Schönheits-OP auf der Opernbühne – Uraufführung von Thierry Thidrows „Der Hässliche“ an der Oper Dortmund


(nmz) -
„Der Hässliche“ trifft den Nerv der Zeit: Schließlich ging am Sonntag die diesjährige Berlinale zu Ende und in den Kinos läuft gerade der neue Film von Karoline Herfurth „Wunderschön“ an. Auch in der Uraufführung an der Oper Dortmund setzt man sich mit Schönheitsidealen und Optimierungswahn auseinander – ernst, absurd und kurzweilig. Die Oper „Der Hässliche“ von Thierry Thidrow basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Marius von Mayenburg aus dem Jahr 2000. Auch wenn der Stoff schon über 20 Jahre alt ist – die Oper, in der Inszenierung von Zuzana Masaryk, ist hochaktuell:
23.02.2022 - Von Sophie Emilie Beha

Sie spielt nicht auf der großen Bühne, sondern im kleinen Untergeschoss (was sofort eine intime Atmosphäre schafft). Die Bühne ist schlicht: Ein schwarz-weißer Drehtisch, der an einen Altar erinnert und mal als OP- oder Büro-Tisch, mal als Sockel und mal als Bett herhält. Auf ihm steht eine Schale mit Äpfeln und später eine Vase mit weißen Lilien. Zu Beginn der Oper, als die ausgedünnten Dortmunder Philharmoniker einen dissonanten Klangteppich weben, sitzt Lette an dem Tisch. Er (Marcelo de Souza Felix) ist schockiert. Eigentlich will er nur seine Erfindung bei einem Kongress vorstellen, aber sein Chef will lieber seinen Assistenten Karlmann (Daegyun Jeong) präsentieren lassen. Lette versteht nicht warum und als er nicht lockerlässt, verrät ihm seine Frau (Anna Lucia Struck) endlich den Grund: Lette ist unfassbar hässlich. Deshalb blickt sie ihm auch nie ins Gesicht und schaut weg, sobald Lette sich ihr zuwendet.

Lette, der seine Hässlichkeit selbst nie bemerkt hat und sich bisher auch sehr wohl gefühlt hat, ist jetzt unglücklich. Er geht zusammen mit seiner Frau zum Schönheitschirurgen Dr. Scheffler (Ruth Katharina Peeck), der ebenfalls entsetzt ist über Lettes Gesicht. Es sei sogar so hässlich, dass er nichts davon bei der Schönheits-OP übriglassen könne. „Umso besser“, sagt Lettes Frau Fanny. Lette ist eher weniger begeistert, willigt aber ein. Die OP ist wunderbar von Thidrow, Composer in Residence an der Oper Dortmund, vertont. Begleitet von hackenden Streicherakzenten machen sich Scheffler und eine OP-Schwester (die verkleidete Fanny) zuerst über seine Nase her. Schefflers Handbewegungen folgen dem Soundtrack: das Skalpell den zerfetzten Holzbläserakkorden und der Sauger den Geräuschen der Bläser. Humorvolle Tonmalerei par excellence!

Die Operation ist geglückt, Lette ist nun vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan geworden. Scheffler und Fanny sind begeistert. Die Musik wird zum ersten Mal tonal, lieblich, säuselnd – das ist so stark außerhalb der bisherigen Klangwelt, dass es fremd und unstimmig wirkt. Fanny küsst gierig Lettes neues Gesicht und lockt ihn mit bezirzenden Pseudo-Koloraturen ins Bett. Auch wenn Lette zunächst verwirrt ist – er kann sich selbst nicht wiedererkennen – gewöhnt er sich doch schnell an sein neues Aussehen und die neue Rolle in der Gesellschaft. Er ist der Schönste, natürlich fährt er zum Kongress, alle Frauen reißen sich um ihn, die Firma macht nun 70 Prozent mehr Umsatz – aber nicht aufgrund neuer Erfindungen, sondern weil Lette mit seinem Gesicht sich so gut verkaufen kann.

Plötzlich wollen alle so aussehen, wie er. Lette sieht sich immer mehr Duplikaten seiner selbst gegenüber. Sein Marktwert sinkt rapide und seine Identitätsspaltung schreitet voran. Er weiß nicht, wer er ist, wenn seine Mitmenschen zunehmend so aussehen wie er – und das in einer Gesellschaft, wo Attraktivität offenbar eine Währung ist. Als sich am Ende auch noch sein Assistent operieren lässt, für einen Aufstieg in der Firma, und Lettes Frau, von dem erotischen Überangebot überfordert, ihn betrügt, ist der Tiefpunkt erreicht. Lette führt ein Selbstgespräch zwischen seinem alten und seinem neuen Gesicht und ist kurz davor, sich von einem Hochhaus zu stürzen. Dann aber hält ihn ein junger homosexueller Mann zurück, der frisch von der OP kommt und nun auch Lettes Gesicht trägt. Beide verlieben sich in die eigene Schönheit und singen am Ende im Liebesduett „Ich kann nicht leben ohne mich“. Gemeint ist hier keine Selbstliebe, sondern pervertierte Eitelkeit.

„Der Hässliche“ ist bereits die dritte Komposition, die Thidrow für das Ensemble der Jungen Oper Dortmund komponiert hat. Die Musik ist größtenteils atonal, sehr rhythmisch und zielgerichtet – und ebenso absurd humorvoll wie das Libretto von Manfred Weiß. Das Musiktheater fragt nach der Wertigkeit von Schönheit in einer Gesellschaft, in der alle danach streben. Was passiert, sagt buchstäblich wie doppeldeutig schon das schöne Sprichwort „sein Gesicht verlieren“.

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