Neue Musik: Umbruch – Abbruch – Aufbruch?


(nmz) -
Ein weiteres Diskussionsforum (oder besser Blog) zur Situation unserer Musik-Petrischalen, unserer Klang-Zukunfts-Laboratorien, unserer „zeitgenössischen“ Musik?
30.07.2008 - Von Theo Geißler

Nachdem man die nmz („…wer liest die schon“ – Frank Hilberg, WDR) in die Nähe von Nazi-Literatur gerückt hat (Frank Hilberg, WDR in den „Musiktexten“ von Oehlschlägel/Gronemeyer), nachdem man uns zu doofen ideologisch verengten linken Revoluzzern (Friedrich Hommel, Peter Jona Korn u. a., Gott hab sie teils selig), zu leichtfertigen Seichtplapper-Opportunisten (dem Sinn nach: Michael Zwenzner, Reinhard Schulz) abgestempelt hat, sehen wir uns gut in der Lage, für ein solches Spannungsfeld mal möglichst freien Raum zu bieten. Zumal offensichtlich unsere eigene Redaktion von schwerster Schizophrenie in dieser Angelegenheit befallen ist.

 

Zwar trage ich als nmz-Herausgeber und ConBrio-Verleger die presserechtliche Verantwortung. Die inhaltliche möchte ich aber den Autorinnen und Autoren der jeweiligen Beiträge aufbürden. Deshalb fände ich es – bloguntypisch – sauber, die eigene Meinung mit klarer Identität zu verbinden.

Für mich haben sich aus den – da lasse ich mich nicht beirren – mutigen, subjektiven und hochnotwendigen – Berichten aus Darmstadt von Arno Lückert und aus einigen Blog-Beiträgen noch ganz unstrukturiert ein paar Fragen ergeben:

Warum müssen die Schöpfer neuer Klänge Höhlenbewohner sein (Reinhard Schulz, Martin Hufner)? Man stellt sich da so blinde Grottenolme vor, schmutzige weißhäutige Troglodyten, zutiefst misstrauisch und kommunikationsscheu…

Warum treffen sich solche Menschen ausgerechnet in Darmstadt? Warum nicht in Lourdes oder im Schuler-Loch?

Warum, Michael Zwenzner, darf in Sachen zeitgenössische Musik nur auf von Dir nicht genau definiertem, aber offenbar allerhöchstem intellektuellem Niveau, mit subtilster Sensibilität – begabt oder erlernt – Stellung bezogen oder Meinung geäußert werden?

Wie gelangt man zur Ehre solcher Weihe? Wie erlangt man die Gnade der avantgtarde-zirkel-adäquaten Satisfaktionsfähigkeit? (Gisela Nauck, Frank Hilberg)

Wie „frei“ sind die aktuellen Protagonisten der Musikzukunft in ihrem kreativen Schaffen tatsächlich, bedrängt doch hart von Gema-Wertung, Darmstadt-Stipendien, Siemens-Preisgeldern und Netzwerk-Neue-Musik-Subventionen? (Moritz Eggert)

Nach (schlichten) Antworten sehnt sich

Theo Geißler (der es sich zeitlebens immer besonders leicht gemacht hat im Umgang mit der und in der Beförderung von Avantgarde, der gesteht, dass er in vielen Situationen lieber Coldplay oder gar Eggert hört als Lachenmann oder Rihm.)

Nur zur Ergänzung: Leider

Nur zur Ergänzung: Leider ist es schon passiert, dass hier jemand oder mehrere auch unter einer falschen Identität Kommentare verfasst haben. So geht es dann schon erst gar nicht.

Ich nehme dies mit Verwunderung zur Kenntnis, muss doch der oder die Autoren durchaus bewandert sein in dieser Szene, sonst hätte er bestimmte Insider-Informationen nicht zur Hand gehabt.

So ein Verhalten geht gar nicht! Bei der betroffenen Person möchte ich mich in aller Form dafür entschuldigen, dass dies passieren konnte.


Ich mache einfach mal den

Ich mache einfach mal den Anfang und greife den Faden von Reinhard Schulz auf (sein “Höhlengleichnis”).
Ich finde das alles zu schwammig, diese Auflistung der üblichen Verdächtigen (Haydn/Esterhazy)…das sind die typischen Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Gerade Haydn, den ich übrigens über alles verehre und liebe, ist ein ganz schlechtes Beispiel, denn er war tagauf tagein einen Großteil seines Lebes mit “angewandter” Musik beschäftigt - Musik zu Empfängen, Diners, Divertimenti, Symphonien nach “Wunsch”, zu bestimmten Gegebenheiten. Diese “Divertimenti” (eine Gattung, der sich heute kein Neuer Komponist mehr widmet - warum eigentlich?) haben Haydn nicht nur nicht geschadet, sondern sie haben seine musikalische Sprache stets geschärft und verfeinert. Ein wunderbares Gegenbeispiel für Deine These also, es gab wohl kaum einen klasischen Komponisten, der so mitten im Leben stand wie Haydn, auch wenn er geographisch isoliert war.
Ich bin ehrlich gesagt ein bißchen enttäuscht darüber, dass Du der echten Diskussion (die alle anderen wollen) ständig ausweichst mit doch sehr generischen Argumenten (zu “kindisch”, zu “unüberlegt”, etc.). Das ist ungefähr so wie wenn Du mir auf meine Bad Boy-Artikel, die sich polemisch gegen die DEUTSCHE Szene richten antwortest, es gäbe ja den Michel van der Aa, und der würde das doch alles erfüllen. Nun ist der halt Holländer, lieber Reinhard, hast Du das überhaupt gemerkt, als Du das geschrieben hast?
Und Dein 08/15-Argument “es gab schon immer schlechte Musik” ist natürlich der Diskussionsausweicher schlechthin - Ganz ehrlich, hast Du nicht mehr zu bieten als das ständige Abwiegeln und dass Du Dir für die Diskussion “zu gut” bist? Ich hätte ehrlich gesagt von Dir mehr erwartet…


Ich kann es mir so recht

Ich kann es mir so recht auch nicht erklären, warum nur so wenige - und davon noch teils falsche - Teilnehmer diese Möglichkeit wahrnehmen. Urlaub? Unkenntnis? nmz? (Oder auch Angst). Oder sind alle in den neuen Netzwerken Neue Musik beschäftigt, dass keine Zeit und Lust mehr bleibt.

Im Zusammenhang mit den Recherchen zu dieser Idee fiel mir ein Text von Claus Spahn in der Zeit in den Browser. Dort setzt er sich mit dem Kompositionsstudium in Deutschland unter dem Titel “Tonsetzers Häschenstunde” auseinander. Da heißt es:

Das doktrinäre Auftrumpfen der Avantgarde wünscht sich niemand mehr zurück, die »Ich-hab-recht-Haltung von Darmstadt«, wie Hamel sie zu nennen pflegt, lange genug hat sie ihm zu schaffen gemacht. Aber er weiß auch, dass einst aus dem Sichabarbeiten an den selbst ernannten Rechthaber- und Übervaterfiguren kreative Energie erwuchs. Wolfgang Rihm hat die Pendeldynamik von ästhetischer Revolte, Gegenrevolte und Gegen-Gegenrevolte, die das 20. Jahrhundert prägte, einmal in ein treffendes Bild gefasst: Der Komponist bewege sich wie ein Teilchen in einer Neonröhre. Es bleibe ihm nichts anderes, als hin- und herzusausen. Und im Glücksfall glimme er kurz auf.

Inzwischen sind die Pole abgeschaltet und die Teilchen noch schwerer zum Glimmen zu bringen. Die Kompositionsklassenrunden von heute wirken auf den ersten Blick nicht gerade, als stünden sie unter Hochspannung. Ein wenig gedrückt und verdruckst sitzen die Studenten in den Bänken, seltsam streberhaft, sorgenumwölkt, unerlöst, immer eine Spur zu defensiv.

Also ist es auch nicht nur die Höhle, sondern das Teilchen in der Neonröhre. Noch weniger selbstbestimmt kann man sich eine Existenz nicht denken.

Deshalb bin ich auch ein wenig besonders von denen enttäuscht, die an die alten heroischen Auseinandersetzungen erinnern, aber keine neuen wollen (und mindestens nicht hier).

Ich denke, die Angst, etwas zu verbocken und sich streitbar zu machen, ist ein weiterer Grund. (Vielleicht erfordert es diese Szene, wie hier zu sehen, dass sie wenigstens teilweise aus der Anonymität heraus agiert. Das wäre zwar schade, aber immerhin auch eine Erkenntnis, allerdings eine leere.)


Lieber Moritz, liebe

Lieber Moritz, liebe Leserinnen und Leser, gern Antworterinnen und Antworter,

grade wollte ich diesen Gesprächs- und Gedankenaustausch-Versuch dank meiner verlegerischen Macht wegen Totheit beenden, hatte - feig und vorsichtig wie ich bin - auch schon einen Word-Text vorbereitet, den ich mal kurz nachreiche:

“…tja, da kommt ja wohl nix mehr. Die scheuen Wesen, die schöpferischen Troglodyten, die klugen Geister haben sich in ihre Schlicklöcher – respektive Berghöhlen (da liegt übrigens irgendwo bei Selbstspiegelau noch eine atombombensicher verpackte NeueMusik-Archiv-CD von Reinhard Schulz ) zurückgezogen. Des besseren Klimas halber? Besorgt um ihre individuelle Sicherheit? In Erwartung einer Zukunft? Alles prima. Bleicht weiter im Schoße der GEMA, des Komponistenverbandes, der GNM. Ich bitte den Webmaster Huffi Huflaikhan (Dank für Mühe und Geduld) vorhandenes zu archivieren, zugänglich zu halten und diesen „Blog“ zu schließen. Bis bald – in Donaueschingen, Schwaz, Witten – oder Darmstadt:
und herzlich: Euer Theo Geißler

Deshalb freue ich mich rundum - und schätze Dich (Moritz, noch) mehr, weil Du Dich hier aussetzt, öffnest, vordenkst, nach meinem Gespür ohne irgeneinen Profit, irgendeine “Wertschöpfung” im zeitgenössischen Sinn erwarten zu können. Jedem, der hier schreibt, (auch und grade Arno Lücker) wurde ja der Vorwurf gemacht, diese Präsenz sei irgendein Karrierefaktor. Als Wolfgang Riehm aus der Siemens-Preis-Jury austrat, um die Viertel Mille (gern und irgendwie verdient) entgegenzunehmen, um wenig später wieder (seine Schülerinnen und Schüler werden das zu würdigen wissen) dieses “Ehrenamt” anzutreten, herrschte große - sorry, Moritz: postmoderne Stille. Grade im feinsten deutschen Feuilleton. Da war ich gern verbittert.

Dieser Blog sollte (und soll vielleicht noch) dazu beitragen, über solche und andere Verhältnisse (zum Beispiel beim Deutschen Komponistenverband oder bei der Gema) sich auszutauschen - aber genauso auch dazu, vielleicht überflüssige Fremdheiten/Distanzen oder auch nötige Fernen der Kreativen zu betrachten und - so weit sinnvoll - zu klären, auszusprechen, gern mit Blick auf die aktuellen Höhlen-Gleichnis-Projektions- und -Transport-Mittel.

Mal schaun. Mal spüren. Mal denken. Danke, Moritz: Theo


Keine Antwort ist auch eine

Keine Antwort ist auch eine Antwort, Reinhard (Schulz):-)

Auch wenn ich jetzt vielleicht meinen nächsten “Bad Boy”-Artikel vorwegnehme, gar schon schreibe: Machen wir doch mal ein Gedankenexperiment, um einen neuen Aspekt in die Diskussion zu bringen (wenn hier überhaupt jemand zuhört :-)

Das Thema Streik ist ja gerade aktuell, also stellen wir uns einfach mal zum Spaß vor, die Festivalkomponisten Neuer Musik heute würden streiken = nichts mehr komponieren! Wie wirksam das wäre, hat uns der amerikanische Komponist Ralph Shapey vorgemacht, der dies einmal als Protest gegen die amerikanische Musikszene einige Jahre lang individuell praktiziert hat.
Der Effekt wäre/war natürlich gleich Null - keine alte Sau würde das kümmern. Auch Shapey gab irgendwann kleinlaut auf und fing wieder an zu komponieren.
Die Festivalmacher wären vielleicht traurig über fehlenden Nachschub, da aber die Neuen Musik-Festivals einzig und allein dazu da sind, die neuesten Ergüsse von uns Tonsetzern anderen Tonsetzern und deren Kritikern und deren Freunden und unseren Freunden und den Studenten unserer Freunde und den Freunden der Mitwirkenden sowie einer mit Freikarten versorgten Schulklasse vorzuführen, würde man halt damit eine Weile aufhören und ältere Stücke spielen. Ausserhalb der Szene würde man das aber wahrscheinlich nicht einmal als Ereignis auch nur der geringsten Relevanz wahrnehmen. Ein solcher Akt würde sprichwörtlich wie ein trockener Furz verpuffen.

Nun gehen wir einfach mal ein paar hundert Jahre zurück und stellen uns vor die Kantoren und Kirchenkomponisten im 18. Jahrhundert hätten gestreikt. Tatsächlich hätte man damit einiges Aufsehen erregt, nicht nur von Bach sondern auch von den zahllosen anderen Komponisten im Dienste der Kirche erwartete man ja stets neue Kantaten und Oratorien, der kirchenmusikalische Betrieb war lebendig und bedurfte neuen, aktuellen Materials um sich selber aufrechtzuerhalten. Es hätte also einen deutlichen Aufschrei gegeben, wäre die Kantate der Woche ausgeblieben.

Oder stellen wir uns vor, alle italienischen Opernkomponisten im 19. Jahrhundert hätten gestreikt: Skandal! Die Opernhäuser leer, allgemeiner Aufruhr - keine Abendunterhaltung mehr! Wo soll man hingehen?

Oder hätten Haydn und alle anderen Hofkomponisten seiner Ära gestreikt - mit was hätten sich die Fürsten schmücken können, wenn nicht mit den Erzeugnissen “ihrer” Komponisten, die auch wichtige repräsentative Funktionen hatten.
Usw. usw.
Es gab also Zeiten, in denen auch hochanspruchsvolle und richtungsweisende Musik (nicht nur populistischer Stuß) so sehr in den “Alltag” (verzeiht die Vereinfachung) eingebunden war, dass sie dadurch auch stets eine gewisse direkte Auswirkung besaß. Ihr Fehlen wäre bemerkt worden. Ich will jetzt gar nicht sagen, dass das alles immer wunderbar und gut war, oft waren die Künstler auch Sklaven, aber es gab eben immer die Einbindung in gesellschaftliche Prozesse, im Schlechten wie im Guten.

Man kann in der Musik der Klassik wie aber auch in anderen Kunstgenres endlose Beispiele von kultureller Einbindung, kulturellem “Durchsatz” finden. Ohne katholische Kirche keine Sixtinische Kapelle, keine Notre Dame Schule. Ohne die Infantin keine Scarlatti-Sonaten. Ohne den populären Tourneebetrieb Ballets Russes (vergleichbar mit André Heller-Shows heute) kein Sacre, eines der einflussreichsten Musikstücke des 20. Jahrhunderts, ohne Kunstsammler kein Picasso, kein Monet, ja auch kein Exot Van Gogh. Alles Beispiele in denen die Kunst auch einen BEDARF erfüllt, nicht nur für sich selber existiert.

Bevor hier ein grosser Aufschrei losgeht - natürlich bin ich NICHT der Meinung, dass nur Kunst die “dienstleistend” ist, gut ist, ganz im Gegenteil.
Ich frage mich nur, warum wir diese Funktionen mit unserer aktuellen Ästhetik nicht mehr neben der Erstellung unserer “Meisterwerke” erfüllen können.
Es fragt uns einfach keiner mehr, weil unsere Sprache inzwischen so gnadenlos individualisiert und hochgezüchtet ist, dass sie tatsächlich nicht mehr kompatibel ist mit dem, was man als allgemein zugänglich bezeichnen kann. Wir sind nicht mehr attraktiv. Ist das ein Vorteil? Ich denke nicht. Wie wollen wir Differenzierung vermitteln, wenn der einfachste Schlüssel dazu jedermann fehlt? Wo sind z.B. unsere Händels, Vivaldis, Kurt Weills, unsere Offenbachs?
Ist Andrew Lloyd Webber wirklich deren heutiges Äquivalent? Warum ist es keiner von uns? Warum kommt anspruchsvolle zeitgenössische Musik z.B. im anspruchsvollen zeitgenössischen Film so gut wie nicht mehr vor?
Warum VERMISST man uns nicht?

Die Diskussion ist eröffnet :-)


Das hat sich jetzt mit Theos

Das hat sich jetzt mit Theos Beitrag überschnitten, verzeiht also diesen vielleicht hoffnungslosen Versuch, die Diskussion noch einmal in Gang zu setzen….


...Du weißt doch - und das

…Du weißt doch - und das gilt gerade auch für unsere musikalische Avantgarde: Die Hoffnung stirbt zuletzt…


Hallo, ich melde mich

Hallo,

ich melde mich hiermit zurück. Einerseits gab es einfach sehr viel zu tun, andererseits hatte ich keine Lust, anonyme Beiträge zu lesen, geschweige denn zu beantworten. Es ist schon traurig, dass es so viele neiderfüllte Kleingeister in unserer Szene gibt, die sich lieber falsche Namen (oder gar Namen anderer Personen!) zulegen, um “Kritik” zu üben oder mich auf absolut lächerliche Art und Weise belehren.
Um sachliche Diskussion ging es jedenfalls den anonymen Kommentatoren nie. Denen sei einmal empfohlen, nach der Definition eines “Blogs” Ausschau zu halten. Ich zitiere aus der Wikipedia-Definition: “Ein Blog ist ein für den Herausgeber (“Blogger”) und seine Leser einfach zu handhabendes Medium zur Darstellung von Aspekten des eigenen Lebens und von Meinungen zu oftmals spezifischen Themengruppen.”

Aber mit Begriffen wie “eigenes Leben”, oder gar mit einer “eigenen Meinung” können offenbar einige nichts anfangen.

Nebenbei sei aber auch bemerkt, dass ich per Email viele Gratulationen zu meinem Blog erhalten habe.

Jetzt zu dem letzten Beitrag von Moritz Eggert. Ich bin nicht immer seiner Meinung, wie diese (absolut nötige) Erhöhung der Relevanz von Neuer Musik zu realisieren sei (aber er hat ja noch gar nicht mit konkreten Vorschlägen angefangen… also los, Moritz ;-)

Aber einen Vorschlag hatte ich ja bereits auf meiner Anreise nach Darmstadt gemacht:

Wenn ich doch wohl widerspruchsfrei behaupten kann, Darmstadt sei das “Klagenfurt der Neuen Musik”, dann sollten die Darmstädter Ferienkurse doch ebenso von der Medienpräsenz, wie sie den meist jungen Autoren in Klagenfurt zugute kommt, profitieren können.
Dazu sei gesagt, dass ich selbst ein großer Bachmann-Preis-Freund bin - und die offene Jury-Diskussion immer als höchst unterhaltsam empfinde.
In Klagenfurt ist es ja so, dass jeweils zwei Autoren von einem der Jurymitglieder eingeladen werden. Wenn dann in dem Fall, dass ein Text bei der Lesung seine Wirkung überhaupt nicht entfalten konnte, der entsprechende Juror bis zum Ende der Abstimmung an “seinem” Autor festhält, kann das schon einmal sehr peinlich wirken. Jeder weiß Bescheid: das macht er nur, weil…

In der Neuen-Musik-Szene wird so etwas gerne vertuscht (obwohl jeder der Eingeweihten weiß: bei diesem oder jenem Wettbewerb gewinnt zum x-ten Male ein Schüler des Juryvorsitzenden… aber dazu wird es bald einen interessanten Artikel von mir geben… vielleicht wird er ja in der nmz erscheinen? ;-)

Deshalb sollte 3Sat (und wenn jetzt einfach jemand antwortet: Lücker, illusorisch! überhöre ich das einfach mal) in Zukunft die Studiokonzerte live übertragen (bzw. die Studiokonzerte erst einmal qualitativ aufwerten, durch langfristige Vorbereitung der Instrumentalisten) - und danach die Jury offen über die Stücke diskutieren lassen.

Das wäre doch schon einmal eine feine Sache. Und unterhaltsam wäre es auch.

Beste Grüße,

Arno Lücker


Hallo, nachdem ich den

Hallo,

nachdem ich den Darmstadt-blog aufmerksam verfolgte, dort zitiert wurde(vielen Dank), über Kommentare entsetzt war, möchte ich doch zu dieser Diskussion beitragen, indem ich erst einmal Moritz Eggert und Dir, Arno, für eure Beiträge danken möchte, an die ich nun anzuknüpfen gedenke.
Dass niemand die Neue Musik vermisst ist tragisch und das mir sympathisch erscheinende Bild vom Streik würde in der Tat verpuffen und noch nicht einmal dazu führen, dass ältere Werke ins Repertoire übergehen würden. Das generelle Problem der meisten Festivals ist, dass sie mit dem event-versprechenden Begriff der Uraufführung locken und somit viel kreatives Potenzial verheizt wird. Mittlerweile ist selbst (für Donaueschingen) die Zwanzig-Minuten-Längenvorgabe unerträglich, da jeder Komponist anders mit Zeit und Länge umgeht. Die Begründung, dass man somit vier Stücke in ein Konzert unterbringen und auf einer CD zusammenfassen kann, ist aus künstlerischer Sicht nicht hinnehmbar.
Was die Nicht-Offenheit der Jury-Diskussionen betrifft, so sehe ich dort noch weitere Problempunkte. Es ist nicht nur so, dass, wie schon erwähnt, immer wieder, auch und vor allem in Darmstadt, Schüler von Jurymitgliedern Preise einheimsen. Sie geraten dadurch – gut zu sehen an Armin Köhlers Präsenz in Darmstadt, ohne ihm guten willen abschwatzen zu wollen – in ein unglaublich versteiftes aber den „Insassen“ materiellen Erfolg versprechendes Karussell von Folge-Kompositionsaufträgen, die anderen, die nicht bei Person X studiert haben, verwehrt bleiben. Was dabei aber völlig auf der Strecke bleibt, sind die Stücke selber, beziehungsweise das, was sie selbst auszeichnet. Offenbar haben sehr viele Personen in wichtigen Positionen (etwa Redakteure beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk), die über Auftrags-Vergaben entscheiden, nicht mehr das Fachwissen und die Erfahrung, um selbstständig und unabhängig solche Entscheidungen zu treffen, obwohl genau diesen Personen, gerade weil alles subventioniert werden muss, ein Höchstmaß an Verantwortung obliegt. Doch, wenn selbst derartige Leute nicht mehr das Fachwissen haben, was ist dann mit dem „Rest“ der Gesellschaft. Die Neue Musik hat sich immer weiter von der öffentlichen Wahrnehmung entfernt und eine Chance, dass sich das ändert, sehe ich kaum. Auch Arnos Vorschlag, die Studiokonzerte auf 3sat zu übertragen (hätte mich persönlich wegen meines Flötenstücks sehr gefreut) ist wundervoll, aber es ist eben leider so, dass selbst im täglichen Magazin Kulturzeit auf 3sat Musik, geschweige denn Neue Musik kaum stattfindet. Und wer dies nur mit der Dauerpenetration durch Pop begründet, sieht eben nicht, dass wir und unsere Dogmen uns einen großen Teil des Dilemmas selbst eingebrockt haben. Leider ist aber auch kaum jemand bereit, für unbequeme Kunst, egal welchen Genres, Zeit und Geld zu opfern. Ein modernes Gemälde tut aber eben weniger weh als hochdissonante Musik, die halt oftmals, und das ist ein Riesenproblem, nur um ihrer selbst Willen oder dem Wunsch nach up-to-date Sein so klingt. Ein künstlerischer Ausdruckswille, ein nötigerweise auszudrückender Protest, ein Unbehagen über Entwicklungen in unserer Gesellschaft, findet kaum Eingang in die Neue-Musik-Produktion. Ich möchte hiermit nicht fordern, dass Kunst unbedingt politisch sein muss, doch sollte sie einem Ausdruckswillen entspringen und nicht nur einem Hirn, das eben in der Lage ist, Musik zu schreiben. Denn das Resultat hörten wir in Darmstadt: immer und immer wider unerträglich lange Stücke, bei denen man das Gefühl hat, hier habe der Komponist/die Komponistin nichts zu sagen.
Dass es Leute wie Arno Lücker gibt, die den Mund völlig zu Recht öffnen, sollte nicht mit derart verachtender Kritik, sondern mit Dankbarkeit wahrgenommen werden. Ich finde es unmöglich, dass ein in Darmstadt anwesender Student forderte, man solle solchen Leuten die Einreise nach Darmstadt und Donaueschingen verweigern. Das ist in hohem Maße gefährlich und erinnert stark an Zensur. Und das Argument, in Ruhe gelassen zu werden, ist schlichtweg lächerlich. Und dass Du, Arno, dann auch noch vermutest, wegen deiner Äußerungen nie in Donaueschingen gespielt zu werden, zeigt nur, dass Entscheidungsträger, wie hier Herr Köhler eben oftmals gar kein Interesse haben, die oftmals offensichtliche Qualität, gerade eines Stückes von einem Komponisten mit unbequemer Persönlichkeit (nichts für ungut) zu erkennen. Die Neue Musik hat in ihrem Innenleben einen Mainstream entwickelt, den die Avantgardisten der 1950er Jahre garantiert nicht avisierten. Deshalb sollte das besprochene Neue-Musik-Bingo eigentlich in keinem Konzertprogrammheft fehlen. Ich bin mir sicher, dass auch viele beteiligte Interpreten begeistert mitspielen würden und sich hoffentlich einige jüngere Vertreter der komponierenden Zunft fragen, warum sie gerade das crescendo ins Nichts (sicherlich der belastendste akustische Allgemeinplatz) schrieben.
Überhaupt scheint Reflexion nicht stattzufinden. Umso dankbarer schätze ich mich, einen Hauptfachlehrer zu haben (ihn mit Arno zu teilen), der genau das fordert und der sich, wegen häufiger polemischer Bemerkungen und Schriften, leider auch keinen sehr großen Gefallen für seine Komponistenkarriere getan hat, sich aber dennoch zu etablieren vermag, auch ohne Dozentur in Darmstadt und ohne großen Auftrag in Donaueschingen.
Vielleicht sollte man vor allem eine Zeit lang eben dieses Darmstadt-Donaueschingen-Fachmessen Karussell boykottieren und nicht in den Kompositions- sondern in den Teilnehmerstreik treten, und gerade die dadurch entstehenden zeitlichen Freiräume zum Komponieren und Nachdenken nutzen.

Ebenfalls beste Grüße,

Rainer Schöbe


ich kann heute nur kurze

ich kann heute nur kurze Anmerkungen machen, aber ich lese hier immer was von “Schüler-Aufträge”, “Hauptfachlehrer”, “…wenn er nicht Student von X ist”. Ich muss gestehen, dass mir eine solche Diskussion völlig fremd ist. Mir hat mein Hauptfachlehrer das Komponieren beigebracht und mir auf die Sprünge mit meiner künstlerischen Persönlichkeit geholfen. Ich verdanke ihm aber nicht eine einzige Aufführung und bin auch sehr froh darüber, denn ich meine schon, dass ein Lehrer, sorry, ein C3 oder gar C4-Professor arg seinen Beruf verfehlt, wenn er zum Aufführungsbeschaffer für fehlgeleitete Hobbykomponisten wird. In diesem Themendunstkreis muss spätestens jetzt das Wort “Marketing” fallen und ich hatte gerade erst ein sehr anregendes, aber auch enervierendes Gespräch mit einem Marketingmenschen, der mir sämtliche bekannten Neue-Musik-Klischees runterbetete (elitär, kein Publikum, unverstanden, “Insassenmusik”) - Unabhängig von falsch oder richtig ist die Diskussion hier natürlich eine des (Self-)Marketings, sei es in Darmstadt, wo trotz katastrophaler Logistik mit diesem Begriff offenbar recht offensiv umgegangen wird, sei es an Musikhochschulen, wo den Komponiervögeln statt fliegen beigebracht wird, wie lukrativ eine Miles&More-Karte sein kann… - Man hat ein bißchen im Hinterkopf, wie in den letzten 10-15 Jahren das Kulturradio “abgewickelt” wurde - da ging es auch um Marketing, “Hörergewinnung”, “für jeden was dabei” usw. Solche Gefahren sehe ich hier auch. Ist es nicht an der Zeit, aus der kreativen Ecke über ein QUALITATIVES Marketing nachzudenken, wie immer das aussehen mag? Oder wäre das utopisch bzw. die Quadratur des Kreises im individual geprägen Komponistendasein?


Hallo mehrlicht, da liegt

Hallo mehrlicht,

da liegt wohl ein Mißverständnis vor. Ich meine nicht, dass Porfessor X seinen Schülern Aufträge oder Aufführungen verschafft, sondern, dass es allzu oft vorkommt, dass X in einer Preisjury sitzt und sein Student den Preis bekommt. Und das ist eben der Hauptgrund, weshalb Juryentscheidungen öffentlich gemacht werden sollten. Deshalb fällt hier auch immer wieder und völlig zu Recht der Vergleich mit dem Bachmann-Preis. Man soll sich als junger Komponist einer Diskussion stellen können und nicht von “Vitamin B” leben oder unter nicht vorhandenem “Vitamin B” leiden. Die Stücke selbst sollen zählen. Ich persönlich bin heilfroh, dass mir bisher kein solcher Preis verliehen wurde und es wäre mir auch höchst peinlich, wenn ich mir danach einen solchen Vorwurf, wie nicht nur ich ihn anbringe, anhören müsste und jener Vorwurf auch noch zutreffen würde. Was das Marketing angeht, so ist das in der Kunst ja immer ein heikles Thema und man muss sich schnell einen Karrierismus-Vorwurf gefallen lassen. Man kann jedoch durch Eigeninitiative sehr sehr weit kommen. Gute Kontakte zu Interpreten/Dirigenten aufbauen und halten, selbst Auftritte organisieren, sich eben hier und da immer wieder einmischen. Ich bin ganz ehrlich gesagt nicht sicher, ob es vernünftig ist, als Komponist großem materiellen Erfolg entgegenstreben zu wollen. Das Ziel sollte sein, gehört werden zu wollen, etwas auf immer größeren Bühnen sagen zu können, nicht dabei das große Geld zu machen. Das ist heutzutage naiv in diesem Metier. Dass man von etwas leben können muss steht außer Frage, aber das ist ja hier nicht Teil der Diskussion. Das sollte jeder für sich entscheiden. Und so sehe ich das auch mit Marketing-Tipps. Ich denke nicht, dass es DAS Erfolgsrezept gibt. Da spielen leider im Neue-Musik-Karussell eben auch quasi mafiöse Strukturen eine Rolle, und genau diese gilt es, hier zu benennen und zu kritisieren.


Kein Missverständnis liegt

Kein Missverständnis liegt vor. Ich wollte auch in der Zusammenfassung meines Eindrucks der bisherigen Kommentare mehr auf den äußerst schmalen Grad zwischen “Marketing”-“Beziehungen”-“Kontakte” (das brauchen wir alle, sonst hätten wir alle GAR keine Aufführungen) und eingefahren-lobbyistischen Strukturen aufmerksam machen. Wenn man das an so etwas Konkretem wie Jurysitzungen festmachen kann, um so besser.


Da wird sich Schulzi wieder

Da wird sich Schulzi wieder über das unglaublich “niedrige” Niveau eurer Beiträge ärgern, zittert schon jetzt vor seinem heiligen Zorn!

Nein, im Ernst: Sehr gute, sehr konstruktive Beiträge von euch allen, danke dafür! Ich freue mich besonders darüber, dadurch auch neue junge Kollegen kennenzulernen.

Greifen wir mal den Faden von den “mafiösen Strukturen” auf, bevor wir vielleicht/hoffentlich zu der wichtigen Frage “Was können wir ÄSTHETISCH tun” kommen.

Auf die grosse Gefahr hin, wie R. Schulz zu klingen, wenn er davon spricht, dass es “ja schon immer schlechte Musik gab, was wollt ihr denn”: die Kritik an den “mafiösen Strukturen” fand ich tatsächlich einen der weniger zwingenden Teile Deines Blogs, Arno (da konnte ich Reinhards Ärger darüber ein wenig verstehen), weil man solche Strukturen natürlich eigentlich überall nachweisen kann wo es Förderung und Entscheidungen darüber gibt.
Ich will jetzt wirklich nicht wie ein oller Alter klingen, der euch mit seiner bescheidenen Erfahrung in diesen Dingen zuschwätzen will, aber als ich in eurem Alter war, kam mir auch vieles als mafiös und undurchdringlich vor, was sich letztlich dann doch als wesentlich offenere und komplexere Struktur im Fluss erwies.
Das Problem ist natürlich die unglaublich kleine Grösse der Szene, jeder kennt jeden, und daher ist es schwer, Bekanntschaft von Wertschätzung zu trennen.
Wolfgang Rihm kennt zum Beispiel unglaublich viele Komponisten, als Schüler wie auch als Kollegen. Viele wollen auch ihn kennen, zum Teil wird er ja so aggressiv von preisgeilen Kollegen belagert, dass er ganz schlimmen pickeligen Ausschlag am Kopf bekommt (kein Witz, habe ich selber mal gesehen!). Da fällt ihm dann manchmal auh nix mehr ein als “The Idea is in the Room” (großartig, dass das von Arno festgehalten wurde!).
Wenn er also nun irgendwo einen Preis zu vergeben hat, ist die Chance hoch, dass er den Preisträger irgendwann mal kennengelernt hat, ja, es könnte auch sein Schüler sein. Das hat aber nichts mit Verschwörungen zu tun - ihr dürft nicht vergessen dass ja auch ein Schüler von Rihm erst einmal einen Auswahlprozess bei ihm (Aufnahmeprüfung) durchmacht, bei dem es anfangs ganz neutral zugeht, da er den Studenten ja noch nicht kennt, sicherlich gibt es aber bei Erfolg auch später Wertschätzung dessen Arbeit, die er dann natürlich auch gedanklich nicht auslöschen kann, wenn es um Preisvergaben geht.
Es heisst oft XY “puscht” seine Schüler/Protegés, und ja, natürlich ist etwas dran an der Vermutung, dass viele sich auch mit dem Erfolg “ihrer” Leute schmücken wollen (ambitionierte Lehrer sind ja auch nicht unbedingt etwas Schlechtes), andere wiederum sich zu kurz gekommen fühlen. Das ist im Literaturbetrieb, im Kunstbetrieb, Filmbusiness ganz genauso. Überall wo es freie Förderung gibt, wird es auch mal ungerecht sein, A bekommt etwas, B verdient es mehr, B ist sauer, etc. Genau wie bei Verschwörungstheorien kann man immer irgendwem nachträglich nachweisen, den und den gekannt zu haben
Denkt zum Beispiel an den Beitrag der Dame, die mich damit angegriffen hat, ich würde Arno (Lücker) ja sicherlich auch bald einen Auftrag für ADEvantgarde geben, weil ich ihn hier so unterstützen würde.
Wenn ich das nun tatsächlich tue, würde sie mir sofort Nepotismus vorwerfen, obwohl ich Arno tatsächlich durch seine Arbeit zuerst kennengelernt habe, lange vor seinem Blog. Soll ich nun Arno allein deswegen, weil das so mißverstanden werden könnte, nie wieder einen Auftrag geben? Das ist doch dann auch ziemlich verquast, denn ich schätze ja seine Arbeit wirklich. Ähnliche Beispiele liessen sich endlos finden.

Ich glaube wir haben im Vergleich zu anderen Ländern sogar noch eine relativ privilegierte Situation, da es doch in Deutschland ein relativ grosses “weites Feld” an Förderungen gibt. Da mag dann die eine Szene eine bestimmte undurchdringliche Gruppe bilden, aber es gibt dann eben auch andere Szenen. Ich habe inzwischen viele, viele Karrieren von jungen Komponisten beobachtet, darunter auch die von sehr rebellischen, kompromißlosen, unangepassten, und auch die haben ihre Stipendien, Preise, Auszeichnungen bekommen, mancher früher, mancher später. Ich denke jeder hat eine Chance, irgendwann mal von irgendwem gefördert zu werden - man sollte Preise etc. auch nicht überbewerten, letztlich entscheiden andere Dinge über eine wirklich dauerhafte Laufbahn, und dazu gehört, da hat Rainer ganz recht, vor allem das Ringen um eine möglichst aussagekäftige kompositorische Arbeit. Ich kann aber den Frust durchaus nachvollziehen, denn die meisten jungen Komponisten haben ja - ohne übertriebene Wunschvorstellungen zu entwickeln - akute Geldsorgen.
Die Zahl der hochdekorierten Komponisten die danach tatsächlich aus dem Blickfeld verschwinden ist aber Legion. Als mir mein Lehrer Killmayer (nun auch wirklich alles andere als ein “Puscher” seiner Schüler, ganz im Gegenteil) mal eine Liste der Komponisten vorlas, die zu seiner Jugendzeit (50er Jahre) alles absahnten und auf die alle eifersüchtig waren, kannte ich keinen einzigen der Namen!

Nichtsdestotrotz ist natürlich die Kritik an Insitutionen wie Darmstadt und Donaueschingen, die immer wieder beanspruchen, die Totalität der Szene darzustellen, aber letztlich genauso klein und ausschnitthaft wie jedes andere Festival sind, berechtigt. Und gerade deswegen müssen sie sich auch einer härteren Form von Kritik stellen als andere Festivals, und dürfen dann auch nicht die beleidigte Leberwurst spielen, wenn dies z.B. hier geschieht. Das gehört zu einer Diskussionskultur (siehe unten).
Als positives Beispiel mag die Gaudeamus Music Week dienen, die es sich ja zum Prinzip gemacht hat sich einerseits wirklich nur auf die ganz Jungen zu konzentrieren, andererseits eben auch die Juroren und Auswahlgremien stets radikal auszutauschen, sodaß diese Art von Vorwurf nur schwer gemacht werden kann. Das heißt zwar nicht unbedingt, dass die Qualität in jedem Jahr super ist, aber es handelt sich dennoch um einen relativ offenen Raum, in dem es zwar sicherlich auch Nepotismus gibt, aber halt jedes Jahr einen anderen :-)

Zum Vorschlag “Bachmann-Preis in Darmstadt”, den ich ja irgendwie originell finde: Du solltest mal mit jungen Literaten sprechen, Arno, wie die so den Bachmannpreis finden - Du wirst nur Jammern und Klagen hören, wie schrecklich das alles sei. Tatsächlich ist der Bachmannwettbewerb sicherlich eine für die Teilnehmenden grauenhafte Veranstaltung und nur eine bestimmte Form von “Sensations”-Literatur kann gewinnen. Rein ästhetisch würde uns das kaum weiterbringen.
Andererseits bringt der Bachmann-W. schon etwas hervor, was uns in der Neuen Musik-Szene vollkomen abgeht, nämlich eine unterhaltsame kontroverse Streitkultur mit Öffentlichkeitswirkung. Beim Bachmannwettbewerb sind ja nicht nur die vorlesenden Autoren sondern auch die Juroren im Blickpunkt der Kritik, Literatur wird als eine aufregende, leidenschaftliche, hochemotionale Sache vermittelt, man merkt, dass es hier dann doch um etwas geht, ein Ringen um eine Zeitästhetik, wie auschnitthaft das dann auch letztlich sein mag. Ich denke so etwas könnte uns daher durchaus gut tun, wir sollten es nur nicht in seiner Bedeutung für die Kunst selber oder für die Erhöhung von Preisvergabegerechtigkeit überschätzen, es wäre alleine etwas für die Vermittlung von Neuer Musik als etwas Spannendem, und da wäre auch soetwas wie ein “musikalisches Quartett” eine lustige Sache.

Und unsere lieben Kritiker (z.B. Reinhard, hörst Du noch zu?) könnten auch sehr davon profitieren, ihr doch inzwischen relativ eingefahrenes Lob-und Tadelvokabular auch mal live zu erproben, und vor allem einmal (man darf ja noch Träume haben) um ein oder gar zwei neue Formulierungen zu erweitern. Vor Publikum wären sie dazu ja quasi gezwungen - ein DJ kann ja auch nicht immer dieselben Platten auflegen.

Wer könnte unser grantelnder Reich-Ranitzki sein? Und sagt jetzt bitte nicht: “Du” :-)


Ich möchte auf Herrn

Ich möchte auf Herrn Eggerts Äußerungen zur Resonanzlosigkeit der Neuen Musik eingehen:

Selbstverständlich wünsche ich mir, die Neue Musik wäre bekannter und würde etwas mehr Aufklärerisches in der Gesellschaft bewirken. Aber ich bin entschieden gegen die Auffassung, dass dies die Schuld der Komponisten sei, die eben unverständliches Zeug auf Kosten der subventionierenden Allgemeinheit schrieben. Subventioniert werden ja auch noch ganz andere Minderheiten, die alle einen kleinen Beitrag zum kulturellen Leben leisten. Die Wirkungen sind nicht so leicht messbar und Größenwahn sowieso fehl; auch ein schlechtes Gewissen wegen der Subventionen kann man sich getrost schenken. Ein Bach lebte von Kirchensteuern, und seine Musik entfaltete erst 100 Jahre nach seinem Tod breite Wirkung. Die Kunst braucht Autonomie und muss unbedingt schwierig sein und die höchsten emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten des Menschen herausfordern; das nur ist humane Kunst. Wir brauchen also Vermittlung, und da, ich getraue es mich kaum zu sagen, bin ich optimistisch. In immer mehr Abo-Konzertreihen werden neue Stücke oder zumindest Klassiker der Moderne platziert, unlängst wurde das “Netzwerk Neue Musik” zur Vermittlung eingerichtet, bei Jugend Musiziert wird Neue Musik mittlerweile ziemlich selbstverständlich akzeptiert, und durch die Allpräsenz der Neuen Medien gelangt auch Elektronische Musik zu immer größeremVerständnis. Kein Anlass, die Hände in den Schoß zu legen, aber alles gute Impulse in die richtige Richtung, die auch mal mit der ewigen Jammerei aufräumen können. Falsch aber: Am Schreibtisch an mehr Verständlichkeit denken. Die Neue Musik ist so schwierig wie die Welt und das menschliche Fühlen und Denken es sind. Das muss vermittelt werden. Es bringt Nichts, etwas Leichteres vorzugaukeln.

Herr Eggert, Sie fragen sich nun, warum es diese Entfremdung gibt? Sie hätten bei Adorno längst Antworten gefunden, wären Sie nicht so borniert antiintellektuell und lamentierten herum, statt sich endlich wirklich mit Musiksoziologie zu beschäftigen. Die Fragen sind so neu nicht.

Peter


Lieber Peter Blum, vielen

Lieber Peter Blum, vielen Dank für die Benennung als “bornierter Anti-Intellektueller”, das kommt in meine Sammlung für mein nächstes T-Shirt! Nur aus einer detailgenauen Kenntnis meiner Person und meiner Arbeit kann natürlich eine solche Aussage kommen - Hut ab vor soviel Hingabe und Kenntnis, das finde ich ganz toll!

Ich war auch schwer beeindruckt von Ihrem tollen Bach-Beispiel (erst 100 Jahre nach seinem Tod wurde er “verstanden”, Mann oh Mann, das hatte ich noch nie gehört, dieses Argument, mich hat das glatt umgehauen, neue Welten taten sich auf, etc…). Mir war auch nicht bewußt, dass das Netzwerk Neue Musik jetzt so tolle Sachen macht, und das jetzt sogar bei Jugend Musiziert modernere Musik als sonst gespielt wird - Wahnsinn! Alles wird gut! Irre, dass wir wieder in den Konzertprogrammen vorkommen, ich hatte das glatt verschlafen!

Ich stimme ihnen übrigens voll zu - die Neue Musik muß so schwierig sein wie die Welt. Ein wahrer, großartiger Satz von Ihnen. Das fände ich nämlich auch mal schön, dass die Welt wieder in der Neuen Musik vorkommt und nicht mehr die Schwierigkeiten, die sie mit ihrer eigenen kleinen Welt hat, die aber sonst keinen interessieren. Insofern haben Sie hier ein ganz wichtiges Argument für die Diskussion gebracht, die Sie aber dann auch wieder gar nicht wollen, seltsam…

Letztlich bin ich übrigens auch kein Freund des Lamentierens - und unser Lamentieren der letzten Jahrzehnte in denen die Schuld für die allgemeine Ignoranz gegenüber Neuer Musik immer wieder auf dieselben Schuldigen geschoben (der böse Kommerz, die schlechte Kulturakzeptanz, etc.), aber nie und nimmer sich mal an die eigene Nase gefasst wurde, geht mir auch ziemlich auf den Sack.

Und die Antwort darauf ist weder Pop noch Kommerz, das interessiert mich selber übrigens genauso wenig wie Sie, auch wenn man mir das gerne unterstellt, sondern eine höhere Relevanz der musikalischen Sprache selber.
Wie dies zu erreichen ist, darüber würde ich gerne hier diskutieren, gerne auch mit Ihnen. Natürlich sind diese “Fragen so neu nicht”, da haben Sie ganz recht, nur leider wurden sie von den großartigen “Musiksoziologen” bisher nicht beantwortet, sonst müsste es auch keine Darmstadt-Blogs geben und wir wären alle glücklich.

Aber jetzt muß ich mich dringend wieder einer möglichst antintellektuellen Tätigkeit hingeben, mein Hirn ist schon total überfordert von Ihren unglaublich radikal neuen Argumenten, die an Tiefe und Schärfe wirklich den letzten IQ-Punkt fordern, Flipperspielen z.B.,. Wie wär’s mit einer Partie? Im Gedenken an Rainer Werner Fassbinder zum Beispiel, der hat gerne Flipper und auch Fußball gespielt, und war ja bekanntlich auch einer der allerborniertesten Antiintellektuellen…


Auf Herrn Eggerts Sottisen,

Auf Herrn Eggerts Sottisen, mit denen er nur meint, lauthals seine Inkompetenz kaschieren zu können, gehe ich bestimmt nicht wieder ein.


Ich möchte mal versuchen zu

Ich möchte mal versuchen zu “vermitteln” ;)

Zunächst ist einmal schlicht das zugrundeliegende Problem, dass in diesem Forum eine so komplexe musiksoziologische Frage den Rahmen sprengt. Ob Adornos These der arbeitsteiligen Entfremdung oder Luhmanns funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaftssysteme, dem kommen wir hier nicht bei (wenn ich aber natürlich derlei Lektüre allen Beteiligten ans Herz lege ;) ). Anschaulicher ist beispielsweise der Disput Lachenmann-Henze, wo man es eigentlich konkret auf Musik reduzieren kann: Henze verwendet Alberti-Bässe, die einen Verständnishorizont aus der Tradition bei den Menschen haben, Lachenmann sieht darin genau die falsche, fadenscheinige Kommunikation und beharrt aufs Geräuschhafte, aufs Fremde, den Erfahrungsgewinn für den Hörer. Unversöhnliche Positionen, die auch heute durch Darmstadt und Donaueschingen und selbst durch Jugend Musiziert geistern.
Klar: Bildung, Bildung, Bildung tut immer Not. Aber Komponisten können durchaus auch überlegen, was zu mehr Nähe zur Realität führt. Ein Realitätsbegriff ist natürlich anfechtbar, aber ich möchte doch ein paar konkrete Beispiele geben:

- Am Namen wird schon Vieles deutlich. Muss ein Musikstück “Inkubus” heißen? Auch das Schielen nach den alten Griechen sieht verdächtig nach Verklärung aus. “Differenz/Wiederholung” dagegen halte ich für sehr präzise und gewiss nicht flach. Das setzt sich dann in den Programmtexten fort.

- Besetzungen: Neues wagen. Wir haben genug Flötensolostücke. Nichts gegen die Flöte, aber einfach mal kombinieren, und nicht nur mit Klavier, sondern mit iPod, Schmirgelpapier, Youtube-Videos. (Richtig schlimm sind viele Kompositionswettbewerbe, die die Fantasie preiswinkend auf altertümliche Instrumentenbesetzungen eindampfen. Boykottieren / Abschaffen!) Auch wenn es etwas Oberflächliches an sich haben sollte: Nach den vielen Ensemblegründungen seit den 1980ern und dem daraus entstandenen, sprichwörtlichen “Neue-Musik-Ensembleklang” ist einfach mal Tapetenwechsel nötig, das erfrischt alle.

- Elektronik: Muss nicht immer nach Weltraum klingen. Wir alle haben Elektronik zu Hause, und was kommt da heraus? Popmusik, Rauschen, Werbung etc. Das kann man auch für Neue Musik (dekonstruiert) verwenden, dann ist die Elektronik auch real “verlinkt”. Gleichfalls kann ich es mir mit Feldaufnahmen vorstellen. Für die Instrumentalmusik ist die Musik N.A. Hubers ein mögliches Vorbild. Ich plädiere für Sachlichkeit und gegen Pathos und Mythenmuff.

- Medien: Komponisten könnten sich noch viel mehr im Netz präsentieren. Aufnahmen, Texte, Filme - raus damit! CD ist der absteigendste Ast überhaupt, Hinweisen auf Publikationen in Fachzeitschriften von vor 10 Jahren geht doch praktisch keiner nach und ein kompositorisches Profil, was nicht irgendwie auch mit ein paar wenigen Sätzen zu umreißen ist wird kaum Interessierte näher heranlocken.
Es ist doch toll, dass wir neue Medien haben! Damit kann man den oft einmaligen Aufführungen Neuer Musik wirksam Fortsetzung verschaffen. (Zugegeben steht dem leider (noch) die Rechte-Frage oft im Weg, und die Frage, wie Komponisten dann Geld verdienen. Wahrscheinlich auch weiterhin mit Subventionen, oder der aktuell in die Diskussion gebrachten Kulturflatrate.)

Ich glaube, es gibt einige junge Komponisten, die in diese Richtungen gehen. Wahrscheinlich sind sie aber nicht in Darmstadt anzutreffen, da Darmstadt erfahrungsgemäß nicht den Boden dafür bietet. Denn natürlich haben andererseits die Organisatoren eine Bringschuld, eben z.B. neue Medien auch ermöglichen.

Pit


sehr guter Beitrag,

sehr guter Beitrag, pitklong!

Ich will hier nicht zuviel “bandwidth” verbrauchen, komme aber nicht umhin zu bemerken, dass es schon frustrierend ist, dass diejenigen, mit denen man sich eigentlich gerne argumentativ auseinandersetzen würde, sich immer wieder meist nur ein einziges Mal in die Diskussion einschalten, dann ablassen, wie unter ihrem Niveau alles ist und dann jeglicher weiterer Diskussion ausweichen.
Die Inkompetenz und Borniertheit eines Gegenübers einfach mal schnell zu behaupten kostet nicht viel, ist aber letztlich ein ziemlich lahmes Argument, wenn es unbegründet bleibt und nicht durch eine Folgediskussion untermauert wird.
Darauf kann man tatsächlich nur mit Sottisen antworten, denn irgendwie erwartet man schon mehr als das von einem Gegenüber, mit dem man ja gerne ganz normal und respektvoll ohne gegenseitige Beleidigungen reden würde.

Schlag nach bei Adorno, Dummerchen” reicht auch nicht als Argument aus, denn Adorno würde zu Recht angesichts der momentanen Denk- und Diskussionsfaulheit der Altavantgarde mehr als nur die Nase rümpfen. Er gab seine Antworten aus den Notwendigkeiten seiner Zeit heraus, was sind aber die Antworten für UNSERE Zeit, fast 60 (!) Jahre nach der “Philosophie der Neuen Musik”? Kann man da wirklich alles noch so stehen lassen, unter den komplett veränderten Bedingungen der heutigen Kulturlandschaft, wie oben von pitklong richtig beschrieben?
Wenn jede Musikphilosophie ewig gültig ist, müssten wir heute noch nach Plato bestimmte Tonarten verbieten, da sie uns zu verweichlichten Kriegern machen. Die Diskussion muss also weiter gehen, erneuert werden, sich immer wieder neu erfinden. Habt doch den Mut dazu und nehmt auch mal war, dass eine Unzufriedenheit nicht grundlos entsteht. Interessiert euch dafür, ignoriert es nicht, damit würdet ihr eine noch existierende Neugier beweisen.

Michael, Reinhard, Peter: kommt doch mal mit Argumenten, warum Neue Musik genauso wie heute sein muß, und warum keine ästhetische Neubesinnung nötig ist. Erklärt mir, warum sich nichts öffnen soll, sondern es besser ist, alles so zu lassen wie im Moment. Erklärt mir, warum Adorno heute immer noch 100% Recht hat, und warum sich Neue Musik in eine behauptete Subversität zurückziehen muß, die nun wirklich überhaupt niemandem mehr weh tut. Erklärt mir, warum ich mir nur einbilde, dass der Unmut der jungen Kollegen jährlich zunimmt, und die Zahl der “Neue Musik-Aussteiger” ebenso.
Zeigt mir auf, warum ich mir keine Sorgen machen muß, wenn ich wie die meisten Kollegen an den Klischees des “Neue Musik-Bingos” inzwischen schier verzweifle.

Oder, wie es Teddy schön sagte: “Wer denkt, ist nicht wütend”.


...hier gibts keine

…hier gibts keine “bandwith” zu verbrauchen, hier wird hoffentlich nicht übermäßig notwendig genau gerechnet. Wünsche ich mir sehnlich, gemafern und restlyrisch - oder wars lydisch - oder phrygisch - oder adornesk - oder bohlensisch? Kann Regensburger Rotwein (!) nur empfehlen. Spartanisch: Theo


Das könnte Sie auch interessieren: