Psycho statt Liebe – Hans Abrahamsens “The Snow Queen“ in München


(nmz) -
An der Bayerischen Staatsoper München konnte die Deutsche Erstaufführung von Abrahamsens „Märchenoper“ nicht überzeugen, findet unser Kritiker Wolf-Dieter Peter. „Andersens geradewegs auf unsere Gesellschaftsprobleme zielende ‚Märchenbotschaft‘ wurde nicht fürs Musiktheater gewonnen … Jubel dagegen für alle Solisten und die faszinierende Ästhetik von Thors Szenerie.“
22.12.2019 - Von Wolf-Dieter Peter

Mythen und Märchen liefern immer wieder über alle Zeiten und Moden hinweg bestechend gültige Stoffe für alle Künste – auch für die Oper. Sie sind weit über sich hinausweisende Parabeln mit exemplarischen Figuren. Hans Abrahamsen (*1952) hat für seine erste Oper nach langem Zögern und Zuwarten einen klassischen Märchenstoff aus seiner dänischen Heimat gewählt. Hans Christian Andersens „Schneekönigin“ vereint Natur, Mensch und Tier, durchmischt mit einem erschreckenden Schuss Phantastik und Wunderwesen, insgesamt ein hochpoetisches Loblied auf die unbeirrbare Liebe.

Erschreckend aktuell Andersens un-märchenhafter Einstieg: die winzigen Splitter eines zerborstenen, teuflischen Spiegels dringen in Herz und Auge – und lassen alles hässlich, schlecht und sinnentleert erscheinen – Blumen, Menschen, Gefühle, selbst die Liebe. Die Nachbarskinder Gerda und Kay sind unzertrennlich, bis zwei Splitter Kay treffen und er kalt alles hinter sich lässt. Doch Gerda bricht auf, durchquert halb reale, halb irreale Welten, steht allerlei Gefahren und bedrohliche Begegnungen durch. Nach langer Zeit findet sie den innerlich erstarrten Kay im Eispalast der gefährlich egozentrischen Schneekönigin. Gerdas Tränen und Küsse erweichen Kay und spülen die inhumanen Splitter aus ihm heraus. Beide kehren zur Großmutter zurück – und sind um Jahre älter und reifer, auch in ihrer Liebe.

Hans Abrahamsen hat die Schneekönigin nicht als Schwester von Mozarts Königin der Nacht komponiert, sondern für tiefen Bass; der gleiche Sänger fährt als singendes Rentier auch Gerda nach Norden in den Eispalast und sitzt am Ende als tickende Uhr am Rande; wie Richard Strauss keinen üblichen Tenor als Rosenkavalier wollte, so lässt Abrahamsen Kay von einer dramatischen Mezzosopranistin verkörpern – alles dies ohne hörbaren Gewinn. Die eingangs von der Schneekönigin erzählende Großmutter kehrt bei Abrahamsen als rätselhaft alte Blumenfrau und fremdartiges Finn-Weib zurück. Der Komponist hat sich als Fan der Sopranistin Barbara Hannigan geoutet und für sie die stücktragende Partie der Gerda geschaffen. Sie erzählt die zentrale Geschichte von den negativen Spiegelsplittern und erlöst nach allen Schrecken „ihren Kay“. Doch Abrahamsen hat ihr keine faszinierende, herzerwärmende oder alles überragende Musik geschrieben – an Strawinskys Ann Trulove, die ihren gescheiterten Tom mit einem leuchtend lebens- wie liebesfrohes „I go to him“ rettet, darf der Musiktheaterfreund nicht denken.

Abrahamsen hat für ein bis in die Proszeniumslogen wucherndes Riesenorchester einen ganz sängerfreundlichen, oft leise dahinfließenden Sound geschrieben, der niemanden überfordert – aber auch nicht fesselt. Selbst die Fortissimo-Ausbrüche um eine Kay demütigende Schneeballschlacht, um zwei erst gefährliche, dann hilfreiche Krähen sowie um Gerdas Schlittenfahrt nach Norden beleben den emotionsarmen Eindruck nicht: „Minimal-Music-naher, hübsch dahinfließender Klangteppich“. Dennoch scheint das Ganze so komplex konstruiert, dass in den ersten zehn Minuten ein zweiter Dirigent im Graben für das Orchester dirigiert, während Stuttgarts GMD Cornelius Meister am Pult zunächst eher die Solisten leitet – und dann mit durchweg klarer Zeichengebung durch die drei Akte führt.

Mag sein, dass Regisseur Andreas Kriegenburg „Dramatik“ schaffen und der ganzen Handlung einen zeitgenössischen Rahmen geben wollte. Der offene Vorhang zeigt fürs stumme, hinzuerfundene Vorspiel die Innenfront einer Heilanstalt; aus einer Tür tritt Gerda mit der Körpersprache und Ausstrahlung einer psychisch Kranken; ein Arzt und Pflegerinnen gehen vorbei; Gerdas Sehnsuchtsgedanken an ein „You“ leuchten als Projektion auf der Mauer zwischen hohen Glasfenstern auf; gequält sucht sie auf drei Stuhlschalen an der Wand Schlaf – dann fährt die bühnengroße Innenwand auf, leises Musikgeklingel setzt ein – und von da an prägt die fabelhafte Ausstattung von Harald B. Thor den Abend: Michael Bauers Lichtzauber lässt die großen Plastikwände in vielerlei Märchen-Traum-Blau-Tönen samt waberndem Kunstnebel und Schneewalzen-Geriesel changieren; aus dem bald knöcheltiefen Schnee sprießen Blumen; Krankenbetten sind auch mal Schlitten; das Hochfahren der Plastikwände gibt nicht nur Reisestationen, sondern womöglich auch Bewusstseinsschichten frei. Denn Regisseur Kriegenburg hat mit der Psycho-Ebene auch einen „stream-of-consciousness“ hinzugefügt: Gerda und Kay sind als Kinder zu erleben, dann noch einmal als Jugendliche; der geliebte Kay ist einmal ein stummer Krankheitsfall (schauspielerisch perfekt: Thomas Gräßle) und dann durch die Sängerin Rachael Wilson gedoubelt – und durch all dieses Personen- und Stimmgeschwurbel taumelt Barbara Hannigans Gerda bis hin zu einer obskur bleibenden Operation samt Gehirn-Transplantation für Kay – hin in ein wohl fröhlich gewolltes, aber wenig überzeugendes Herumtoll-Finale.

So war das Buh für Kriegenburgs „Anything-goes“-Regiekonzept und auch den Komponisten gerechtfertigt. So war andererseits der Jubel für alle Solisten und die faszinierende Ästhetik von Thors Szenerie gleichfalls gerechtfertigt. Doch Andersens geradewegs auf unsere Gesellschaftsprobleme zielende „Märchenbotschaft“ wurde nicht fürs Musiktheater gewonnen: zu erleben war wie so oft eine musikdramatische Totgeburt.

Das könnte Sie auch interessieren: