Ohne „h“, dafür aber länger und mit Kalauern – Uraufführung der Neufassung von Rein Gold an der Staatsoper Berlin


(nmz) -
Intendant Jürgen Flimm, der anstelle des erkrankten Dramaturgen die Einführung in den Premierenabend übernommen hatte, nannte die Produktion rheinisch-launig eine seiner „schändlichen Ideen“, lobte den Regisseur Nicolas Stemann als ehemaligen Schüler und prognostizierte: „Sie können auch Buh rufen, das ist erlaubt, aber sie werden es nicht tun!“ Der Hausherr hat Recht behalten.
10.03.2014 - Von Peter P. Pachl

Die jüngste Staatsopernproduktion weist einige Parallelen auf zur 38 Jahre alten, jüngst ebenfalls in Berlin zu erlebenden Produktion „Einstein on the Beach“: in beiden Fällen wird ein Regisseur an erster Stelle als Urheber genannt, in beiden Fällen erfolgt die Darbietung pausenlos, wird das Publikum aufgefordert, das Auditorium nach Belieben zu verlassen und wieder zu betreten.

Nicolas Stemann, ein erfahrener Exeget der Texte von Elfriede Jelinek, hat deren – im Auftrag der Bayerischen Staatsoper für ein „Ring“-Programmheft entstandenen – in der Buchausgabe über 200 Seiten umfassenden Essay bereits im Münchner Prinzregententheater realisiert. Ursprünglich ist der Text ein endlos langer Dialog zwischen Brünnhilde und Wotan, der sich eine Burg hat bauen lassen, die er nicht bezahlen kann, angemosert von seiner Frau, die diesen Bau aber auch wollte, und heillos verschuldet und in Schuld(en) verstrickt.

Bei der 7-stündigen Lesung zweier Schauspieler am 1. Juli 2012 harrten nur etwa 60 von 1.200 Besuchern bis zum Ende aus. In Berlin, wo dieser Text mit fünf Sängerdarstellern, drei Schauspielern und der Staatskapelle Berlin dramatisiert ist, dauerte die Aufführung knapp drei Stunden, und nur wenige Besucher verließen vorzeitig das Schillertheater.

Der Raum von Katrin Nottrodt signalisiert die verlassene Baustelle eines unvollendeten neobarocken Schlosses, Kronleuchter sind bereits angebracht, aber noch mit Folie verhängt. Das Orchester sitzt im hinteren Drittel auf einem Bühnenwagen, auf welchem es auch nach vorne fahren kann, aber vom Sänger des Wotan wieder zurückgeschoben wird, der dann auch noch auf einem Aufbau dahinter singen wird.

Ein übliches Stilmittel Stemanns, Mikrofone auf Stativen und Videoprojektionen, live (von Claudia Lehmann) und vorproduziert (von Martin Prinoth) sind auch bei seiner ersten Opernarbeit im Einsatz.

… aber ohne Erlösung

Drei Rheintöchter in goldgewirkten Gewändern (Annika Schlicht, Katharina Kammerloher, Narine Yeghiyan) demonstrieren an einer fahrbaren Notenlinien-Schultafel die Verwandlung von Rheingold zu Rein Gold und zu (nur noch) Gold. Die Musikzitate im Original beschränken sich keineswegs auf den Vorabend von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. So beginnt es mit „Siegfried, sieh meine Angst!“ aus dem 3. Aufzug des „Siegfried“ und endet mit dem Schluss der „Götterdämmerung“, aber ohne Erlösung.

Jürgen Linn als Wotan, mal mit, mal ohne Flügelhelm, singt sein „Vollendet das ewige Werk“ mehrfach, einmal sogar mit „Kuchen im Hals“, ganz ohne Konsonanten, und einmal interpretiert er einen neuen, englischen Text in neuer Melodie über Wagners  bekanntem Klangkosmos, „What ever happened to all the heroes, all the Shakespearoes?“ Bisweilen steuern auch die Opernsänger Sprechtexte bei, so spricht Rebecca Teem als Brünnhilde etwa von „endlosen Bits und Bytes“.

Nach einer Paraphrase auf den Trauermarsch, um 18:45 Uhr, macht das Orchester seine erste Pause. Dann haben die Schauspieler Zeit für rekapitulierende Ausführungen der Jelinek, mal witzig, mal belehrend und häufig kalauernd.

Als „Ersatzheer“ wird ein Synthesizer bezeichnet. Aber was von Thomas Kürstner und Sebastian Vogel an elektronischen Klängen erzeugt wird, ist äußerst dürftig.

Als ein Brünnhilde-Double klettert die Schauspielerin Katharina Lorenz, vom Video übertragen, durch die Gerüste, und ein Kind spielt unter dem Flügel mit einer Puppe, die – wie weiland Wotan – ein Auge verliert. Das Publikum muss seinen Wagner schon sehr gut kennen, um all den Sinnzusammenhängen folgen zu können.

Um 19:10 Uhr kommt das Orchester für den großen Wotan-Monolog zurück. Während Brünnhilde in der „Walküre“ diesem Selbstgespräch ihres Vaters stumm lauscht, kontert hier die Schauspielerin mit Fragen und Invektiven. Mit Auszügen aus Richard Wagners Aufsatz „Die Revolution“ beweist sie die dramatische Tragfähigkeit der Sprache des Essayisten Wagner.

Revolutionsworte als Droge in die Venen

Schauspieler verprügeln sich selbst, führen Geld-Diskussionen und spritzen sich – mit Wagner-Klavierauszügen – Wagners Revolutionsworte „der ganzen Welt das neue Evangelium des Glückes“ als Droge in die Venen. Nach der Sturmmusik und dem „Wache, Wala!“ aus „Siegfried“ geht das Orchester um 19:36 in seine zweite Pause.

David Robert Coleman, der im Auftrag von Daniel Barenboim die am selben Haus uraufgeführte Neufassung des dritten Aktes der „Lulu“ geschaffen hat, zeichnet auch hier als musikalischer Bearbeiter verantwortlich. Als Pianist übernimmt er die musikalische Leitung, improvisiert über das Fluchmotiv und begleitet mit einer neuen Weise den wiederholten Gesang  der drei Rheintöchter, „Lugt Schwestern, die Weckerin lacht in den Grund!“, den diese – beschwipst von Longdrinks aus ihrer Weltkugel-Bar, bis an die Grenze der Nervigkeit zum Besten geben.

„Vater ich gehe ins Internet!“

Danach wird die Möglichkeit, Revolutionsimpulse umzusetzen, am Publikum getestet: „Es geht erst weiter, wenn alle stehen!“ – und etwa die Hälfte der Besucher „spielt“ mit. Statt einer wirklichen Frau aus dem Publikum, springt die Sängerin der Brünnhilde ein und damit auch über ihren Schatten, denn als „Waltraud aus Königswusterhausen“ muss sie sich in einem bunten Pyjama und grünen Pantoffeln als Dummchen gebärden.

Siegfrieds Schwert mit einem im Knauf eingebauten Mikrofon wird – als Pendant zu iPhone und iPad – zum iSchwert erklärt: „Jeder Mensch sein eigener Hotspot, sein eigenes Portal, Vater ich gehe ins Internet!“

Etwas zu früh, als die Schauspielerszene noch nicht ganz beendet ist, um 20:04 Uhr kommt das Orchester zurück, stimmt erneut ein beginnt um 20:06 Uhr gleich mitten im „Rheingold“-Vorspiel. Techniker räumen Requisiten ab, dann setzt aus dem Schnürboden ein erster Geldschein-Regen ein. Erneut kündigt ein Schauspieler an, „Also, ich versuche zu präzisieren…“

Wotans Wohnmobil

Mit einem Pickup-Laubfeger fegt Schauspieler Philipp Hauß das Geld auf, sein Kollege Sebastian Rudolph entschuldigt sich im Namen des Intendanten, des GMDs und – als Kalauer – auch im Namen von Hans Lietzau (1913–1991) für diesen Abend, aber das ist noch lange nicht das Ende, denn Brünnhilde schreibt auf einer PC-Tastatur, die Rheintöchter („Frau Sonne Sonne sendet lichte Strahlen!“) fangen erneut herabregnende Geldscheine auf. Zu Wagners Waldweben stürzen vier Dummy-Puppen aus dem Schnürboden herab. Die Schauspieler umkreisen auf Fahrrädern beobachtend die neue ultrarechte Entwicklung in Deutschland, die NSU. Der Pink Panther aus deren Bekenner-Video, packt die Leichen in schwarze Mülltüten, während die nunmehr verschmutzten Rheintöchter Texte von Beate Zschäpe rezitieren und der Wotan-Sänger (Jürgen Linn) ein Wohnmobil auf die Bühne fährt, das zum Übergriff durch die NSU bereit steht.

Anschließend gibt es noch mal eine Collage von Highlights aus den Partien von Wotan und Brünnhilde zu genießen: „Nur Eines will ich noch, das Ende!“ und ,,Starke Scheite schichtet mir dort!“, woraufhin das Dach des Wohnmobils angezündet wird. „Leb wohl, du kühnes, herrliches Kind!“

Auf Pappdeckel-Schildern verkünden die Schauspieler, „Wir sagen jetzt nichts mehr“, „Taten statt Worte“, „Und aus“, „Nein, nicht aus“: Brünnhilde intoniert noch „Wie Sonne lauter strahlt mir sein Blick“, und dazu auf den Papp-Texttafeln „Das Deutschland, wo ist es hin?“, „Es ist in Europa eingeschlossen“, „Die Revolution erkläre ich für beendet“. Wotan stimmt „Der Augen leuchtendes Paar“ an, das Kind sammelt weiter das Papiergeld ein.

Bewusst verzichtet diese Fassung auf das finale Thema am Ende der „Götterdämmerung“, das bisweilen als Erlösungsmotiv bezeichnet wird. Stattdessen hat Bearbeiter Coleman Richard Wagners Zusammenbruch-Sequenzen noch weiter getrieben.

Aber ein Zwischenvorhang senkt sich, auf dass Wagners hoffnungsvoll-versöhnliches Thema doch noch ertönen kann: das Kind startet das originale Schlussthema der „Götterdämmerung“ von einer alten Tonbandmaschine mit Bandwickel.

Das ist dann wirklich das wiederholt angekündigte Ende des Abends, mit Bravorufen für die Schauspieler, die Solisten (abgesehen von den Rheintöchter-Interpretinnen doch unter dem sonst üblichen Niveau der Staatsoper), für den Dirigenten Markus Poschner und für das gesamte erweiterte Regieteam, rund um den federführenden Urheber dieser „neuen musikalischen Fassung“ von Wagners „Der Ring des Nibelungen“, den Regisseur Nicolas Stemann.

Und dieser ganze Aufwand nur für zwei Aufführungen?

Informativer und besser lesbar als der Text der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ist der Band „Wagner und der Kommunismus – Studie zu einem verdrängten Thema“ von Eckart Kröplin (338 S., Würzburg 2013, ISBN 978-3-8260-5267-5).

  • Weitere Aufführung: 15. März 2014.

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