Old-fashioned – Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ an der Deutschen Oper Berlin


(nmz) -
Nach zwei umstrittenen Premieren setzte die Deutsche Oper Berlin mit ihrer jüngsten Produktion auf ihre Wagner Tradition. Die Neuinszenierung „Der fliegende Holländer“ von Christian Spuck ist allerdings so old-fashioned geraten, dass er vielleicht vor 35 Jahren noch Diskussionen ausgelöst hätte. Gemessen an dieser Neuinszenierung war die letzte Inszenierung dieser Romantischen Oper durch Götz Friedrich ihrer Zeit immer noch weit voraus.
08.05.2017 - Von Peter P. Pachl

Harry Kupfer hatte im Jahre 1978 mit seiner Psychose der Senta das Tor zu neuen Interpretationen aus der Sichtweise eines einzelnen Handlungsträgers aufgestoßen. Sein Traum der Senta vom Holländer folgte dann etwas biederer Jann-Pierre Ponnelle mit einer „Holländer“-Interpretation als dem Traum des Steuermanns. Die damit für diese Oper noch ausstehende Möglichkeit der Gesamtsicht der Handlung aus dem Blickwinkel des Jägers Erik liefert jetzt der Schweizer Regisseur Spuck nach – allerdings ohne den von Christian Spuck angekündigten „Albtraum […] gleich immer wieder“ zu durchlaufen.

Mit den ersten Akkorden der Ouvertüre öffnet sich die Courtine und gibt, in vorwiegend dunklen Lichtstimmungen, den Blick frei auf einen Einheitsraum mit zwei hohen Türen und einem rampenparallelen Regenwasser-Becken, welches als oft laut plätschernde zusätzliche akustische Dominante ins Spiel kommt. Erik sitzt mit angewinkelten Beinen auf dem Boden vor einem Schiffsmodell in Weiß, welches er mit Takt 377 der Ouvertüre an einer Wand zertrümmert.

Senta tritt mit einem Porträt im Bilderrahmen (wie bei Kupfer) noch in der Ouvertüre auf, dann leuchten Taschenlampen der Seeleute durch den Paraffin Nebel. Der Steuermann dreht sich 24mal um die eigene Achse, als sein Kapitän Daland ihn strafend am Ohr zieht – einer der wenigen merklich choreografischen Momente in der Regie des Schweizer Choreografen. Sein Schläfchen macht der Steuermann auf einem mit Tuch verhängten Hügel, welcher sich später als ein Aufbau mit handbetriebenen Nähmaschinen erweist.

Schon vor dem Auftritt des Holländers sichert dessen siebenköpfige Mannschaft das Terrain ab. Als Geschenk für Daland hat der Holländer ein (im Vergleich zum Modell Eriks in der Ouvertüre) mächtiges, goldglänzendes, viermastiges Schiffsmodell mitgebracht. Reichlich unmotiviert, vielleicht bewusst in Reibung zu Dalands Charakterisierung des Holländers als mit „Edelmut und hohen Sinn“, trinkt der Fremde aus einem Flachmann. Das Tuch, mit dem der Arbeitsberg abgedeckt war, wird dann als ein Zeltraum einer Spinnstube gespannt.

Senta bemüht sich, die unter der Einheitskapuze der Holländer-Mannschaft verborgenen Gesichtszüge des Holländers festzustellen. Mit ihm allein gelassen, rückt sie Sitzhocker zurecht. Auf einen davon steigt sie am Ende des Duetts, der Holländer selbst auf den Berg der Arbeitswelt (und das erinnert dann doch an die aktuelle Inszenierung in Bayreuth), gleichzeitig hebt sich das Zelt der gemalten Holländerstube über den Boden, um sich dann für die Verlobungsszene mit voller Beteiligung des Chores wieder zu senken. Von diesen Volksmassen wird Senta wiederholt verschluckt, wie auch am Ende der Handlung, nachdem sie sich Eriks langes Messer in den Bauch gerammt hat.

Im dritten Akt lässt Bühnenbildner Rufus Didwiszus ein schwarzes Tuch wie einen Altarbaldachin aufspannen, was im Spiel nicht nur uneingelöst bleibt, sondern optisch störend, den Schluss die Anfangssituation wieder aufgreift: wieder sitzt der Steuermann vor dem Modell des Schiffes mit den weißen Segeln.

Dunkel gehalten sind die uniformen Kostüme von Emma Ryott, die Chordamen mit einem schwarzen Kopfputz, der besser in Künneckes „Hollandweibchen“ passen würde. Relativ farblos und unklar bleibt die Rolle des Holländers in dieser Handlung. Er verfügt nicht einmal über ein Schiffspfeifchen (denn dieses ertönt aus dem Off), jedenfalls ist der Fremde, wie Wagner ihn zunächst nennt, kein Flüchtling, wie in der letzten Zeit auf der Bühne häufiger zu sehen und auch kein Finanz-Hai.

Samuel Youns Stimme wackelt in der Titelpartie häufig und einige Töne geraten sehr unschön, was ihm beim Premierenapplaus auch einige Buhrufe eintrug. Mit makellos lichten Sopran gestaltet Ingela Brimberg die Senta, allerdings leider sehr kalt, ohne Charisma. Ronnita Miller bleibt als Mary farblos. Matthew Newlin ist ein beachtlich spielender und singender Steuermann, der allerdings nach seinem Sturz in die Wasserrinne so reagiert, als würde er in seinem Beruf grundsätzlich das Wasser meiden. Tobias Kehrer als Daland setzt einen hell timbrierten, gleichwohl in der Höhe merklich dünneren Bass ein. Insgesamt gut gefällt Thomas Blondelle als aufgewerteter Erik, der auf der Szene immer irgendwo zugegen ist. Bisweilen lässt er die handelnden Personen inklusive Chor in seiner Erinnerung einfrieren. Der Tenor setzt zwischen Piano und Dramatik gerne auch geflüsterte Passagen ein und gewinnt so der Partie des Erik auch gesanglich eine neue Dimension ab.

Der von Raymond Hughes einstudierte Chor und Extrachor der Deutschen Oper Berlin singt diesmal gerne an der Rampe, durchaus stimmgewaltig, wenn auch manchmal verwackelt, vom Regisseur auch durchaus gekonnt geführt: die Damen gerne in Wellenbewegungen, die Herren in kollektiven Schwankungen.

GMD Donald Runnicles setzt voll auf die musikalische Kraft der Naturgewalten, das Orchester der Deutschen Oper Berlin folgt ihm routiniert, in den Bläsern nicht immer so wohldisponiert wie in den Streichern. Gleichwohl vermisst der Hörer eine deutliche Handschrift. Zu dieser szenischen Realisierung hätte besser Wagners Urfassung gepasst, aber Runnicles hat sich für Wagners Fassung letzter Hand mit dem Tristanischen Erlösungsschluss entschieden – auch wenn dies unverständlicherweise im Programmheft nirgendwo vermerkt ist.

Nach der knapp 130-minütigen, pausenlosen Aufführung gab es kurzen, gemischten Applaus, insgesamt deutlich mehr Zustimmung als Ablehnung.

  • Weitere Aufführungen: 11., 16., 20. Mai, 4. und 10. Juni 2017

Kleinigkeiten

Schöne kenntnisreiche Kritik, aber ganz 260 Minuten waren es dann doch nicht (wo sollten die auch herkommen?), eher so 130. Sooo schlimm waren die Längen auch wieder nicht ….
Und die Bonita heißt Ronnita und die Ingella Ingela.
Mir hat die Inszenierung gefallen, das Erik-Konzept wirkt nicht aufgepfropft, sondern ganz schlüssig.


korrekturen

Danke Albrecht für den Hinweis auf die Fehlerchen. Wir haben für die Korrektuien zu danken und den Text entsprechend geändert.

MH
  


Das könnte Sie auch interessieren: