Uraufführung von „Once To Be Realized“ nach Fragmenten von Jani Christou in Berlin


(nmz) -
Die Münchener Biennale – Festival für Neues Musiktheater und die Deutsche Oper Berlin hatten schon weitere Kooperationsprojekte in der Mache, als am 23. Januar 2022 endlich „Once To Te Realized“ als Teil des 'Überhang-Zyklus' der Biennale 2020 zur verspäteten Uraufführung gelangte. Mit Übertragung der Produktion von der Kantine, den Funktionsräumens und der Tischlerei der DOB ins Utopia München und in das Onassis Culture Centre Athen wird sich „Once To Be Realized“ in ein ganz anderes, weil von den Räumen mehr als durch Musik modelliertes Perfomance-Artefakt verwandeln.
27.01.2022 - Von Roland H. Dippel

Dieses Multi-Komponierenden-Projekt aus 130 unausgeführten Skizzen des 1970 im Alter von nur 44 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommenen griechischen Komponisten Jani Christou ist mehr durch die Spielformen als durch die Musik bestimmt.

Eine Pianistin hängt nach schroffen, direkt auf den Saiten im Hohlraum des Flügels erzeugten Tönen wie leblos über der Brüstung der Kantine. In einem Hof blasen Musiker bei unwirscher Feuchtigkeit in Rohre, die man auf den ersten Blick für Alphörner halten könnte. Auf dem Hauptpodium in der Tischlerei sitzen die Musiker zu Gesangssplittern aus der altgriechischen Tragödie in Bereitschaft – mit Glitzersteinchen auf den Augenlidern. Eine Sängerin zieht im erdbeerfarbenen Kleid ihre Kreise, andere Akteur*innen verharren weit hinten um einen Tisch. So viel Spielaktion, Raumerkundungslust und vor allem so viele Ortswechsel gab es in dieser Häufung von Personal und Mitteln selten bei einer Biennale-Produktion.

Ein Nekrolog, ein Gedanken-Tsunami und demokratisches Konzept-Event aus einem Guss. Und ein großer Wurf der Logistik in Pandemie-Zeiten! Cordula Bürgl am Dirigent*innenpult agiert umsichtig und genau, lässt sich von den Publikumsmigrationen nicht beirren. Michail Marmarinos bedient sich bei Agit-Prop, bei Partisanentheater- und Happening-Modellen. Yorgos Sapountzis denkt nicht nur an Podiumsflächen für die Ausführenden, sondern auch an den Komfort für das in Scharen strömende Publikum. Lenio Liatsou verbindet in der Konzeptentwicklung die in Jahren und Jahrzehnten entwickelten Präsentationsmuster für Neue Musik und Kunst zwischen den Gattungen. Analyse und Intuition, Genius und Genuss, Überraschung und Überwältigung – all diese Angebote prasseln auf das zur Begeisterung gewillte Publikum.

Neue Musik als wichtigste Nebensache der Welt

Nach dem „Point of NEW Return“ fragen die Biennale-Leiter Daniel Ott und Manos Tsangaris beim Werkstattgespräch vor der zweiten Aufführung im Foyer am 25. Januar sich und die anwesenden Mitwirkenden. Aufgrund der pandemischen Verzögerungen kommt das erst für die Biennale 2020 vorgesehene Gemeinschaftswerk „Once To Be Realized“ heraus, bevor im Mai die Biennale-Runde 2022 in München hoffentlich wie angekündigt stattfinden wird. Fragmente und zeichenhafte Überfülle zeichnen das Musik-Totalereignis „Once To Be Realized“ aus. Die 130 Skizzen aus dem Nachlass des 1970 bei einem Autounfall ums Leben gekommenen griechischen Komponisten Jani Christou wurden in Auftragskompositionen und damit als „sechs Begegnungen“ von Beat Furrer, Barblina Meierhans, Olga Neuwirth, Samir Odeh-Tamimi, Younghi Pagh-Paan und Christian Wolff ergänzt, ausgeführt, bereichert, verdichtet, illustriert und illuminiert. Das Ekliptische und Fragmentarische sollte erhalten, zugleich aber weitergedacht und transformiert werden.

Die Münchener Biennale reagiert auf zeitgemäße kommerzielle Transfers von Musik. In Popstrategien werden Songs mit (natürlich verkaufsfördernden) Bildern und Videos unterlegt. Das sollte die Neue Musik auch, befürworten Daniel Ott und Manos Tsangaris in ihrem Aufsatz „New Return“.

Ganz neu ist das nicht. Unter Lichtkunst strahlende Konzerte, Simultanforen, Raumklänge und Sounds im Schwellenbereich von Jetzt, Konserve und elektronischer Überformung gehören zum Tafelsilber der Neue-Musik-Trendsetter und ihrer multiartistischen Follower. Trotzdem gerät die Produktion „Once To Be Realized“ zum Höhepunkt und Extrem dieses Cocktails von Aktionen, bei denen alles in Bewegung gerät, die Ausführenden bewegen sich und alles, sogar die komponierten Pausen.

Der Raum und die (Selbst-)Organisation des Publikums wird wichtiger und aufmerksamkeitsaufwändiger als das Hören und Verstehen-Wollen bzw. -Können von Neuer Musik. Das Fragmenthafte der Performanzen-Suite hat zur Folge, dass das Entfallen des Stücks „CoronaAtion. Whoever brought me here“ von Olga Neuwirth (Percussion: Robyn Schulkowski) aus technischen Gründen für den Abenddienst größere Auswirkungen hatte als für das Publikum. Transparente mit Christous Skizzen werden zu einem visuellen Integral wie die hektisch die Zuschauergruppen durchfegenden Mimen-Trupps. Im Vorraum beim Ausgang hängt ein Sterbebild Christous, hält einer der Edelkomparsen ein Laptop mit Filmdokumenten über den zu seinem 50. Todestag gezielt ohne einen originär griechischen Beitrag gehrten Komponisten. Weil Neuwirths Stück entfiel, beginnt der Abend auf dem Götz-Friedrich-Platz mit auf Englisch skandierten Zitaten von Christous „Project 45“. Samir Odoh-Taminis an verschiedenen Orten gesetzte Interludien thematisieren Metamorphosen der Texte Christous über die Schwellen von Wort und Atem zur eigen-kreativen Musik.

Fünf Ebenen – so resümiert Barblina Meierhans beim Werkstattgespräch – schichten sich in diesem Projekt: Christous Skizzen, deren Auswahl und Vergabe an Komponierende, das Aufführungskonzept, die Vertonung, die Ensembleleistung. In Meierhans‘ „NOW“ kommt die Gesangsstimme nicht ohne perfomative Ergänzung aus, das Quartett ist „stark verstärkt“. Immer wieder wird man zerrissen zwischen dem Enthusiasmus für die Materialfülle und Verzweiflungsschüben darüber, dass die erhaschten Verständnisansätze durch Bewegung, Ton und sich hochdramatisch aufschwingende Performanz verschwimmen und wegtreiben.

Dieser Abend gerät zum Kontrastmittel gegen einen anderen Output in der Biennale-Pipeline 2020, nämlich Ole Hübners „opera! opera! opera!  revenants and revolutions“. Als richtige große Oper setzte Hübner zugleich einen sinfonisch-choralen Nekrolog auf die zwar immer hinterfragte und doch noch irgendwie funktionierende Gattung. „Once To Be Realized“ dagegen ist etwas, was irgendwann mal kommen soll oder tatsächlich kommen wird: Ein Musiktheater der Zukunft, das Neue Musik von der Prioritätsstufe Eins stößt und als Kandidatin für die schönste Nebensache der Kunstwelt aufstellt.

Demzufolge gab es in der Deutschen Oper an diesem Abend auch sehr viel Musik an der Schwelle zum Verschwinden, Überhören und damit Verpasstwerden. In Passagen aus feinsten Schattierungen, subtilen Klangreliefs und komplexen poetischen Botschaften, in denen es – dank verfügbarer technischer Mittel – auch um die Musiknetze in Zeit-Raum-Konditionen und vergegenwärtigter Vergangenheit ging. Leider war die laute performative Aktion dem Anspruch komplexen Hörens und Verstehenwollen ziemlich abträglich. Wenn von Beat Furrers „Akusmata I – VII“, Christian Wolffs „After Jani Christou“ und Younghi Pagh-Paans „Silhouette – Silence“ etwas zu vernehmen war, dann Eindrucksvolles.

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