Politisches Musiktheater à la Bregenz: Schostakowitsch, Gershwin und David Sawer


(nmz) -
Während in Salzburg das politische Musiktheater durch Alltagshandlungen banalisiert wird (in Luigi Nonos „Al gran sole carico d’amore“ werden in fünf Realismo-Studio-Kabäuschen Einfrau-Filmszenen live produziert und projiziert), wird in Bregenz Oper politisch zugespitzt: Wenn Heldentenöre auf den Köpfen bronzefarbener Wasserelefanten reiten, Liebespaare auf Gondeln in den Nachthimmel verbannt werden und die geschundene Lady Liberty als Pompobjekt für Siegesfeiern dient, mag so mancher Besucher dies als Regie-Euro-Trash abtun, mancher aber auch als veritablen politischen Ansatz für Verdis „Aida“ verstehen.
19.08.2009 - Von Peter P. Pachl

Noch deutlicher als beim pausenlosen Mammutspektakel auf der Seebühne verstehen sich die weiteren Produktionen der Bregenzer Festspiele als politisches Musiktheater: Neben Szymanowskis „König Roger“ hat die Operette, in den Anfangsjahren dieses Festivals am Bodensee inhaltlich dominierend, dann vom Opernspektakel verdrängt und durch Intendant David Pountney mit vergessenen Stücken neu befragt, mit einem Triptychon hierzulande unbekannter politischer Stücke Einzug ins Große Festspielhaus gehalten. Den Anfang machte Dmitri Schostakowitschs „Paradies Moskau“.

„Paradies Moskau - Cheryomushki“

In Schostakowitschs 1957/58 entstandener Partitur offenbart der Komponist einen ganz anderen Stil, als wir ihn aus „Lady Macbeth von Mzensk“ oder „Die Nase“ kennen. Gleichwohl ist die Drastik bei der Schilderung politischer Zustände auch in Schostakowitschs drittem abendfüllendem Musiktheater-Beitrag dominierend. Das 1959 uraufgeführte Zeitstück handelt von einer Plattenbausiedlung am Rande Moskaus, mit der Chruschtschow ein neues Paradies auf Erden versprach. Die handelnden Individuen, die den Einzug in einer der überaus begehrten Wohnungen des neuen Stadtteils Cheryomushki erstreben, holt die Realität ein, in Form einer Betonhölle ohne Busse, Straßen und Geschäfte.

Mit 39 Revue-Nummern – auf ein Libretto der Humoristen Vladimir Mass und Mikhail Tscherwinski – schafft der Komponist durch tonale Melodien in bewusster Nähe zu Strauß und Offenbach, mit Zitaten von Tschaikowski (bei einem Ballett der elektrischen Küchengeräte) und Borodin, sowie Volksliedern in strophischer Form echte Ohrwürmer.

Unter der musikalischen Leitung von James Holmes bietet die Opera North aus Leeds Schostakowitschs musikalische Komödie in der orchestral reduzierten, sehr witzigen Bearbeitung von Gerard McBurney, äußerst beschwingt dar. Bis hin zur choreographierten Applausordnung ist David Pountneys Inszenierung ideenreich und rasant. Dass hier – schon vor den Kranen in der Seebühnen-„Aida“ – ein Baukran zum Einsatz kommt, ist inhaltlich nahe liegend. Und die hier dargestellten Formen von Korruption, Schiebung und vielfältigem Macht- und Prestigegehabe sind leider so aktuell wie vor 50 Jahren. Gesungen und gesprochen wird auf Englisch. Aber in den Übertiteln macht eine köstliche, gereimte deutsche Übersetzung von Lothar Nickel, basierend auf David Pountneys spritziger englischer Übersetzung, Lust auf die deutschsprachige Erstaufführung dieser Version.

„Für dich Baby! – Of Thee I Sing“

Nicht weniger politisch und aktuell, wie auch amüsant, ist ein früheres Zeitstück, ebenfalls von der Opera North im Bregenzer Festspielhaus vorgestellt, George Gershwins „Of Thee I Sing“. In dem 1931 in New York uraufgeführten Musical geht es um Wirtschaftskrise, Wahlkampf und politische Korruption. Nach einem vorausgegangenen, geflopten Antikriegsmusical der Gershwin-Brüder, „Strike Up The Band“, war die neue Parodie so erfolgreich, dass dem Libretto Ira Gershwins der Pulitzer-Preis verliehen wurde, – denn Musik konnte damals noch nicht mit dem begehrten Preis prämiert werden.

Auch George Gershwins Partitur kreiert Ohrwürmer, zeigt sich hingegen in einem weniger geläufigen Idiom, außer dass bei den Auftritten des französischen Gesandten das Thema aus dem „Amerikaner in Paris“ aufgegriffen wird. Caroline Gawns Inszenierung weiß den Spott gegen das Weiße Haus treffsicher zu lenken, die Story um den Präsidentschaftskandidaten John P. Wintergreen, zwischen Wahlkampfthema „Liebe“ und dem Wettbewerb um die „Miss White House“, seinem Sieg und Beinahe-Impeachment, zu einem Publikumserfolg zu führen. Aus dem rollendeckenden Ensemble aus Leeds, nunmehr unter der musikalischen Leitung von Wyn Davies, ragen Steven Beard als tapsig-verquerer Vizepräsident Throttlebottom und Richard Suart als French Ambassador heraus.

„Hautnah – Skin deep“

Neuester Beitrag zum leichten Musiktheater ist ein gemeinsames Auftragswerk der Bregenzer Festspiele, der Komischen Oper Berlin der Danish Opera und der Opera North. Das Libretto zur dreiaktigen satirischen Operette „Skin deep“ von David Sawer stammt aus der Feder des schottischen Satirikers Armando Iannucci, der für zahlreiche britische Radio- und TV-Komödien verantwortlich zeichnet. Aber wie „Die Sache Makropoulos“ nur als Schauspiel und nicht als Oper komisch ist, so verhält es sich auch mit der als Nummernoper(ette) abgefassten Story über einen Schönheitschirurgen Dr. Needlemeier, der aus den abgeschnittenen Körperteilen und dann aus Leichen einen Trank für die ewige Jugend seiner zahlungskräftigen Patienten braut, aber schließlich im eigenen Kessel verendet.

Der 1961 in Stockport/England geborene Sawer, Schüler von Mauricio Kagel und mehrfach erfolgreicher Opernkomponist, hat eine leichte, zumeist tonale Musik voller Trugschlüsse und lautmalerischer Schlagzeugeffekte erfunden, aber das Ergebnis ist weder eine Operette, noch sonderlich witzig. Da vermochte auch der bereits in den Entstehungsprozess des Werkes eingebundene Bregenzer Erfolgsregisseur Richard Jones, trotz gelungener Arrangements, nicht das fehlende Tempo in die Handlung zu bringen. Unter der sicheren musikalischen Leitung von Richard Farnes sangen auch an diesem Abend die Mitglieder der Opera North, angeführt von Heather Shipp Rezeptionistin des Modearztes, überdurchschnittlich gut, und der von Timothy Burke einstudierte Chor erwies sich erneut als leistungsstark und besonders spielfreudig, – bis hin zum bitteren Ende in drastischen Nacktheitskostümen als Ausdruck eines neuen Bewusstseins, „zurück zur (unkorrigierten) Natur“.

Aber wie schon in die Geschichte des Musiktheaters lehrt: ein guter Autor, Komponist, Dirigent und Regisseur sind keine Garanten für ein Erfolgsstück. Härter am Puls der Wirklichkeit und damit auch effektiv politisch ist eine weitere Novität der Bregenzer Festspiele: Im österreichischen Bundesland Vorarlberg sind Bordelle verboten, aber an der Seepromenade in Bregenz wurde ein Zeltbau mit Namen „Freudenhaus“ errichtet, in welchem die in Interviews und in Polizeiberichten erfasste „Sexarbeit in und um Vorarlberg“ zum Thema eines Theaterabends gemacht wurde. Im Rahmen der Reihe „Kultur aus der Zeit“ beleuchten hier, im Stück „Liebesdienste“, drei Aktricen und ein Schauspieler in wechselnden Rollen das regionale (Un-)Wesen des ältesten Gewerbes der Welt. Dabei sorgt in Brigitte Soraperras Inszenierung insbesondere der LIEDERmännerChor Alberschwende, mit sauber intonierten, vierstimmigen Marienliedern, für hintergründige Assoziationen.