Musik zur Karwoche – eine CD-Umschau von Mátyás Kiss


(nmz) -
Auch in den vergangenen beiden Jahren haben sich weltweit Ensembles mit Erfolg darum bemüht, neben den bewährten, die vorösterliche Fastenzeit beschließenden Klassikern vergessene und abseitige Edelsteine zu Tage zu fördern und einzuspielen. Ein Dutzend davon sollen im Folgenden vorgestellt werden.
13.04.2017 - Von Mátyás Kiss

Lamentationen

Wie schon in den früheren Jahrgängen dieser Umschau kommen wir um die Lamentationen zum sog. Triduum sacrum aus (den Nächten zu) Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag nicht herum, haben sie doch ungezählte Komponisten seit der Gregorianik zu expressiven Vertonungen angeregt. Sieben Stück haben sich vom spanischen Renaissancemeister Morales (1500-1553) erhalten, welche das junge belgische Ensemble Utopia (eine Dame, vier Herren) jetzt volltönend und erstmals vollständig eingesungen hat, dabei keine Wünsche an Intonationsreinheit, Stimmschönheit und Ausgeglichenheit der verschiedenen Lagen offenlassend.

Ebenfalls aus Belgien stammt die Sopranistin der nächsten Aufnahme. Die Lamentationen von de Lalande (1657-1726) tragen natürlich der Tatsache Rechnung, dass sich seit Beginn des 17. Jahrhunderts überall in Europa die Monodie durchgesetzt hatte, womit die virtuos geführte Solostimme in den Vordergrund der Aufmerksamkeit rückte. Sophie Karthäuser fungiert als Solistin dreier „Lesungen“, jeweils der dritten jedes Tages, sowie eines thematisch ähnlich gelagerten Miserere, und trotz anfänglicher Skepsis wurde ich nicht müde, ihr zu lauschen. Wahrscheinlich nur der lateinischen Sprache wegen wähnte ich mich dabei nicht in einer barocken Kantate. Anstelle eines Orchesters sekundiert der Sängerin eine sechsköpfige Continuogruppe, und die hier ausschließlich weiblichen Choristen des in solchen Gefilden bestens bewanderten Ensemble Correspondances gliedern das üppige Programm durch gregorianische Sequenzen, kommen aber insbesondere im Miserere, mit der Solistin apart abwechselnd, zum klangschönen Einsatz. So erweist sich diese Motette auch losgelöst vom Passionsgeschehen als Gewinn fürs Repertoire.

Ob dies auch fürs Stabat Mater von Sebastien de Brossard (1655-1730) gilt? Der uns wenig geläufige Meister liefert hier leider nur ein (noch dazu unruhig gesungenes) Füllsel für die wohl berühmteste Version der Leçons de Ténèbres, nämlich jener von François Couperin (1668-1733). Die drei Leçons (die einzig erhaltenen von ursprünglich neun) beschäftigen zwei hohe Stimmen, die von männlichen und weiblichen Solisten gleichermaßen bewältigt werden können. Diese wurden nicht aus dem Chor von La Nuova Musica rekrutiert, sondern von den aufstrebenden Stars Lucy Crowe (lyrisch schlicht) und Elizabeth Watts (opernhaft dramatisch) übernommen, die sich nach ihrem jeweiligen Soloauftritt in der abschließenden Leçon zum Duett vereinigen. Das 48 Seiten starke Booklet auf dem herkömmlichen Weg aus den Laschen des Jewelcases zu befreien war leider gleichbedeutend damit, es zu zerfetzen.

Wie in dieser englischen Aufnahme haben sich die Holländer auf der nächsten für je zwei zeitgenössische Sonaten als instrumentale Verschnaufpause entschieden. Aber natürlich stehen die geistlichen Werke im Focus: Hier sind es die Lamentationen und Lektionen aus dem Jahre 1733, die uns Joseph-Hector Fiocco (1703-41) hinterlassen hat. Die Sopranistin Anne Mertens schultert die gesangliche Verantwortung alleine, nur unterstützt von einem Cello und einem Tasteninstrument. Die schon 2001 produzierte, aber erst jetzt publizierte Aufnahme geriet viel einheitlicher, dem frommen Zweck angemessener, als diejenige Couperins und empfiehlt Frau Mertens nachdrücklich für derartiges Repertoire – hoffentlich nicht zu spät für sie.

Der volle Titel der „Threni“ aus dem Jahre 1958 lautet: „Threni: Id Est Lamentationes Jeremiae Prophetae“, und wer Stravinskys unmittelbar voraufgegangenes letztes Ballett „Agon“ noch ungefähr im Ohr hat, ahnt schon, was ihn oder sie hier erwartet, nur eben in weitgehend gesungener Form. Das knapp halbstündige Opus verdankt sein herbes Klangbild vor allem den in strengem Rhythmus gesprochenen oder unbegleitet gesungenen Chorpassagen und entstammt dem selten aufgeführten, reihentechnisch organisierten Spätwerk des russischen Meisters. Dem nun 70-jährigen Philippe Herreweghe kommt das Verdienst zu, die „Threni“ endlich einmal in einer modernen Aufnahme vorgelegt zu haben. (Die ebenfalls eingespielten, noch stärker ausgedünnten „Requiem Canticles“ hat immerhin Michael Gielen vor zehn Jahren schon einmal aufgenommen.) Schade nur, dass Herreweghe die reichlich vorhandene Rest-Spielzeit nicht ausgenutzt hat: „Babel“, „Abraham & Isaac“ oder gar „The Flood“ hätten sich da angeboten, zumal Pierre Boulez, der große Sachwalter Weberns und Schönbergs, den nach 1951 unter den Einfluss der Zweiten Wiener Schule geratenen Modernisten konsequent ignoriert hat. Wahrscheinlich war Boulez Stravinskys religiöser Glaube suspekt und sein Urteilsvermögen dadurch getrübt. Jedenfalls kann man davon ausgehen, dass Boulez‘ Verweigerung gegenüber dieser hochinteressanten Werkgruppe entscheidend dazu beitrug, die letzte Schaffensperiode dieses zweifellos zentralen Komponisten des 20. Jahrhunderts aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verbannen. Aber das muss ja nicht für immer so bleiben.

Passionen

Hans-Christoph Rademanns Einspielung der Johannespassion von Schütz (1585-1672) hat nicht umsonst den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik 2016 erhalten: Keine Folge seiner bald vollendeten Gesamteinspielung hat bisher wirklich enttäuscht; aber mit der Johannespassion hat er sich selbst übertroffen. Das hat er natürlich auch den vorzüglichen Solisten zu verdanken, allen voran Jan Kobow als Evangelist und Harry van der Kamp als Jesus. Doch die Anforderungen an alle Akteure sind immens: Weil damals in Dresden während der Karwoche die Instrumente zu schweigen hatten, erklingt die Passion a cappella – wenn man so will, als mit verteilten Rollen gesungene Predigt. Da der bereits 80-jährige Schütz jedoch die vertraute Handlung auf nur 40 Minuten konzentrierte (es ist die kürzeste seiner drei Passionen) und mit seinem kompositorischen Genie erfüllte, empfindet der Hörer dies nie als Beschränkung, schon gar nicht, wenn er sich für die Ensembles dem Dresdner Kammerchor anvertrauen kann. Drei selten zu hörende Motetten rahmen eine denkwürdige Aufführung dieses kaum bekannten Meisterwerks.

Die „Historia des Leidens und Sterbens unseres Herrn und Heylandes Jesu Christi nach dem Evangelisten St. Marcum“ (unsigniert; Dresden 1668) wurde eine Zeitlang ebenfalls für ein Werk Schützens gehalten; tatsächlich schloss die auch bloß 45 Minuten dauernde Markuspassion von Marco Gioseppe Peranda (ca. 1625-75) eine klaffende Lücke in der Liturgie, da der viel beschäftigte Schütz für den Dresdner Hof keine Passion nach Markus geschrieben hat. Aber der für die vorliegende Produktion verantwortlich zeichnende Norbert Schuster hatte wohl kein genügendes Vertrauen in dieses reine Vokalwerk eines heute Unbekannten, weswegen er unter dem Titel „Dresden Passion“ ein abendfüllendes geistliches Pasticcio vorlegte, das Perandas Original durch darauf sozusagen antwortende, Instrumente einbeziehende Werke seiner Zeit ergänzt, mit Einzelsätzen von Schütz vor allem. So kann man es machen, und es war ja auch damals gängige Praxis, Beiträge verschiedener Meister zu einem „neuen“ Werk zu kombinieren. Die stilecht demutsvoll singenden und musizierenden Interpreten zeichnen ein repräsentatives Bild vom Stand der evangelischen Passionsmusik am Dresdner Hof im späten 17. Jahrhundert.

Reinhard Keiser (1674-1739), der fruchtbarste und in der damaligen Wahrnehmung bedeutendste deutsche Opernkomponist des frühen 18. Jahrhunderts, hat auch einiges an geistlicher Musik hinterlassen; seine Markuspassion, wohl 1713 in Weimar aus der Taufe gehoben, hat Joh. Seb. Bach nachweislich sehr geschätzt und selbst mehrfach aufgeführt. Seine Zustimmung kann man heute noch gut nachvollziehen – auch, falls die Passion gar nicht von Keiser stammen sollte, wie neuerdings vermutet wird. So oder so war hier ein von seinem Thema inspirierter Tonsetzer und erfahrener Dramatiker am Werk, und auch die Interpreten (wiederum übernahm Jan Kobow die Evangelistenrolle) behandeln das wertvolle Stück als eine Herzensangelegenheit.

Oratorien und Motetten

Der geschickte Librettist des 1689 entstandenen Passionsoratoriums „La sete di Christo“ (Der Durst Christi) nimmt das Leiden und Sterben Christi („Mich dürstet“) zum Anlass vielfältiger Reflexionen, zwar ohne einen den Evangelien folgenden Handlungsfaden, dafür aber mit reichlicher Gelegenheit zum Affektausdruck der vier unter dem Kreuz versammelten Personen Jungfrau Maria, Johannes, Joseph von Arimathia und Nikodemus, welche von den vier Stimmtypen verkörpert werden, die nach Bedarf zu Duetten, Terzetten und Quartetten zusammenfinden. Bernardo Pasquini (1637-1710), dessen Tastenmusik einen guten Ruf genießt, hätte man solch eine ebenso berührende wie mitreißende Vokalschöpfung nicht unbedingt zugetraut. Die auf Tonträgern noch wenig hervorgetretene, in der italienischen Hauptstadt ansässige Formation Concerto Romano bricht nicht nur eine Lanze für Pasquini, sondern gibt auch eine eindrucksvolle Visitenkarte ihres Könnens ab.

Ein zu unserem Thema passendes Miserere hat – neben zahlreichen, ursprünglich einzeln überlieferten Messesätzen – auch Antonio Lotti (1667-1740) geschrieben; seit den Bemühungen Thomas Hengelbrocks (dhm) ist Lotti ja nicht mehr ganz so unbekannt. Aber dass nun Amerikaner sich seiner anspruchsvollen Vokalmusik annehmen, überrascht denn doch positiv. Fast ausschließlich Erstaufnahmen enthält eine nach Lottis berühmtestem Stück „Crucifixus“ benannte, randvolle CD aus dem Hause Delphian, bestritten vom bei uns noch zu entdeckenden Syred Consort, dessen Solisten mit ihren Aufgaben bestens zurechtkommen.

Ebenfalls dem italienischen Hochbarock zuzurechnen ist der bloß drei Jahre jüngere Antonio Caldara (1670-1736). Etwa die Hälfte einer Berliner Produktion mit Motetten „zum Lob der Maria“ gehört ins Umfeld der Karwoche, darunter ein zwar nur vierminütiges, aber für 16-stimmigen Chor gesetztes „Crucifixus“. Die Streicher erreichen nicht immer das Niveau der Amerikaner, aber die vorzüglich einstudierte Vokalakademie Berlin (hören Sie nur den A-cappella-Satz „Tenebrae factae sunt“!) vermag restlos für sich einzunehmen.

Der gottlob in keine Stilschublade passende Schotte James MacMillan (Jg. 1959) hatte 2007 bereits eine Johannespassion vollendet; kurz darauf drängte es ihn, den Fortgang der Geschichte in Musik zu setzen. „Since it was the day of preparation…“ (in der King James Bible der erste Satz nach dem Tod Jesu) setzt mit der Kreuzabnahme ein und gehört der eher raren Spezies des Auferstehungsoratoriums an: Schütz hatte 1623 mit seiner „Historia“ die Gattung begründet und zugleich das erste deutschsprachige Oratorium geschrieben. Worauf sonst soll die österliche Freude gründen als auf der Nachricht, dass Christus für all jene, die an ihn glauben (und potenziell auch für alle übrigen) den Tod überwunden hat? Sein stellvertretendes Leiden, sein Selbstopfer hat viel zu lange die christliche Tradition dominiert, wohingegen die naturwissenschaftliche Merkwürdigkeit, dass ein zweifelsfrei Verstorbener aus einem versiegelten Grab entkommt und dann noch mehrmals an unterschiedlichen Orten aus dem Jenseits wiederkehrt, ebenso wie die Frage, wie die Hinterbliebenen auf diese Zumutung reagieren, mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Hier also springt MacMillan in die Bresche, und er ist trotz bald 350 Jahren Abstand nicht gar so weit von Schütz entfernt, denn gerade einmal fünf Sängern stehen eben so wenige Instrumente gegenüber, nämlich Cello, Klarinette, Horn, Harfe und Theorbe. Sänger und Instrumentalisten musizieren manchmal abwechselnd, außerdem oft solistisch. Die Kargheit der äußeren Mittel verstärkt auch hier die Aussage; alle Beteiligten haben allerdings virtuose Aufgaben zu erfüllen, die ihnen in dieser vom Komponisten abgesegneten Aufnahme ganz vorzüglich gelingen. Das außergewöhnliche Opus müsste in einem eher intimen Saal geradezu betörende Wirkung entfalten.  

Diskographie (Vertriebe in Klammern)

Cristóbal de Morales: The Seven Lamentations. Utopia. EtCetera KTC1538 (Harmonia Mundi)

Michel-Richard de Lalande: Leçons de Ténèbres, Miserere. Sophie Karthäuser, Sopran; Ensemble Correspondances, Sébastien Daucé. Harmonia Mundi HMC 902206

François Couperin: Leçons de Ténèbres / Sébastien de Brossard: Stabat Mater, Triosonaten. Lucy Crowe, Elizabeth Watts, Sopran; La Nuova Musica, David Bates. Harmonia Mundi HMU 807659

Joseph-Hector Fiocco: Lamentations / Pietro Antonio Fiocco: Blockflötensonaten. Anne Mertens, Sopran; Wieland Kuijken, Richte van der Meer, Barockcello; Kris Verhelst, Orgel, Cembalo; Peter van Heyghen, Blockflöte. EtCetera KTC1544 (Harmonia Mundi)

Igor Stravinsky: Threni (+ Requiem Canticles, Anthem). Solisten, Collegium Vocale Gent, Royal Flemish Philharmonic, Philippe Herreweghe. Phi LPH020 (Note 1)

Heinrich Schütz: Johannespassion. Jan Kobow, Tenor; Harry van der Kamp, Bass; Ulrike Hofbauer, Sopran et al., Dresdner Kammerchor, Hans-Christoph Rademann. Carus 83.270 (Note 1)

Marco Gioseppe Peranda et al.: Dresden Passion. Cappella Sagittariana Dresden, Norbert Schuster. Rondeau ROP612122 (Naxos, 2 CDs)

Reinhard Keiser: Markuspassion. Jan Kobow, Tenor; Thomas E. Bauer, Bass; Ensemble Jacques Moderne, Gli Incogniti, Amandine Beyer, Joël Suhubiette. Mirare MIR 254 (Harmonia Mundi)

Bernardo Pasquini: La sete di Christo. Solisten, Concerto Romano, Alessandro Quarta. Christophorus CHR 77398 (Note 1)

Antonio Lotti: Crucifixus – Missa Sancti Christophori, Dixit Dominus in g, Miserere in c, Credo in g. The Syred Consort, Orchestra of St. Paul's, Ben Palmer. Delphian DCD34182 (Naxos)

Antonio Caldara: Salve Regina – Musik zum Lob der Maria. Vokalakademie Berlin, Bassano Ensemble Berlin, Frank Markowitsch. Rondeau ROP6118 (Naxos)

James MacMillan: Since It Was The Day Of Preparation… Brindley Sherratt, Bass; Synergy Vocals, Hebrides Ensemble. Delphian DCD34168 (Naxos)

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