Psychoreise in menschliche Abgründe – Birtwistles „Punch and Judy“ in der Werkstatt der Staatsoper


(nmz) -
Den bevorstehenden 80. Geburtstag des britischen Komponisten Harrison Birtwistle feiert die Staatsoper Berlin, die im Jahre 2000 bereits dessen „Last Supper“ herausgebracht hat, mit dem einstens aufmüpfigen Opernerstling „Punch and Judy“ in einer musikalisch stimmigen, szenisch überaus kurzweiligen Inszenierung.
17.05.2014 - Von Peter P. Pachl

Die komplizierte und in ihren Strukturen komplexe, mit Schwierigkeiten der Ausführung überhäufte Partitur liegt bei dem Birtwistle-Experten Christopher Moulds als Dirigenten in den besten Händen. Das für die Werkstatt des Schiller-Theaters mit den Instrumenten wechselndem Holz, Trompete, Posaune, Streichquintett, Harfe und einer enormen Batterie an Schlagwerk – darunter Xylophon, Vibraphon und Röhrenglocken – reich besetzte Orchester auf der Empore des Raumes klingt in faszinierender Breite und Vielfalt, skurril und witzig, und mit Birtwistles diversen Verweisen auf die Operngeschichte : Quasi-Zitaten von Tallis und Bach, „Homo homini lupo“ als gregorianischem Choral, Koloraturen á la Königin der Nacht und einer jazzigen Gebets- und Krönungsszene mit Strawinskyscher Rhythmik.

„A Tragical Comedy or a Comical Tragedy“ nennen die Autoren jenes Werk, das im Jahre 1968 anlässlich der Uraufführung durch die English Opera Group bei Benjamin Brittens Musikfestival in Aldeburgh einen Skandal auslöste. Mit nachfreudscher Kinderpsychologie, inklusive ritualisiertem Vatermord, entwickelt der pausenlose, knapp zweistündige Einakter ein Artaudsches „Theater der Grausamkeit“ von animalischem Hass und exzessiver Begierde. Das sprachlich hintergründige, häufig doppel- und mehrdeutige Libretto von Stephen Pruslin entwickelt die nicht linear erzählte Handlung in mehreren, zum Zeitpunkt der Entstehung bewusst schockierend überzeichneten Situationen. In sich wiederholenden Grundmustern erfolgt die Partnersuche des Punch als komische Tragödie, die sich schließlich zu einer tragischen Komödie wendet.

Die Entwicklungsgeschichte des jungen Punch siedelt der Berliner Regisseur Derek Gimpel nicht im klassischen Milieu der Jahrmarktsbude an, sondern in einer Alltagswelt, mit Herd, langem Küchen-Werktisch und Sofaecke (Ausstattung: Christoph Ernst). 

Am Anfang bereitet Punch, mit weißer Kochmütze und Schürze und mit weiblichen Brüsten auf den Pantoffeln, eine Babypuppe zum Mahl zu und tötet dann Judy nach einem aggressiven Wortspiel um Wiege und Grab. Einige Male friert Punch auf einer Leiter zum Rodinschen Denker ein, wiederholt wird er auf dem Schoß des Choregos zum Gekreuzigten der Pieta.

Szenisch originell sind die Quartette mit ihren Wetterberichten gelöst, etwa mit einem tierischen Pastorale.       Der Hase schlägt Kochdeckel aufeinander und das Schaf bläst auf dem Schenkel des verhackstückten Babys eine schrille Weise. Im lautstarken Albtraum wird Polly zur islamisch Verschleierten. Punch holt sich einen roten Pferdekopf vom Himmel und nutzt ihn als Kopfkissen. Eine der Rätselszenen wird – wie in Wagners „Siegfried“ – zu einer umgekehrten Wissenswette.

Auf die von den Autoren vorgeschriebenen 5 Tänzermimen kann der Regisseur verzichten, da seine Sängerdarsteller jenseits ihrer Gesangspartien das quirlige Bühnengeschehen trefflich und genussvoll verkörpern, bis hin zu der auf vier Fahrrädern versinnlichten Struktur der Toccata I. Anstelle von Harlekin-Attributen tragen Punch, Judy und Polly Knollennasen und übergroße Ohrmuscheln.

Der Coup der Aufführung ist die Besetzung des kindlichen Punch mit einem alten, fast nackten Mann, der gleichwohl quirlig wie der junge Punch agiert und darüber hinaus den Bogen zur Uraufführung des Avantgarde-Stücks schlägt: Richard Stuart sang damals die Partie des Doctor. Nun macht er die Serenaden, Wiegenlied und Nonsens-Couplets der männlichen Titelpartie, mit Schreien, Sprechen und Wimmern, zum bejubelten Ereignis.

Mit Intensität verkörpert die Mezzosopranistin Annika Schlicht seine Gegenspielerin, die geile, mit einem Fisch flagellierende und masturbierende Judy und später die groteske Wahrsagerin. Mit Dramatik und extremen Spitzentönen wird Hanna Herfurtner den Erfordernissen von Punchs Objekt der Begierde gerecht: die schöne Polly, mit raschen Umzügen von Sexpuppe in Latex, Braut in Weiß und schließlich dann einer am ganzen Körper rot geschminkten, paradiesisch-hexenhaften Eva.

Was bei Bergs „Wozzeck“ die Partien Doktor und Hauptmann mit ihren grotesken Kommentaren, das sind hier Arzt und Rechtsanwalt, an der Staatsoper zunächst als Weihnachtsmänner gewandet, der Bassist Terry Cook und der Tenor Jonathan Winell.

Im grauen Livree und mit langer, blonder Perücke, hat Bariton Maximilian Krummen als Choregos zunächst die Funktion des Erzählers inne, bis er von Punch in seiner Experimentalküche hingerichtet wird; später erscheint er, unter gigantischem, papierenen Ritterhelm, als Jack Ketch, der Henker des angeklagten Punch. Aber statt den Mörder hinrichten, endet er selbst am Strang. Immer noch baumelnd, erwacht er dann nochmals zum Leben um das Ende des Spiels zu verkünden.

Die Berliner Premiere des  einstmals „jungen Wilden“ der britischen Avantgarde erntete heftigen, ungeteilten Beifall.

  • Weitere Aufführungen:  18., 21., 23., 25., 27., 31. 5. 2014.

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