Rätselspiel und Love Drug Injection: „Tristan und Isolde“ an der Deutschen Oper Berlin


(nmz) -
Christoph Marthalers Bayreuther „Tristan“-Inszenierung, die im kommenden Sommer erneut auf dem Spielplan des Grünen Hügels steht, hat für Wagners „Handlung in drei Aufzügen“ deutlich rezeptive Spuren hinterlassen. Auch in Graham Vicks Neuinszenierung an der Deutschen Oper Berlin marthalert es gewaltig:
14.03.2011 - Von Peter P. Pachl

Das beginnt beim vorherrschenden Braunton des nahezu Einheitsbühnenraums (von Paul Brown) mit einer Rezeptionstheke für Kurwenal, über ein ständig wanderndes Lichtobjekt, bis hin zum greisenhaften Sanatorium im Schlussakt. Gleichwohl passiert in der Regie des britischen Regisseurs mehr als in der seines Schweizer Kollegen, denn Vick bebildert die Handlung durch Assoziationsketten.

Da spielt ein Kind Braut und schlüpft in Isoldes zu große Hochzeitsschuhe, sexuell anzüglich umbuhlen halbnackte Männer das rothaarige Freiwild Isolde, und eine nackte Schöne führt einen Knaben, der möglicherweise das Kind von Isolde mit dem Friesenfürsten Morold darstellen soll, aufs Außendeck. Denn der Knabe sitzt bei der Überfahrt zunächst an einem Sarg, in dem vermutlich die (kopflosen) Überreste von Isoldes durch Tristan erschlagenem Verlobten Morold transportiert werden. Im zweiten Akt steht der Sarg aufrecht neben dem Kamin in Isoldes Wohnzimmer, im dritten Aufzug wird der Sarg hingegen als antizipierend für den toten Tristan geehrt.

Ein Rätselspiel, zu dem auch eine Witwe und eine Schwangere, ein Schwarzer in Silberrüstung, der fliegende junge Seemann (Paul Kaufmann) und der nur mit Rasierschaum und einem Handtuch bedeckte Steuermann (Krzysztof Szumanski) gehören. Viele Fragen bleiben ungeklärt.

Zu Beginn der Handlung näht Brangäne noch an Isoldes Brautkleid, das diese später in einem Wutanfall zerschneidet, aber sie pudert sich ausgiebig und schminkt sich die Lippen, bevor sie mit Tristan zum goldenen Schuss in Spritzenform greift. Nach der Love Drug Injection fallen beide auf dem Tisch ungehemmt übereinander her, während Marke bereits den ganzen ersten Aufzug über im Lehnstuhl zugegen ist. Tristan stößt sich den Kopf an der Tür und schmeißt sich aufs Sofa, während der (von William Spaulding kraftvoll einstudierte) Herrenchor Blumen in Plastikfolie wirft und es obendrein von oben farbige Ikebana regnet.

In Isoldes Salon, der nun im Gegenwinkel positionierten Rückwand, zieht die First Lady Irlands mangels einer zu löschenden Leuchte die Vorhänge zu. Gleichwohl ist auch hier der Tod allgegenwärtig. Sogar Wagners unvertontes Drama „Die Bergwerke zu Falun“ (nach E. T. A. Hoffmann) wird hier optisch assoziiert, da in Isoldes Wohnraum ein besonders gut bestückter Nackter sich sein eigenes Grab schaufelt, während sein weibliches Pendant (die Nackte aus dem ersten Aufzug) dann alleine bleiben muss.

Im dritten Aufzug liegt Tristan auf keinem Lager, sondern schaut, zum Tattergreis mutiert, sinnend aus der Verandatür nach draußen, wohin er den Raum dann sterbend verlässt, so dass die durch ein Nebenzimmer auftretende, ebenfalls gealterte, nun blondierte Isolde ohne Partner endet. Eine Gruppe Jenseitiger zieht draußen von rechts nach links, Diesseitige bleiben Marke und Brangäne.

Dazu musiziert das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Donald Runnicles in Hochform, beginnend mit viel Ruhe für die Liebesfrage und die dabei für die Spannung so wichtigen Generalpausen, die von manchen Dirigenten gerne nivelliert werden. Runnicles lotet die leisen Stellen von Wagners 1865 in München uraufgeführter Partitur und betont deren filigrane Lyrik. Die würde ihren Kulminationspunkt im zweiten Aufzug finden, wenn nicht bedauerlicherweise Tristans große Tag- und Nacht-Philosophie in Berlin dem Strich zum Opfer fallen würde. Aus Sorge um wen wurde da gekürzt?

Peter Seiffert in der Titelpartie, stimmschön und bravourös, braucht um Reserven nicht zu bangen. Er ist derzeit wohl der optimale Vertreter für dieses Fach. Leider nicht so die mit Seiffert wohl nur im Doppelpack buchbare Ehefrau Petra Maria Schnitzer, die als Isolde über angenehme Piano-Kultur verfügt und sogar etwas textsicherer ist als ihr Gatte, aber in den Forte-Spitzentönen arge Intonationsprobleme hat. Der isländische Bassist Kristinn Sigmundsson beweist markant, welche Farbpalette man Markes Klage ohne Larmoyanz oder Übertreibungen abgewinnen kann. Eine angenehm timbrierte Brangäne gestaltet die Sopranistin (!) Jane Irwin, und Peter Maus als Hirt gibt einen schläfrigen Kollegen in Haus Kareol.

Die erstaunlichste Sängerleistung bietet gleichwohl Eike Wilm Schulte (Kurwenal), der als echter Siebziger im Altersheim des dritten Aufzugs seine bestens erhaltene Jugendlichkeit in Stimme und (wenn auch vergleichsweise antiquiertem) Spiel unter Beweis stellt, während Seiffert im Spiel des Sunny Boys outriert; offenbar will auch die Souffleuse (Heike Behrens) zum Eindruck der Schwerhörigkeit im Seniorenrefugium beitragen, denn unsensibel kreischend mischt sich ihre Stimme in den trefflichen Gesang der dargestellten alten Herren.

Unmutsäußerungen des Publikums, schon nach Ende des ersten Aufzuges, massierten beim Auftritt des Regieteams; viel Jubel hingegen für die Solisten und für den Dirigenten.

Weitere Aufführungen: 17., 22., 26., 30. März, 3. April 2011

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