Operette zum Mitdenken – Paul Abrahams „Viktoria und ihr Husar“ in München


(nmz) -
„Sibirien – Tokio – Petrograd – Puszta“ – klingt nach Revue. Einer, in deren buntem „Exotismus“ und gepflegten Botschaftsetagen auf der Bühne sich das von der Weltwirtschaftskrise gebeutelte Großstadtpublikum die eigenen Probleme „wegtheatralisieren“ ließ.
17.06.2016 - Von Wolf-Dieter Peter

So lässt sich der enorme Erfolg von „Viktoria und ihr Husar“ ab 1930 verstehen, der den bislang als vifen Schlagerkomponisten erfolgreichen Paul Abraham in die erste Reihe damaliger Operetten-Könige katapultierte. Heute wäre das Werk jenseits eines Seebühnen-Spektakels wie in Mörbisch theatralisch schwer zu vermitteln – was das Team um den Gärtnerplatz-Intendanten zu einer Bearbeitung und Joseph Köpplinger zu einer eigenen Text-Fassung veranlasste.

Schon Abraham selbst hat zwar aufgrund seiner klassischen Ausbildung die Orchesterstimmen auskomponiert, doch je nach vorhandenen Kräften dem Theater und Dirigenten überlassen, wie sie orchestrieren und welche Nummern sie auf die Bühne bringen. Es ist überliefert, dass er selbst je nach abendlicher Stimmung durch Handzeichen mal diese, mal jene Orchestergruppe wegließ. Seit 2012 dann doch eine Partitur gefunden wurde, kann nun Münchens Dirigent Michael Brandstätter vorführen, wie gekonnt Abraham einen musikalischen Cocktail mixte: Da wird im Duett „Im schönen Wien“ Walzerseligkeit beschworen; zu Viktorias „Unter Orchideen“ klingt die Solo-Posaune auch nach Blues; zum Quickstep-schnellen „Yokohama“-Schlager gibt es Hüft-Swing und weil „der Papa aus Paris“ war auch Can-Can-Beine-Schmeißen; „Mausi, süß warst du heute Nacht“ tobt wie Kissenschlacht-Lärmerei; in „Du warst der Stern meiner Nacht“ oder „Pardon Madame“ wird Gefühlstiefe zu Klang – doch dazwischen beschört das leicht schräg gestimmte Solo-Klavier auch mal fast eine Jazz-Kneipe der Roaring Twenties, während beim Weinfest in Puszta-Dorf Dorozama natürlich der Csardas grüßt … viel gute, dramatisch sofort ansprechende und wirkende Musik ohne jenen süßen Hollywood-Seim der restaurativen Operettenseligkeit der 1950er Jahre. All diese Tonfälle trafen: das „hohe“ Trio aus Husaren-Rittmeister Koltay (Daniel Prohaska), der gräflich edlen Viktoria (Alexandra Reinprecht) und dem nobel großzügigen US-Botschafter Cunlight (Erwin Windegger), ebenso das „mittlere“ Buffo-Paar aus Viktorias Bruder Ferry (Christoph Filler) und seiner etwas sehr überdrehten Japan-Braut Lia San (Susanne Seimel) – und das „untere“ Buffo-Paar aus Rittmeister-Burschen Janczy (der hinreißend quirlige Josef Ellers) samt Botschaftssekretärin-Kammerfrau Riquette (kess-frech Katja Reichert) sorgten für Turbulenz und frechen Witz; die herrliche Nummer, dass Riquette den reise-verschmutzten Janczy baden, schrubben, schließlich abtrocknen will und ihm, um sich seine körperlichen Vorzüge schon mal näher anzuschauen, immer kleinere Handtücher reicht, wurde zu einer umjubelten Nummer mit Slapstick-Qualitäten.

Damit ist auch die Bandbreite von Joseph Köpplinger Regie umrissen. Doch seine Bearbeitung widerlegt auch die Häme „Operette? Gehirn an der Garderobe abgeben!“. Düster schweres Orchester-Dröhnen dünnt aus und der Vorhang öffnet sich zu einem sibirisch-kalten, schnee-zugigen, kriegsbeschädigten Kaschemmenraum, den die Bolschewiki 1918 als Kriegsgefangenenlager nutzen: rund zwanzig differenziert gezeichnete und durchweg glänzend mitspielende Gefangene, Mief, Qualm aus dem Kanonenofen, Lagerbetten, Hocker, und hinten eine kleine Bühne, wohl für einstige Dorfmusikantenauftritte. Als der messerscharfe Lagerkommandant Petroff die Hinrichtung der in Grodek (Georg Trakls Horrorgedicht grüßt!) gefangenen Ungarn unter der Bedingung aufschiebt, dass Koltay eine faszinierende Geschichte erzählt, wandelt sich dieser zu Scheherazades Bruder: er schildert seine lebensbestimmende Liebe zu Gräfin Viktoria – und dazu geht hinten der Vorhang auf.

Als auch die Vorderbühne überschwemmendes „Spiel im Spiel“ (perfektes Bühnen-Handwerk des Duos Fehringer-Leikauf) wird die geordnete Welt von Viktorias Trauer um den Totgeglaubten und ihre schließliche Heirat mit dem US-Botschafter in Tokio gezeigt. Das sehr grell ausgestattete Japan (Alfed Mayerhofer) und die wenig überzeugende Choreografie (Karl Schreiner) kommentiert Petroff hämisch. So bricht immer wieder die Lager-Realität in die operettige Erzählung ein: wie Koltay nach Tokio flieht, Viktoria trifft und an ihren Treue-Schwur erinnert, als Asylant mit dem Botschaftspaar ins revolutionäre Petrograd wechselt, sich liebesverzweifelt als Gefangener stellt und in Sibirien landet. Dieses Scheitern trifft eine verwandte Saite in Petroff: er war ja Geiger im St. Petersburger Orchester – und sieht auch seine Träume „kaputt“ – doch wenn Koltay ein gutes Ende erzählt … und da beschört dieser das ungarische Weinfest mit der geschiedenen Viktoria, seiner Heimkehr und dem Triumph der Liebe. Petroff (eine gelungen desillusioniert-kantige Charakterstudie von Gunther Gillian) glaubt nicht daran, lässt Koltay und Janczy dennoch fliehen und behält in einer anrührenden Mini-Szene Janczys Geige als Reminiszenz an sein verlorenes Leben.

Doch als Koltay und Janczy am offenen Fluchttor stehen, geht der hintere Vorhang nochmals auf und alle anderen Figuren stehen im nebelig fahlen Licht auf der kleinen Bühne aufgereiht: wie Geister einer längst versunkenen Welt – ob sie, die darin gültigen Werte und Emotionen wiederzufinden sind, noch einmal gelebte Realität werden? Da war Operette mit diesen lebenden Toten nicht nur zum beeindruckenden Regie-Coup, sondern auch zum nachdenkenswerten Theater-Gleichnis geworden – mit einhelligem Jubel belohnt.

Service

EInführung ins Stück durch das Theater:

Ensemble. Foto: © Christian POGO Zach
Susanne Seimel (O Lia San), Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz. Foto: © Christian POGO Zach

Das könnte Sie auch interessieren: