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No future für das Musikland Österreich – Warum der ORF zu seinem Radio-Symphonieorchester stehen muss

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Nicht zum ersten Mal denkt der ORF laut darüber nach, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien loszuwerden. Schon 2009 sah sich der damalige Chefdirigent Bertrand de Billy genötigt, vom Podium weg eine Brandrede an das Publikum zu halten, die einen Empörungssturm der kulturellen Öffentlichkeit nach sich zog. Die damaligen Pläne, das Orchester auszugliedern, wurden abgewendet. Aus gutem Grund.

Seit einem halben Jahrhundert steht das RSO Wien für eine Programm-Balance aus Klassik/Romantik (die Wurzeln eines jeden Wiener Orchesters), Meisterwerken der Moderne von Schönberg und Strawinsky bis Boulez und Henze sowie zeitgenössischer Musik mit ungezählten Ur- und Erstaufführungen. Kein anderes österreichisches Orchester verschreibt sich in solchem Ausmaß aktuellen Kompositionen, gibt Musik in Auftrag, spielt sie wieder und wieder und präsentiert sie auf Gastspielen im Ausland. Furrer, Winkler, Neuwirth, Haas, Kühr, Gruber, Cerha ... you name it. Wer in Österreich Partituren für Orchester schreibt, hat in aller Regel den Klang des RSO Wien im Ohr. So soll das sein bei einem Radio-Symphonieorchester.

Ich hatte die Freude und Ehre, die Geschicke des RSO Wien als Orchesterintendant in den Jahren 2015 bis 2022 zu leiten. Dass heute, 14 Jahre nach dem unrühmlichen Angriff auf das Orchester, erneut ein Generaldirektor behauptet, seine Sparziele nur realisieren zu können, indem er das Orchester aus dem Portfolio seines Unternehmens herauslöst, ist finanziell unglaubwürdig, medienpolitisch respektlos, kulturpolitisch desaströs und menschlich beschämend.

Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien ist kein großes Orchester. Der ORF räumt dafür 83 Planstellen und 10 Akademist:innen ein. Für das romantische/moderne Repertoire ist das das Minimum. Kein deutsches RSO ist so klein, auch die beiden Wiener Orchester, das Niederösterreichische Tonkünstlerorchester, das Brucknerorchester Linz liegen bei deutlich über 100, manche bei 130. In den sieben Jahren, in denen ich das Budget verantwortet habe, blieben die Personalkosten stabil, ohne Stellen zu verlieren, selbst die tariflich ausgehandelten Gehaltssteigerungen wurden budgetär ausgeglichen. Die Disposition, die dafür notwendig war, hat den ohnehin bewunderswert fleißigen und belastbaren Musikerinnen und Musikern einiges abverlangt. Das Budget des Orchesters liegt bei rund 10 Millionen €, von denen es an die 2 Millionen € selbst einspielt. Wir reden also über jährlich 8 Millionen €, die der ORF für eine Abteilung mit 105 Personen nicht mehr ausgeben zu können vorgibt. Ich beteilige mich nicht an dem Spiel, darauf zu verweisen, an welcher Stelle sonst gespart werden könnte. Aber warum der ORF allen Ernstes wegen einer Einsparung von 8 Millionen jährlich seinen Ruf in der europäischen Kulturszene zu verspielen bereit ist, bleibt sein Geheimnis.

Der ORF ist die einzige öffentlich-rechtliche Medienanstalt in einem Land, das seit über zweieinhalb Jahrhunderten weltweit für seine Musikkultur gerühmt und besucht wird. Dass er nun den einzigen verbliebenen Klangkörper nicht mehr finanzieren will, ist eine verheerende Botschaft. Es geht hier nicht darum, darüber nachzudenken, ob man 16 ARD-Klangkörper reduzieren könnte, wie unlängst von WDR-Intendant Tom Buhrow angedacht. (Bezeichnend, dass niemand diesen Vorschlag aufzugreifen scheint.) Es geht darum, dass das erste Medienhaus eines europäischen Musiklandes auf ein musikalisches Lebenselexier verzichtet, trägt das Orchester doch wesentlich zum Programm des vielgerühmten Kultursenders Ö1 bei. Es geht um die geschichtsvergessene Auffassung, dass ein Medienhaus nicht für die Produktion von Kultur zuständig sei. Es geht um den Irrglauben, dass Kultur nicht zu den Kernaufgaben eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehöre. Kultur ist Bildung, ist Einladung zur Sensibilität, zum menschlichen Miteinander, und dass ein Sender überhaupt daran erinnert werden muss, zeigt, wie wenig Respekt das Direktorium des ORF vor der Geschichte des Mediums Rundfunk hat.

Ohne die Unterstützung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wäre die Geschichte der Musik seit den 1950er Jahren auch nicht annähernd so emotional aufrüttelnd, so sinnlich berührend, so intellektuell fordernd verlaufen. Karlheinz Stockhausen, Bernd Alois Zimmermann, Friedrich Cerha, das Musikprotokoll im steirischen herbst, Donaueschingen, Witten, der Warschauer Herbst ... das sind Komponisten und Festivals, die ohne das kulturpolitische Engagement des europäischen Rundfunks kaum gehört worden wären. Wird dem RSO Wien die Unterstützung des ORF versagt, verliert die zeitgenössische Musik den Boden unter den Füßen. Die nächsten Generationen junger Komponistinnen und Komponisten hätten kaum Aussicht auf Realisation ihrer Partituren. Die Mehrzahl der österreichischen Gebührenzahler wird das nicht bedauern. Aber diese kommt auch ohne Mahler, Bruckner und Mozart klar. Der ORF fühlt sich sicher darin, die Nische in der Nische zu verbannen. Wer aber die Musik von heute gering schätzt, stellt am Ende die gesamte „klassische Musik“ zur Disposition. Ein Desaster.

Schließlich geht es beim RSO Wien auch um 93 handverlesene, fantastische, neugierige, liebenswerte Musikerinnen und Musiker und ein Team aus 12 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hinter den Kulissen, die für ihr Orchester alles zu tun bereit sind. In diesem Unternehmen arbeiten Personen aus rund 20 Nationen mit einem Frauenanteil von fast 40%. Marin Alsop ist die einzige Chefdirigentin, die bis heute einem Wiener Orchester vorgestanden ist, eine weltweit anerkannte Dirigentin, die von Leonard Bernstein ausgebildet wurde, auf dessen Auftritte sich Wien so viel einbildet. Durch seine schiere Existenz zeigt ein Orchester, wie Völkerverständigung aussehen könnte, dass Diversity und ergebnisorientierte Präzision keine Gegensätze sein müssen. All dieser Menschen und ihrer Familien will sich der ORF entledigen, um 8 Millionen jährlich zu sparen. Ohne rot zu werden.

Generaldirektor Roland Weissmann bezeichnet sein RSO als „tolles Orchester“. In Wahrheit hat er seit 1. Jänner 2022 kein Konzert des Orchesters besucht. Im ORF hofft man auf Rettung durch die Regierung, die, erschrocken über die verheerenden Reaktionen auf die Hiobsbotschaft, die fehlenden 8 Millionen drauflegen und somit den Bestand des Orchesters sichern könnte. Die Rettung mag kommen, den Schaden aber, den der ORF an seinem Orchester anrichtet, wird noch lange sichtbar sein. Nur eine sofortige Korrektur kann sicherstellen, dass Veranstalter und Agenturen weltweit wieder mit dem RSO rechnen, dass sich die besten Musikerinnen und Musiker wieder auf freie Stellen im RSO bewerben, dass junge Komponistinnen und Komponisten wieder Partituren schreiben, dass das Musikland Österreich eine Zukunft hat.

 

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