der Tonalität verpflichtet bleiben?

Sehr häufig und sogar sehr lange Zeit. Ich schreibe halt so wie ich schreibe. Solche Anfeindungen können mich nicht beeinflussen. Es gibt halt sehr viele Dumme. Die Dummheit ist die stärkste Kraft im Menschen.

Wenn Sie noch mal jung wären, würden Sie alles wieder genauso machen?

Das könnte ich nicht… wenn ich wieder auf die Welt komme, kann ich nicht schon jetzt sagen, was ich dann tun würde, denn dann bin ich ein anderer Mensch. Aber ich würde gerne diesen Beruf noch mal haben wollen.

Glauben Sie, dass wir wiederkommen?

„Die Lehre von der Wiederkehr ist zweifelhaften Sinns. Es fragt sich sehr, ob man nachher noch sagen kann: Ich bin’s.“ Das ist von Wilhelm Busch. So ist es doch. Es kann sein, dass wir wiederkommen. Was tot ist, ist nicht tot. Es ist nur eine Verwandlung.

Sterben

Haben Sie Angst vor dem Sterben?

Ich würde nicht gerne sterben, das weiß ich. Aber ich muss mich damit befassen, weil ich schon so alt bin. Ich tue es ungern, aber manchmal tut man es eben, nicht wahr?

Welche Wünsche und Pläne haben Sie noch?

Ich wünsche mir, dass ich, solange ich lebe, noch arbeiten kann. Denn wenn ich nicht mehr arbeiten kann, ist es aus. Arbeit ist ein Geschenk des Himmels. Die Kinder wissen das noch gar nicht. In der  Schule wird sie das Gegenteil gelehrt.

Welche Musikgattung liegt Ihnen besonders am Herzen?

Lied und Vokalmusik sind für mich etwas sehr Zentrales.

Da berühren Sie sich ja dann tatsächlich mit Aribert Reimann…

Ja, Aribert ist ein ganz großer Vokalkomponist. Wir kennen und mögen uns auch gegenseitig.

Sie haben zwei Zyklen mit Liedern von Hölderlin aus seiner Tübinger Zeit komponiert. Wie sind Sie auf dieses scheinbar einfache und doch so rätselhafte Spätwerk gekommen?

Ja nun, ich habe halt viel gelesen und da haben mich die Sachen sofort angesprungen. Nicht sofort zum Komponieren, sondern allmählich bin ich in seine Welt eingedrungen und ich habe gemerkt, dass es da Ähnlichkeiten zu meiner eigenen Welt gibt.

Die Schlichtheit in den Sätzen, die den Wahnsinn gleichsam hinter sich zurück gelassen haben, das ist es, was vielleicht so besonders ergreifend ist beim späten Hölderlin…

Richtig, da haben Sie richtig gehört. Die späten Gedichte haben nichts Aufgedonnertes, nichts Ehrgeiziges, sie wollen nicht anders sein, als sie sind. Hölderlin hat sich zu seiner Krankheit bekannt und hat nichts anderes sein wollen.

Er hat sich vielleicht auch in die Krankheit zurückgezogen, dort wurde er nämlich in Ruhe gelassen, in seinem Turm in Tübingen.

Hölderlins Krankheit ist eine schwierige und lange Geschichte, denn gespielt hat er sie ganz bestimmt nicht. Er hat halt geschaut, sein Leben durchzudrücken. Das macht ihn eben so wahnsinnig.

Reizt Sie das Thema Wahnsinn?

Wahnsinn ist ja das, was wir heute oft als Realität empfinden. Wenn ich die Zeitung lese, habe ich das Gefühl, das ist ein Wahnsinn. Es sind Wahnsinnige, die sich nicht verständigen können, dabei wäre das doch ganz einfach.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Killmayer

Mit freundlicher Genehmigung zum Wiederabdruck aus „PIANONews - Magazin für Klavier und Flügel“ 4-2010 http://www.pianonews.de/index.php/ausgaben/2010/102-pianonews-04-2010-178 © Dr. Burkhard Schäfer


Weitere Informationen

Diskographie Wilhelm Killmayer (Klavier und Lied)

  • Heine-Lieder – Ein Liederbuch für Tenor und Klavier nach Gedichten von Heinrich Heine. Christoph Prégardien (Tenor) und Siegfried Mauser (Piano). CPO 2004
  • An John Field, Vier neue Klavierstücke, Klavieralbum mit Sphinxen. Siegfried Mauser (Piano), WERGO 2002
  • Klavierwerke (Trois Etudes blanches, Douze Etudes transcendentales, Drei Verstreute Klavierstücke, Rundgesänge und Morgenlieder), Siegfried Mauser (Piano), WERGO 1997
  • Drei Klavierstücke (gekoppelt mit Klavierstück 1 und 7 von Wolfgang Rihm), Siegfried Mauser (Piano), WERGO 1996
  • Wilhelm Killmayer & Robert Schumann. Werke für Cello und Klavier. Nicolas Altstaedt, Violoncello und José Gallardo, Klavier, Genuin GEN 10187

Radio-Sendungen

22.8.2017

00:12 bis 02:00 | Bayern 2
Concerto bavarese: Zum 90. Geburtstag des Komponisten Wilhelm Killmayer

Wilhelm Killmayer und seine Schüler. Wilhelm Killmayer: Symphonie Nr. 3 - „Menschen-Los“ (Münchner Philharmoniker: Wilhelm Killmayer); Kay Westermann: „Into the Wild“ (ensemble oktopus für musik der moderne: Felix Bönigk); Max Beckschäfer: „Versuch über das Glück“ (Christian Rieger, Bariton; Oliver Fraenzke, Klavier); Fredrik Schwenk: „Et incarnatus est“ (Ensemble für Neue Musik der Hochschule für Musik und Theater München); Paul Engel: „Sonogramm I“ (Christos Kanettis, Violine; Alfons Kontarsky, Klavier); Rudi Spring: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ (Renner Ensemble Regensburg: Bernd Englbrecht); Markus Schmitt: „Jean Paulsche Bagatellen“ (Gunter Pretzel, Viola; Marlies Neumann, Harfe); Lutz Landwehr von Pragenau: Variation I (Alexey Zuev, Klavier); Moritz Eggert: „Morphing“ (Sofia Ahjoniemi, Akkordeon; Ensemble Schwerpunkt)

22:05 bis 23:00 | BR-KLASSIK
Horizonte: „Wir Komponisten sind alle Luftkünstler“. Wilhelm Killmayer zum 90. Geburtstag

Er bevorzuge eine Musik, die „durchhörbar und hell ist und viel Luft zulässt“, hat Wilhelm Killmayer einmal in einem Fernsehinterview verlauten lassen, „denn wir Komponisten sind alle Luftkünstler. Wir bringen die Luft in Schwingung und diese in Schwingung gebrachte Luft kann Freude, Glück, Weinen, Abneigung usw. hervorrufen.“ Auch seine Musik wirkt bisweilen atmend und transparent: ein Oeuvre, zum dem Symphonik und Ballettopern ebenso gehören, wie Liederzyklen und Kammermusik unterschiedlichster Besetzung. Eine Sendung aus dem Jahr 2012 – von Susanne Schmerda.

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