Oper Wroclaw drängt mit Ausnahmewerken ins europäische Bewusstsein


(nmz) -
Das ist Tradition: Die neue Spielzeit wird an der Oper Wroclaw mit dem Werk eines polnischen Komponisten eröffnet. Diesmal fiel der Termin auf den 11. September. Da kam ein folklorehaltiger Moniuszko nicht in Frage, dem Symbolgehalt des Datums entsprach viel eher „Das verlorene Paradies“ von Krzysztof Penderecki.
21.09.2009 - Von Michael Ernst

Alle Doppeldeutigkeiten dieses Titels durchaus im Blick, ließ die Werbeabteilung des Hauses kistenweise frische Äpfel auf den Markt karren, zur freien Bedienung, versteht sich. Da wurde tagsüber auf dem historischen Rynek also kräftig hineingebissen, am Abend öffnete sich dann der Vorhang zum musiktheatralischen Sündenfall. In der Regie von Waldemar Zawodzinski geriet Pendereckis 1978 in Chicago erstmals gezeigte Bibeloper – sie fügt sich ein in eine ganze Reihe religiöser Kompositionen des Polen (u.v.a. „Magnificat“, „Stabat mater“, „Lukas Passion“) – zum brav spannenden Abbild der Geschichte um das im Christenverständnis erste Menschenpaar der Welt. Der Regisseur, dem auch das Bühnenbild oblag, hat in einem Mix aus höllischem Schauderorkus und himmlischer Reinheit dennoch auf kräftige Bildsprache gesetzt, die Metaphorik dabei teilweise von der Choreografie Janina Niesobskas in visueller Doppelung noch überbetonen lassen. Natürlich schlängelt sich da zwischen Luzifer und Menschenliebe ein Schlangenwesen über den Boden, zum allerersten Liebesakt kopulieren in ästhetisch allerdings auffallend gelungener Zurückhaltung zwei Tänzer so schlicht wie ergreifend. Da sind also Himmel und Hölle ganz schön in Tanz geraten.

Der 1933 in der Nähe von Rzeszów geborene Komponist schlägt in dieser Musik modernen Schönklang ebenso wie kryptischen Katholizismus an, um deutlich zu machen, paradiesisches Dasein ist für die Menschheit passé. Er ist gewiss nicht der Erste, der dies erkennt – schließlich  basiert seine Oper auf dem um 1665 entstandenen John-Milton-Gedicht gleichen Titels.

Dieser Verfasser kommt denn auch mit auf die Bühne, er ist in dieser Oper die einzige in polnischer Sprache gehaltene Figur. Einem Götterwesen ähnlich stolziert er erblindet über die Bretter, die hier wahrlich Welt bedeuten, und doziert über den Sündenfall. Ansonsten bedient sich diese Oper versuchsweise des deutschen Librettos von 1978 und hilft dem einheimischen Publikum mit Übertiteln. Denn schon ein halbes Jahr nach der Uraufführung hat Stuttgart „Das verlorene Paradies“ nachgespielt, weitere Bühnen folgten – heute ist das Werk zu einer Rarität verkommen, so dass schon diese Tatsache allein für eine Reise in die Oderstadt Wroclaw Grund genug sein sollte.

Regisseur Waldemar Zawodzinski, der das theatralische Paradies auch ausgestatt hatte, führte die Protagonisten in methaphorischer Vielfalt durchs Geschehen. Malgorzata Sloniowska schuf ihnen dazu himmlische Kostüme: Die Guten in Weiss, den Satan und sein verderbliches  Gefolge durchweg dunkel, mit Anleihen an der Traumfigurenpersonage eines Hieronymus Bosch. Das nichtsingende Ensemble bewegte sich wie auf einer zusätzlichen Ebene in der Choreografie von Janina Niesobska. Unschuld und Azurblau prägten das Elysium.

Dort tönte es natürlich vor allem klangstark durch die Musik Pendereckis, ergreifend wurde sie von Chor und Orchester der Oper Wroclaw unter Andrzej Straszynski umgesetzt. Das Solistenensemble wartete im Werk dieses in Polen schon beinahe als Musikheiligen gehandelten Landsmanns mit Höchstleistungen auf und schritt so vital wie engagiert in die neue Spielzeit. Das lässt hoffen und macht durchaus Lust auf die künftigen Vorhaben im Hause von Ewa Michnik, einem seltenen Glücksfall von auch dirigierender Intendantin.

Als nächste Premieren stehen Ende November „Hoffmanns Erzählungen“ an, zum Jahresende folgt „Die Zauberflöte“, im kommenden Jahr gibt es neben „Boris Godunow“ und „Turandot“ auch wieder Moderne von Malcolm Fox und Hanna Kulenty – wenn so lebendig mit Tradition umgegangen wird, dürfen sich die Liebhaber des Musiktheaters doch freuen.

 

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